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Naturschützer warnen vor Gift im Urselbach

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Von: Jochen Dietz

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Niederurseler Idyll, das trügt. Der BUND warnt vor Gift im Wasser. FOTO: rüffer
Niederurseler Idyll, das trügt. Der BUND warnt vor Gift im Wasser. © Rainer Rüffer

Kontaminierten Uferabschnitt für Kinder sperren - Fischsterben hatte andere Ursache

Die BUND-Ortsverbände Oberursel/Steinbach und Frankfurt sehen nach wie vor eine hohe Belastung des Urselbachs durch das künftige Baugebiet Neumühle in Weißkirchen mit Schwermetallen. Betroffen seien besonders ein Erdwall auf dem Gewässerrandstreifen und das Bachbett. In den 1930er Jahren hatte hier eine Bronzefabrik, nach dem Krieg die Glashütte gestanden.

Schlimmer als gedacht

"Die Akteneinsicht des BUND beim Regierungspräsidium Darmstadt ergab, dass die Kontamination noch gravierender ist als gedacht und dass dringend weitere Untersuchungen durchgeführt werden müssen", heißt es in einer umfangreichen Mitteilung des BUND, die auch erhebliche Vorwürfe an die Stadt Oberursel und den Investor erhebt, der die Altlastensanierung vornahm und -nimmt.

Wegen toter Fische im Urselbach Anfang Juni hatte der BUND Wasserproben genommen und starke Belastungen mit Schwermetallen festgestellt (wir berichteten). Daraufhin hatten die Naturschützer einen Antrag auf Akteneinsicht beim Regierungspräsidium (RP) gestellt. "Trotz rechtlichen Widerstands des Projektentwicklers" habe der BUND im Dezember die Akten studieren können. "Schon aus den bisher ausgewerteten Unterlagen geht hervor, dass die Befürchtungen des BUND über die Giftkonzentration auf dem Gelände der Neumühle noch übertroffen wurden", heißt es.

Man gehe nun davon aus, dass sich die Kontamination des Bodens auf der anderen Seite des Urselbachs fortsetze. Deshalb müssten auch hier Bodenproben genommen werden, besonders wegen der dortigen landwirtschaftlichen Flächen, heißt es. Die Umweltschützer sind zudem "irritiert, dass der Bauherr nach Aktenlage bereits am 18. März 2021 über die hohe Kontamination Bescheid wusste, dies jedoch erst am 21. Mai dem Regierungspräsidium meldete. "Sowohl das Gelände als auch die Bachsohle und der Hochwasserschutzwall sind hoch kontaminiert", so der BUND. Er fordert deshalb die sofortige Sperrung dieses Bachabschnittes für Spaziergänger, besonders für Kinder und Hunde", so Dr. Claudia von Eisenhart-Rothe, Vorsitzende des BUND-Ortsverbands Oberursel.

"Auch die Bürgerschaft in Niederursel ist sehr besorgt über die Gefahr, dass sich die Kontamination des Baugebietes auf den weiteren Bachlauf bis zur Nidda auswirken könnte ", so Wolf-Rüdiger Hansen vom BUND-Ortsverband Frankfurt Nord in der Mitteilung.

Markus Brod vom Projektentwickler Pecan Development aus Frankfurt, der das Areal sanierte, ist dagegen völlig "perplex", kann die "abstrusen" Vorwürfe nicht nachvollziehen. "Wir haben niemals rechtlichen Widerstand gegen Akteneinsicht geleistet, das ist schlicht falsch."

Pecan habe das Sanierungskonzept entwickelt, dem Umweltausschuss des Stadtparlaments vorgestellt und es entsprechend durchgeführt. "Wir sind doch auf die Behörden zugegangen, haben alles offengelegt und abgestimmt. Ich weiß nicht, was wir sonst noch hätten machen können." Die Art und Weise der Probenentnahme und das gewählte Analyseverfahren des BUND sei zudem nicht transparent und könne nicht bewertet werden. Das Gelände sei inzwischen freigeräumt. Außerdem habe niemand wissen können, was sich in dem Erdreich noch alles verbirgt.

Fehlerhafte Einleitung

Auch der Stadt Oberursel macht der BUND erhebliche Vorwürfe. Wegen toter Fische im Urselbach am 3. Juni habe die Stadt Messungen am 14. Juni lediglich in weiterer Entfernung zur Baustelle veranlasst. Daraufhin sei das Fischsterben auf eine fehlerhafte Einleitung in die Kläranlage zurückgeführt worden. Bei diesen Messungen seien keine Auffälligkeiten festgestellt worden, was nach Ansicht des BUND zu erwarten gewesen sei. "Hätte die Stadt richtig gemessen, dann hätte sie die unzulässige Überschreitung der Grenzwerte selbst erkannt und sofort Alarm schlagen müssen. Eine Belastung des Urselbachs durch das Baugebiet wurde daraufhin medienwirksam durch den ehemaligen Bürgermeister Brum und seinen Bauamtsleiter Richter verneint. Dieses Vorgehen betrachtet der BUND als eine Irreführung der Bürgerschaft und der Behörden", heißt es. Die Stadt hatte damals zeitnah bei einem Vor-Ort-Termin erklärt, dass es keine Auffälligkeiten des Urselbachwassers gebe.

"Die Stadt Oberursel hatte bis zu den Erkenntnissen im Frühjahr 2021 keinen Anhaltspunkt oder eine Berechtigung, das Grundstück beproben zu lassen. Eine verspätete Reaktion kann ihr nicht vorgeworfen werden", sagt Markus Brod.

Auch die Verwaltung selbst weist die Vorwürfe entschieden zurück. "Der BUND bezieht sich hier auf eine eigene Untersuchung von Wasserproben im Juni. Die Ergebnisse wurden und mussten angezweifelt werden, da weder die Entnahmestelle exakt bekannt war noch die weitere Laboranalytik korrekt dokumentiert wurde", heißt es aus dem Rathaus. Die Laborergebnisse der von der Verwaltung veranlassten Proben seien "vollkommen unauffällig" gewesen. "Es ist völlig unstrittig, dass der Boden hier belastet ist. Gerade deshalb entsorgt Pecan die belasteten Böden nicht nur an der Bauflächen, sondern insgesamt auch im Uferrandstreifen, um im Anschluss unbelastete Grundstücke entwickeln zu können", so die Stadtverwaltung. Auch die Behauptung, dass zwischen dem Ereignis "tote Fische" am 3. Juni und der Messung der Stadt am 15. Juni. (nicht am 14. Juni) mehre Wochen liegen würden, stimmte nicht.

Pecan habe wegen der vorliegenden Schadstoffmessungen im Erdwall im Einvernehmen mit der Stadt ein Sanierungskonzept erarbeitet und dies dem RP zur Genehmigung vorgelegt. Nach erfolgter Genehmigung sei mit den Arbeiten begonnen worden, die vom RP eng begleitet würden.

Der Vorfall mit den toten Fischen ist übrigens tatsächlich auf einen Störfall in der Kläranlage zurückzuführen und hatte nichts mit dem Neumühlen-Areal zu tun. "Die nach einer Betriebsstörung in der Kläranlage durchgeführten Untersuchungen des RP haben bestätigt, dass eine unzulässige Einleitung erheblicher Mengen an Cyaniden in den öffentlichen Kanal die Ursache waren. Die Störungen der biologischen Abwasserreinigungsprozesse führten zu vorübergehenden Schadstoffeinleitungen im Urselbach", so das RP auf Anfrage. Die Ermittlungen zum Verursacher seien aber noch nicht völlig abgeschlossen. Jochen Dietz

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