Kleinanleger bestimmen Kurse an der New Yorker Börse

Nein, dies ist nicht die Französische Revolution des Finanzmarktes

  • Panagiotis Koutoumanos
    vonPanagiotis Koutoumanos
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Über die Finanzmärkte zu schreiben ist manchmal gar nicht so einfach. Da schnellen Aktienkurse ohne ersichtlichen Grund hoch - und der Journalist muss zusehen, wie er eine Erklärung dafür findet. Oft haben die Kursbewegungen ganz banale Gründe: Ein Hedgefonds, der sich mit der Aktie eingedeckt hat oder die positive Bewertung eines Experten, auf dessen Verteiler-Liste der Journalist noch nicht steht. Nachvollziehbare Ereignisse, die keines großen Überbaus bedürfen.

Aber zuweilen werden Entwicklungen an der Börse sichtbar, die manche Gemüter so erregen, dass sie nicht nur in den Medien das Bedürfnis nach einem großen Narrativ wecken. Dazu gehört nun auch die konzertierte Aktion Hunderttausender Kleinanleger, die an der New Yorker Börse den Aktienkurs des US-Computerspiele-Händlers Gamestop innerhalb von gut zwei Wochen um 1700 Prozent nach oben katapultiert - und damit milliardenschwere Hedgefonds aus dem Geschäft gedrängt haben, weil diese über Leerverkäufe auf einen fallenden Aktienkurs von Gamestop gewettet hatten.

Von "David gegen Goliath" ist nun die Rede, vom sprichwörtlichen "Mann von der Straße", der es den " gierigen Masters of the Universe" gezeigt habe. Beobachter nehmen sogar Bezug auf die Französische Revolution - sei doch nun endlich die Demokratisierung der Finanzwelt auf den Weg gebracht. Wo die linke Volksbewegung "Occupy Wall Street" "(Besetzt die Wall Street") zu Zeiten der globalen Finanzkrise kläglich gescheitert sei, habe der kleine Mann nun das korrupte Finanzsystem im allgemeinen und die "finsteren Leerverkäufer" im besonderen mit ihren eigenen Waffen geschlagen, heißt es.

Dieses Narrativ mag zwar Bilder mit großer Strahlkraft bieten - gibt aber kaum die richtige Orientierung. Natürlich können sich auch professionelle Leerverkäufer bei der Beurteilung eines Unternehmens irren. Und zweifellos muss die US-Börsenaufsicht die Frage beantworten, ob es überhaupt legal ist, dass 140 Prozent des Gamestop-Streubesitzes leerverkauft werden

Aber zum einen erfüllen Leerverkäufer als Korrektiv für überbewertete Aktien grundsätzlich einen sinnvollen Zweck - dies zeigt auch der umfangreiche Bericht des britischen Shortsellers, der zur Aufdeckung des Wirecard-Skandals geführt hat. Und zum anderen muss man nicht von übertriebenem Misstrauen erfüllt sein, um davon auszugehen, dass die Masse der zumeist jungen 4,4 Millionen Kleinanleger - die sich im Forum "Wallstreetbets" der US-Börsenplattform Reddit absprechen -, nicht von demokratischem Sendungsbewusstsein getrieben ist.

Vielmehr sind da die smarten Zocker, die sich früh mit Kaufoptionen eingedeckt haben und über soziale Medien andere Kleinanleger auf ihre Seite ziehen, um an das große Geld zu kommen. Unter denen wiederum finden sich - wie die Aussagen auf "WallStreetbets" zeigen - viele frustrierte, zum Teil rechtspopulistischen Bewegungen angehörende Bürger, die dem Establishment den Mittelfinger zeigen wollen und sich das auch leisten können. Unter ihnen sind aber noch viel mehr naive Kleinanleger, die in Zeiten des Nullzins-Niveaus auf Rendite hoffen und bald erleben werden, wie die ungeheure Blase, zu deren Bildung sie beigesteuert haben, platzt. Erst nach dieser Erfahrung wird sich zeigen, ob es sich beim Fall Gamestop um eine einmalige Kuriosität handelt oder um ein Phänomen, das den US-Finanzmarkt dauerhaft durcheinanderwirbelt.

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