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Natur muss Zügen weichen

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Von: Andreas Haupt

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Hinter Ulrich Grunewalds Haus roden Arbeiter den Bahndamm und Bäume in seinem Garten. Die Gartenmauer ist auch abgerissen.
Hinter Ulrich Grunewalds Haus roden Arbeiter den Bahndamm und Bäume in seinem Garten. Die Gartenmauer ist auch abgerissen. © Holger Menzel (Holger Menzel)

Die Rodungsarbeiten entlang der Main-Weser-Bahn-Trasse laufen noch bis heute, danach soll der Ausbau auf vier Gleise beginnen. Die betroffen Grundstückseigentümer ärgert vor allem, dass die Bahn sie nicht vor dem Beginn informierte – und das zu viel Natur zerstört werde.

Sie hasse den Klang der Motorsägen, sagt Erika Andersen. „Wenn ich sie höre, weiß ich, dass sie wieder einen Baum fällen, unsere Natur weiter zerstören.“ Am Vortag hätten Arbeiter im Auftrag der Deutschen Bahn am Bahndamm in Eschersheim „drei wunderschöne, große Pappeln“ gefällt sowie einen mehr als 100 Jahre alten Baum. Entlang der ganzen Ausbaustrecke zwischen dem Westbahnhof und Bad Vilbel lässt die Bahn Bäume und Unterholz entfernen. Denn am morgigen 1. März beginnt die Schonfrist: Dann sind Rodungsarbeiten verboten. Und der Ausbau dieses Abschnitts der Main-Weser-Bahn von zwei auf vier Gleise (wir berichteten) beginnt.

Dafür hat die Bahn beim Regierungspräsidium (RP) Darmstadt mehrere „vorzeitige Besitzeinweisungen“ erwirkt. Denn die Enteignung einiger für den Bau benötigter Grundstücke kann noch Jahre dauern. So aber darf sie auf den Grundstücken agieren, auch wenn sie nicht die Eigentümerin ist. Ein Vorgehen, das Betroffene kritisieren. Auch weil die Arbeiter ohne Voranmeldung kamen, weil sie wie bei Jörg Döhme und seinem Vermieter Ulrich Grunewald am Montag früh einfach aufs Grundstück in der Niedwiesenstraße kamen. „Jörg kam von oben runter und meinte: ,Da kommt ein Bagger!’ “ Zum Glück hätten die Arbeiter geklingelt, denn einen Elektriker hätten sie nicht dabei gehabt: In der Mauer zur Straße hin, die sie zum Teil einrissen, sei eine Leitung für die Beleuchtung gewesen, „die hätten sie sonst vielleicht mit abgerissen.“

Der Bagger vor dem Fenster

Grunewald ärgert, dass die Bahn auch keine umfassende Bestandsaufnahme seines Grundstücks machte. Etwa von der Brauchwasserzisterne im Garten, nur einen Meter von der künftigen Baustelle entfernt. „Wer sagt denn, dass bei den jahrelangen Arbeiten und dem schweren Gerät, das hier eingesetzt wird, nichts kaputt geht?“

Nur vier, fünf Meter vor Grunewalds Esszimmerfenster arbeitet ein schwerer Bagger. So nah kommt die künftige Großbaustelle dem Haus, dass er und Döhmer nicht wissen, wie sie bald aus dem Haus kommen: Auch das Gartentor liegen in der Baustelle und muss weg. Zum Nachbargrundstück bleiben 50 Zentimeter Platz – zu wenig für einen neuen Zugang. „Mein Vater ist 92 Jahre alt, er kommt uns oft besuchen“, sagt Jörg Döhmer. „Wie soll denn das gehen? Soll er über die Baustelle laufen? Und wie kommen künftig Rettungswagen und Feuerwehr auf das Grundstück? All das ist unklar.“

Er habe geweint, als er sah, wie das Grün des einst dicht bewachsenen Bahndamms verschwand, sagt Döhmer. Und sein Vermieter ergänzt: „60 Jahre hatten die Bäume Zeit zu wachsen. Das ist nun alles weg.“ Und das, obwohl es für den Ausbau nördlich von Bad Vilbel noch kein Baurecht gebe, ärgert sich Erika Andersen: Das Planfeststellungsverfahren läuft noch. Was, wenn die Kritiker vor Gericht gewinnen und nicht gebaut werden darf? „Dann sind die Bäume für immer verloren.“

300 Meter weiter südlich, schon auf Ginnheimer Gemarkung, hat die Bahn auch Teile des Garten von Alexander Klann gerodet. Auch hier ist der Hang des Bahndamms kahl, liegen überall gefällte Bäume, zersägt in handliche Teile. 60 alte Apfelbäume hätten hier auf seinem Grundstück gestanden, erzählt Klann. „Sie waren gut gepflegt.“ Zum Glück habe er schriftlich die Zusage der Bahn, seinen Zaun wieder aufzubauen, damit der Hund nicht weglaufen kann. Nur so konnte er die Arbeiter überzeugen, den neuen Zaun zu setzen. Einige Bäume haben er und seine Frau ausgegraben, um sie im verbliebenen Teil des Gartens wieder einzupflanzen.

Erbost und enttäuscht

Klann wirkt gefasst, doch das ist er nicht. „Ich bin erbost. Und maßlos enttäuscht von unserer Rechtsprechung.“ Auch wegen der vorzeitigen Besitzeinweisung. „Es gibt nicht einmal eine ordentliche Wertermittlung des Grundstücks und der Bäume.“ Der Gutachter der Bahn habe schlecht gearbeitet. Sein eigener Gutachter, ein Professor, der Gutachter ausbilde, habe dessen Arbeit „auseinandergenommen“: Die Werte seien viel zu niedrig angesetzt.

Im fünf Kilometer entfernten Berkersheim sind die Rodungsarbeiten bereits beendet. Vor dem Hof von Uwe Engelhardt steht nun kein einziger Baum mehr, auch kein Strauch. Der Landwirt, der auch eine Reithalle betreibt, merkt bereits die Auswirkungen der künftigen Baustelle: Ihre Schulpferde schaffte die Familie ab, 18 der Mieter von Boxen im Stall haben Berkersheim bereits verlassen. Noch seien einige Fragen wie die künftige Zufahrt zum Hof nicht geregelt, sagt Engelhardt. Er betont aber auch: Die Gespräche mit Baufirma und Bahn laufen gut.

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