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Naturdenkmal ist erstaunlich vital

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Von: Gernot Gottwals

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Ein Traum von Baum: Zwei Tage lang arbeiten sich Baumpfleger mit viel Fingerspitzengefühl und Motorsägen durchs Kronendach der rund 300 Jahre alten Linde. Jetzt kann sie weiterhin Winden trotzen, die Luft reinigen und viel Schatten spenden.
Ein Traum von Baum: Zwei Tage lang arbeiten sich Baumpfleger mit viel Fingerspitzengefühl und Motorsägen durchs Kronendach der rund 300 Jahre alten Linde. Jetzt kann sie weiterhin Winden trotzen, die Luft reinigen und viel Schatten spenden. © Rainer Rüffer

300 Jahre alte Linde durch Kronenrückschnitt gesichert

Stück für Stück arbeitet sich Franck Wargnier, Baumpfleger des Grünflächenamtes, mit der Motorsäge durch das Geäst und Blätterdach der Eschersheimer Linde. Kein Auftrag für jedermann, denn hier sind Standfestigkeit, Konzentration und Fingerspitzengefühl gefragt. "Ich muss genau schauen, wo die Äste ihre Leittriebe haben und wo sich vielleicht doch noch ein Vogelnest versteckt", erklärt Wargnier.

Vorab wurde der über 300 Jahre alte Lindenbaum, Naturdenkmal und Wahrzeichen des Stadtteils, nochmals untersucht, um möglichst keine dort brütenden Vogelarten zu stören. Denn heute sollen die zweitägigen Arbeiten abgeschlossen werden, den etwa 25 Meter hohen Baum durch einen Kronenschnitt zu entlasten und die bestehenden Gurtbandsicherungen in der Krone zu erneuern, um die Äste vor einem Ausbrechen zu schützen. Dann wird auch die für die Baumarbeiten nötige Fahrbahnsperrung nach Norden in Richtung Heddernheim wieder aufgehoben.

30 Prozent der Last

werden ausgelichtet

Der Rückschnitt und die Erneuerung der Gurte sind nötig, um die Standfestigkeit des Baums vor allem bei heftigem Wind und Unwetter zu erhöhen und zu sichern. Dafür muss die Baumkrone um etwa 30 Prozent ihrer Last ausgelichtet werden. "Die Krone ist hier wie ein Segel zu sehen, welches durch Verkleinerung weniger Kraft auf den Stamm ausübt. Die Verkleinerung wird in dem Maße durchgeführt, dass der Baum in der Lage ist, die Windlast auszuhalten", erklärt Anja Stein von der Unteren Naturschutzbehörde im Umweltamt.

Bereits im Februar 2020 wurden durch Sonden mit einer Schalltomographie die Standsicherheit und Windlastigkeit der Linde untersucht. Um eine Aussage über die Reduzierung des Kronensegels und damit der Windlast treffen zu können, wurde durch ein Gutachten anhand der ermittelten Werte eine Berechnung der Windlast durchgeführt. "Die Tomogramme und Bohrwiderstandsmessungen am Stamm zeigten eine zum Teil schwere Schädigung des Holzkörpers", erklärt Stein. Doch in Anbetracht des hohen Alters und der Lage des Baums an einer versiegelten Straße sei diese Aushöhlung des Innenholzes nicht unnormal oder besorgniserregend. Bei einem Durchmesser von 21 Metern und einem Stammumfang von sechs Metern wird die aktuelle Kronenausdehnung als Basis genommen und der Wert ermittelt, den der Stamm mit seiner Holzreduktion durch die Höhlung des Stammes noch (er)tragen kann.

Nach gut zwei Stunden steigt Wargnier von seinem Hubsteiger herab und begutachtet seine Arbeit. An einigen Stellen im Astwerk sind jetzt Einschnitte erkennbar. Er erklärt, er orientiere sich hierbei an den Leittrieben, an denen die Krone ähnlich einer dichten Haarfrisur um ein Drittel ausgedünnt werden müsse. "Der Zeitpunkt ist ideal, da der Baum jetzt seine ganze Kraft zum Austreiben einsetzt und die Schnittstellen bald überwallen kann."

Knorrige Verdickungen

sind Zuckerreserven

Ansonsten zeuge die üppige grüne Baumkrone im Vergleich zu benachbarten jüngeren Bäumen von einer erstaunlichen Vitalität, findet der Baumpfleger. Passanten ziehen vorbei und wundern sich über die knorrigen Verdickungen am Stamm, die wie ein "trauriges Gesicht" aussehen würden. Wargnier erklärt, dies seien Zuckerreserven, die der Baum dort als Kraftpakete einlagere.

Beim genaueren Hinschauen werden an den ausgelichteten Stellen nun auch die Gurtbänder sichtbar. "Die stabilisieren die Äste ähnlich wie Hosenträger", erläutert Wargnier. "Davon gibt es 15 bis 20, die erneuert werden müssen." Und während sich die Baumpfleger wieder an die Arbeit machen, begutachtet Stein den Baumschnitt: Ein Großteil davon wird als Biomasse zu Pellets weiterverarbeitet. Ausgewählte Äste könnten auch als Bruthilfe für Fledermäuse dienen.

Wenn die Linde erneut voll austreibt, könnten die jetzigen Maßnahmen wieder in fünf Jahren nötig werden. Seit 1937 wird das unter Schutz stehende Naturdenkmal engmaschig auf seine Verkehrssicherheit überwacht. Gepflanzt wurde die Winterlinde am Ende des 17. Jahrhunderts und konnte anders als eine Sommerlinde am Weißen Stein, die bei einem Sturm zu Schaden kam, auch dank guter Pflege und Maßnahmen wie künstliche Bewässerung die Zeiten überdauern.

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg fand man in der Linde übrigens die sterblichen Überreste eines Erhängten. Mit solch gruseligen Überraschungen ist nun natürlich nicht zu rechnen. Aber es lohnt sich trotzdem genauer hinzuschauen: Denn so konnte Wargnier in der nordwestlichen Krone dann doch noch rechtzeitig ein Vogelnest entdecken. "Na, diesen Ast werden wir dann wohl später im Herbst zurückschneiden", sagt er. gernot gottwals

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