Ruhig, zuweilen gar bedächtig wirkt Stefan Majer auch in diesen Tagen im Gespräch, wenn es um die hoffentlich größte Herausforderung seiner Amtszeit als Gesundheitsdezernent geht. Dass Viren und Keime eine Geißel des 21. Jahrhunderts werden würden, galt als sicher. Aber so schnell? Der 62-jährige Grünen-Politiker, geboren in Tübingen, von Haus aus Theologe, hat einst als Mitarbeiter der Aids-Hilfe Frankfurt erste und schmerzhafte Erfahrungen gemacht mit den unsichtbaren Feinden. Auf verschiedenen Ebenen hat er sich später als Projektleiter verdingt, war von 2011 bis 2016 Verkehrsdezernent und kann auch deshalb die aktuelle Last der Verantwortung ermessen. Seine Magistratskollegen jedenfalls seien ganz froh, dass dieser Kelch an ihnen gerade vorübergehe, sagt Majer - und muss ob so viel Ironie des politischen Schicksals selbst mal lachen.
+
Ruhig, zuweilen gar bedächtig wirkt Stefan Majer auch in diesen Tagen im Gespräch, wenn es um die hoffentlich größte Herausforderung seiner Amtszeit als Gesundheitsdezernent geht. Dass Viren und Keime eine Geißel des 21. Jahrhunderts werden würden, galt als sicher. Aber so schnell? Der 62-jährige Grünen-Politiker, geboren in Tübingen, von Haus aus Theologe, hat einst als Mitarbeiter der Aids-Hilfe Frankfurt erste und schmerzhafte Erfahrungen gemacht mit den unsichtbaren Feinden. Auf verschiedenen Ebenen hat er sich später als Projektleiter verdingt, war von 2011 bis 2016 Verkehrsdezernent und kann auch deshalb die aktuelle Last der Verantwortung ermessen. Seine Magistratskollegen jedenfalls seien ganz froh, dass dieser Kelch an ihnen gerade vorübergehe, sagt Majer - und muss ob so viel Ironie des politischen Schicksals selbst mal lachen.

Die Angst des Gesundheitsdezernenten

"Das nächste Virus wird vielleicht tödlicher sein"

  • vonMark-Joachim Obert
    schließen

Der Frankfurter Stadtrat Stefan Majer (Grüne) über die Stadt in Corona-Zeiten, seinen kritisierten Amtsleiter und Überraschungen in der Krisenpolitik

In diesen Krisenzeiten treffen sich die Gesundheitsdezernenten der Städte regelmäßig. Zu besprechen gibt es viel, auch Wunden werden geleckt. Manchmal seien ihm die Runden wie Selbsterfahrungsgruppen vorgekommen, sagt Frankfurts Dezernent Stefan Majer (Grüne). Er und seine Kollegen stehen unter Druck - auch wegen allzu forscher Anforderungen von Bund und Ländern. Mit etwas mehr als 1500 bislang registrierten Infizierten und 61 Todesfällen liegt Frankfurt im Bundestrend. Redakteur Mark Obert zog mit Stefan Majer Bilanz.

Herr Majer, das Virus ist noch nicht überwunden, aber für viele Menschen fühlt es sich so an. Was macht Ihnen da besonders Angst?

Die Situation der gefährdeten Menschen in dieser Stadt. Nach dem, was wir über das Virus wissen, sind das leider mehr als am Anfang gedacht. Und es sind auch viele, die schon zahlreiche andere Probleme haben: Obdachlose, Drogenabhängige. Wir haben dank der Kontaktsperre bislang genügend Reserven gehabt. Die Sorge davor, im Gesundheitssystem an die Grenzen zu gelangen, treibt mich aber ständig um.

Die Landesregierung sieht das offenbar entspannter. Eben diskutieren wir noch über Schulöffnungen, da erlaubt das Land schon Veranstaltungen für 100 Leute und verringert die Abstände in Restaurants. Und Sportdezernent Markus Frank will die Schwimmbäder schnellstmöglich öffnen. Wie geht's Ihnen damit?

Mir gehen diese Lockerungen zu schnell. Vorbeugung kommt halt unsexy daher. Dabei ist sie wirksam und auch sparsam. Sollte sich das Virus auf Dauer dramatisch verbreiten, würde das die Wirtschaft mehr schwächen als jeder Lockdown. Das droht uns, wenn die Mehrheit zu leichtsinnig ist.

Wer kontrolliert und ermahnt die vielen Leichtsinnigen?

Viel wichtiger als Polizisten an jeder Ecke ist für mich, dass wir wenige klare Botschaften vermitteln und nicht 1000 unklare Botschaften. Weil wir lockern, heißt das nicht, dass die Gefahr vorüber ist. Das muss in alle Köpfe.

An klarer Kommunikation mangelt es aber auch Ihrem Gesundheitsamt. Die Internetseite ist unübersichtlich, manche Infos fehlen. Wohin zum Beispiel kann sich eine alleinerziehende Mutter wenden, wenn sie schwer erkrankt? Selbst Hausärzte kritisieren Behördenwirrwarr.

Wir sind jeden Tag daran, immer noch besser zu werden.

Was wäre eine Botschaft der Stunde?

Masken tragen! Ich war anfangs auch nicht von der Wirkung der Masken überzeugt...

... es gab ja auch zu wenige.

Das ist, zugegeben, ein Problem gewesen. Heute bin ich für eine Maskenpflicht. Da können wir viel von den Menschen in Asien lernen, die wir früher belächelt haben. Es braucht dazu auch die Zivilcourage, jemandem zu sagen: "Warum läufst du hier ohne Maske herum?" Kontrollen gehören auch dazu. Ich würde damit nur nicht auf dem Kinderspielplatz anfangen.

Wo würden Sie anfangen?

In geschlossenen Räumen - in Bussen und Bahnen, im Einzelhandel, in Lokalen.

Da wird ja kontrolliert - vom Personal. Aber in U-Bahnen und Bussen wird nicht kontrolliert, weil die Verkehrsgesellschaft sagt, ihre Kontrolleure seien nicht zuständig. Und die Stadt sagt, die Stadtpolizei habe Besseres zu tun. Offensichtlich fehlt es an Entschiedenheit im städtischen Personal.

Ich habe da auch Fragen. Wenn ein Kontrolleur einen Schwarzfahrer zum Aussteigen auffordert, kann er das auch bei jemandem ohne Maske machen. Es geht schließlich weniger um Selbstschutz, sondern darum, dass da jemand die anderen nicht gefährdet.

Selbst aus Schulen hören wir von Nachlässigkeit. In den Klassenräumen fliegen Tröpfchen und Aerosole umher, und mancherorts wird trotzdem nicht richtig gelüftet. Wir haben an Schulen beobachtet, dass niemand Pausenaufsicht führt. Kommen die wichtigen Botschaften nicht bei den Lehrern an?

Ich appelliere hier an die Verantwortung der Lehrkräfte und aller Erwachsenen, den Kindern zu vermitteln, wie wichtig es ist, ihre Eltern und Großeltern zu schützen. Es geht doch um Fürsorge und Verantwortungsgefühl für die Menschen um mich herum. Dass Kinder und Jugendliche sich gerne mal nicht so verhalten, wie sie sollten, ist doch normal. Deshalb würde ich sie eher sensibilisieren als rund um die Uhr kontrollieren. Das klappt eh nicht.

Die Verantwortungskette beginnt doch oben. Die Politik vermittelt dem Amt, das Amt den Schulleitern, die Schulleiter den Lehrern und die den Kindern.

Die Schulen haben genaue Richtlinien bekommen vom Gesundheitsamt und vom Kultusministerium. Es gibt Ansprechpersonen im Amt. Es mangelt also nicht an Information, es mangelt hier und da an der Umsetzung. Ich denke auch, dass wir alle in dieser Krise noch viel lernen müssen - auf verschiedenste Weise.

Ausgerechnet die Alten- und Pflegeheime mit ihren Risikogruppen haben sich als besonders gefährdet erwiesen. Auch in Frankfurt.

Ja, ich habe da sehr schnell reagiert, indem ich Testmobile initiiert habe, die Reihentests in diesen Einrichtungen machen. Wir haben im April 6000 Tests durchgeführt und insgesamt 82 Bewohner und 38 Mitarbeiter waren positiv.

Solche Zahlen in Altenheimen. Skandalös, oder?

Jede Infektion ist immer eine zu viel, aber die Umsetzung der Kontaktsperre in den Altenheimen war und ist wirklich ein großes Problem. Die meisten Heime haben deshalb unser Angebot zur Reihentestung angenommen. Und da haben wir dann Infektionsschwerpunkte gefunden und sind der Frage nachgegangen: Was läuft da mit der Hygiene nicht gut? Wir haben stark interveniert. Es geht da nicht nur um strikte Regeln für einige Wochen. Dies ist kein Kurzstreckenlauf, es ist ein Marathon.

Im April hat die Stadt einige Infektionsfälle in drei Alten- und Pflegeheimen publik gemacht - auch zwei Todesfälle. Vorige Woche hat unsere Zeitung von 30 infizierten Mitarbeitern und 68 Bewohnern in Alt-Praunheim erfahren. Der Träger, der Frankfurter Verband, spricht von 14 verstorbenen Bewohnern ...

... von 17 bis 21 Todesfällen bis heute gehen wir aus. Diese Einrichtung hat einen großen Bereich für Demenzerkrankte. Da kann man so etwas wie Abstandsregeln verbal gar nicht vermitteln. Wir haben auch dort entschieden nachgebessert und schnell Masken ausgegeben. In der Zwischenzeit ist dieses Infektionsgeschehen unter Kontrolle.

Vorher hatten die keine Masken?

Nicht genügend. Wir hatten mit 750 000 Masken bei Beginn der Krise zum Glück einen verhältnismäßig großen Vorrat. Wir haben diese Schutzausrüstung nicht im Gießkannenprinzip ausgeschüttet, sondern geschaut: Wo ist es dringend, wo bekommt jemand gerade keinen Nachschub. Auch niedergelassene Ärzte haben wir versorgt. Jetzt sind wir mit einem Vorrat von zwei Millionen auf der sicheren Seite - vor allem dank unserer Feuerwehr, die Mittel und Wege gefunden hat, Material zu besorgen, ohne Wucherpreise zu bezahlen.

Warum haben Sie dieses Infektionsgeschehen in Alt-Praunheim nicht der Öffentlichkeit mitgeteilt?

Wir haben die Öffentlichkeit über das Infektionsgeschehen in Alt-Praunheim sofort informiert. Daraufhin hat auch Ihre Zeitung am 1. April und am 15. April berichtet. Mein Weg ist es mit den Infektionszahlen transparent umzugehen und das werde ich auch genauso beibehalten. (Anm. der Red.: Die vielen Todesfälle nach dem 15. April wurden nicht öffentlich gemacht)

Herr Majer, als die Zahlen in Wuhan stiegen, waren Virologen in aller Welt ab Mitte Januar beunruhigt. In Frankfurt aber, dem Drehkreuz mit Welt-Flughafen, Hauptbahnhof und globalen Wirtschaftsakteuren, wurde bis Anfang März vor Panik gewarnt und Zeit vergeudet. Haben Sie zu lange auf Ihren Gesundheitsamtsleiter Rene Gottschalk gehört, der Sars-Cov-2 als Schnupfen verharmlost hat?

Er ist da nur halb zitiert worden.

Er sagte unter anderem Mitte Februar im Sozialausschuss wörtlich, Sars-Cov-2 gefährde allenfalls 20 Prozent der Bevölkerung und sei harmloser als die Grippe. Er sagte das im deutlichen Widerspruch zur damaligen Studienlage und wog ausgerechnet betagte und vorerkrankte Stadtverordnete in falscher Sicherheit.

Und ich habe bei jeder Gelegenheit immer hinzugefügt, dass der große Unterschied zur Grippe darin besteht, dass es für Corona keinen Impfstoff gibt. Wir können es doch nicht darauf ankommen lassen, Menschenleben zu gefährden. Darin sehe ich meine politische Verantwortung.

Müssen Sie sich nicht auf die Urteilskraft Ihres in dieser Krise wichtigsten Experten verlassen können?

Ich schätze die Kenntnis und die Erfahrung unseres Gesundheitsamtes sehr, höre mir aber immer auch Zweit- und Drittmeinungen an. Und wenn es mir einleuchtend erscheint, komme ich auch zu anderen Schlüssen als Professor Gottschalk. So war das zum Beispiel bei dem Eintracht-Spiel Anfang März gegen Basel. Da war ich zunächst der Auffassung des Amtsleiters gefolgt, dass ein Spiel vor Publikum unbedenklich sei, und habe dann in wenigen Stunden meine Entscheidung geändert. Die Sachlage hat sich damals binnen 24 Stunden dramatisch verändert, in allen Bereichen, nicht nur in Frankfurt.

Amtsleiter Gottschalk wurde in Medien Fahrlässigkeit attestiert. Steht er zur Debatte?

Nein. Ich bin froh, dass unser Gesundheitsamt und sein Leiter so unermüdlich gute Arbeit leisten - vor allem in der wichtigen Nachverfolgung von Infektionsketten.

Nach dem Fall der Baptisten-Gemeinde mit allein 57 Infektionen in Frankfurt hört man, dass die Nachverfolgung schon schwierig wird. Nun gibt es aus Berlin die Richtschnur, wonach es erst ab 50 Infizierten pro Woche auf 100 000 Einwohner kritisch werden würde. Das wären 350 in Frankfurt.

Das ist eine politisch willkürlich gesetzte Zahl. Sie ist realitätsfremd. Wir verfolgen deshalb ein eigenes Konzept und reagieren frühzeitig auf jedes Geschehen, und notfalls betrauen wir zusätzliche Mitarbeitende anderer Abteilungen mit der Nachverfolgung. 80 Leute arbeiten da in Spitzenzeiten.

Die Gesundheitsämter sind kaputtgeschrumpft worden. Wie stark rächt sich das jetzt?

Das Frankfurter Gesundheitsamt wurde nie kaputtgespart! Wir haben in unserer Abteilung für Infektiologie kurz vor Corona alle Stellen besetzt bekommen - auch weil wir die Bezahlung erhöht haben. Ich bin ja auch Personaldezernent, das hilft. Dass wir in den Gesundheitsdiensten mehr gute Leute brauchen, ist eine Lehre aus dieser Krise. Und wir brauchen Pläne und Konzepte, um künftig frühzeitig agieren und nicht ständig nur reagieren zu können.

Ihr Gesundheitsamtsleiter hat doch Pandemiepläne im Schreibtisch liegen.

Diese Pläne taugen in diesem Fall nichts. Das sind Pläne für Viren, die zwar hochgefährlich sind wie etwa Sars 1, die sich aber nicht in dieser Windeseile verbreiten. Und wir haben dieses Mal ja bislang noch Glück. Ich fürchte eine zweite Welle im Herbst. Und in Zukunft müssen wir mit Viren rechnen, die sich genauso schnell verbreiten und dabei vielleicht noch viel tödlicher sind.

Was lief aus Ihrer Sicht bislang schlecht in der Krise?

Zwei wesentliche Punkte: Wir müssen dauerhaft Abläufe in und außerhalb der Stadt effektiver gestalten, wir müssen über alle Dezernate und ihre Ämter hinweg strategischer zusammenarbeiten. Solch eine Krise zeigt, wie die verschiedenen Bereiche einer Stadtgesellschaft zusammenhängen. Und dann die EDV. Da müssen wir dringend nachrüsten. Wir leben teilweise noch in der digitalen Steinzeit. Damit kommst du gegen noch schlimmere Katastrophen nicht an.

Welche Fehler würden Sie nicht noch mal machen?

Ich würde schneller agieren wollen und können. Obwohl ich finde, dass wir in den Krisenstäben schon zügig zugepackt und gehandelt haben. Es war sehr motivierend, wie unkompliziert Verwaltung funktionieren kann. Das fanden nicht alle gut, schon gar nicht die Bedenkenträger und Besserwisser, aber mir hat es manchmal sogar Spaß gemacht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare