Petra Rossbrey (60) ist seit einem halben Jahr im Amt als Vorsitzende des ehrenamtliche Präsidiums der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Frankfurt.
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Petra Rossbrey (60) ist seit einem halben Jahr im Amt als Vorsitzende des ehrenamtliche Präsidiums der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Frankfurt.

Awo-Skandal

Neue Awo-Vorsitzende: "Wir mussten die Insolvenz abwenden"

Die Vorsitzende der Awo Frankfurt Petra Rossbrey spricht im Interview über die Aufarbeitung des Skandals

Petra Rossbrey (60), Juristin und frühere Geschäftsführerin einer Fraport-Tochtergesellschaft, ist noch kein halbes Jahr im Amt als Vorsitzende des ehrenamtliche Präsidiums der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Frankfurt und hat die erste hohe Hürde genommen: Sie hat die Insolvenz abgewendet, die dem Sozialverband nach einem längst noch nicht aufgeklärten Skandal um persönliche Bereicherung früherer Führungseliten und womöglich veruntreute Gelder drohte. Zeit für eine erste Zwischenbilanz. Mit Petra Rossbrey sprach Sylvia A. Menzdorf

Sie sind angetreten mit dem Anspruch und Auftrag, Machenschaften einer "kriminellen Clique", so war Ihre Einordnung von Beginn an, und die unklaren Geldströme bei der Awo Frankfurt aufzuklären. Nach 20 Wochen im Amt: Wie weit sind Sie damit?

Es ist gelungen, den materiellen Schaden, der der Awo Frankfurt in den letzten fünf Jahren vor Jürgen Richters Ausscheiden zugefügt wurde, zu beziffern: 4,5 Millionen Euro. Dieser Verlust kam nicht allein durch überzogene Gehälter für die Führungsspitze und sonstige kostspielige Unternehmungen, insbesondere die Verluste aus der Flüchtlingshilfe, zustande. Auch Finanztransfers zur Awo Wiesbaden ohne erkennbaren Grund spielten eine erhebliche Rolle. Wir haben belastbar ermittelt, dass diese Summe, diese 4,5 Millionen Euro, aus Beständen der Awo kam.

Das heißt, die Awo saß mal auf einem millionenschweren Guthaben, aus dem sich bedient wurde?

Nein, das heißt es nicht. Es gab zu keiner Zeit ein Millionen-Guthaben. Die Awo ist ein gemeinnütziger Verein, der Vermögen nur in engen Grenzen haben darf, um als gemeinnützig anerkannt zu bleiben. Zur Finanzausstattung einer Organisation gehören auch andere Mittel: Kreditlinien bei Banken zum Beispiel oder finanzielle Rückstellungen für die Unterhaltung von Immobilien. Das war nach unseren aktuellen Erkenntnissen die Quelle des Geldes, das gewisse Personen hier mit vollen Händen ausgegeben haben.

Und das, während die Awo-Häuser, vorwiegend Seniorenheime und Pflegeeinrichtungen, verkamen?

So war es nicht. Erforderliche Reparatur- und Ausbesserungsarbeiten sind immer erledigt worden. Aber es gab keine Modernisierung der Häuser und Anhebung auf neuere Standards, zum Beispiel die Umwandlung von einigen Zwei-Bett-Zimmern in Ein-Bett-Zimmer. Mit diesem Versäumnis müssen wir jetzt umgehen.

Wann begann sich der Dschungel der finanziellen Undurchsichtigkeiten für Sie zu lichten?

Das war ein längerer Prozess. Als ich Mitte Februar das Mandat als Vorsitzende des neugewählten Präsidiums erhielt, war die Lage unübersichtlich. An erster Stelle stand die Aufklärung der undurchsichtigen Finanzströme. Daneben gab es weitere Aufgaben von höchster Dringlichkeit. Wir mussten die Insolvenz abwenden, von der die Awo Frankfurt bedroht war. Das hatte oberste Priorität. Davon wären über 1100 Mitarbeiter betroffen gewesen. Die Stadt Frankfurt und der Bundesverband hatten für uns existenziell wichtige Zuschüsse eingefroren. Es mussten unvermeidliche Personal- und Strukturentscheidungen getroffen werden. Als im März die beiden Interimsvorstände Steffen Krollmann und Gerhard Romen zu uns kamen, war das eine großartige Verstärkung. Mit vereinten Kräften haben wir uns durch die Buchhaltung gearbeitet. Jahresabschlüsse für 2018 und 2019 liegen nicht vor. Auch ein Liquiditätsplan fehlte. Wir haben die Gehaltsstruktur von Mitarbeitern in der Verwaltung bereinigt, deren Bezüge viel zu üppig waren und die Kosten gesenkt. Mit dieser Notoperation haben wir den Verband wieder in das richtige Fahrwasser gebracht. Alle Mitarbeiter zeigten Verständnis und haben großartig mitgezogen.

Wenn es keine Bilanzen und Abschlüsse gab, auf welcher Grundlage konnten die externen Wirtschaftsprüfer ordnungsgemäße Geschäftsführung testieren?

Es gibt keine Testate, nicht für 2018 und auch nicht für 2019. Eine ordnungsgemäße Geschäftsführung sieht anders aus.

Ungeklärt ist immer noch die Rolle der ehrenamtlichen Revisoren. Zu welchem Urteil kommen Sie über deren Wirken?

Der letzte Revisionsbericht betrifft das Geschäftsjahr 2017. Mit der Tätigkeit der ehrenamtlichen Revisoren haben wir uns noch nicht im Detail beschäftigt.

Obwohl in dem aus dem Juni 2019 stammenden Bericht schon nachzulesen ist, dass die beiden Revisoren sich außerstande sahen, kompetent und angemessen zu prüfen. Gleichzeitig aber vermerken sie dort, dass sie sich über Abrechnungen und Verträge zu den Flüchtlingsheimen hätten unterrichten lassen. Am Ende steht die Empfehlung, das Präsidium zu entlasten. Wie ist so was möglich?

Es war möglich, weil niemand eine wirksame Kontrolle ausgeübt hat.

Ihre Parteifreundin Ulli Nissen, über etliche Jahre eine der beiden ehrenamtlichen Prüfer, ringt nun um offizielle und öffentliche Exkulpation. Unklarheiten im Zusammenhang mit der Awo Frankfurt sind kaum förderlich, wenn man das Direktmandat für den Bundestag anstrebt und der Herausforderer schon auf der Planche steht. Spielt das für sie eine Rolle?

Nein, das spielt für mich keine Rolle. Ich kümmere mich um die Awo Frankfurt. Damit hat das Präsidium, damit hat der Vorstand alle Hände voll zu tun. Wir haben immer noch eine schwere wirtschaftliche Krise zu bewältigen, da ist kein Platz für falsche Rücksichtnahme. Wir müssen dafür sorgen, dass unwirksame Kontrolle nie wieder Raum finden kann. Diese fehlende Kontrolle ist natürlich nicht das Versäumnis einer einzelnen Person und erst einmal stehen da die Hauptamtlichen im Fokus. Dann erst beleuchten wir das Wirken der Ehrenamtlichen.

Ulli Nissen läuft die Zeit davon.

Eine Lex Ulli Nissen wird es bei der Awo nicht geben.

Sie haben Jürgen Richter gekündigt, dessen Stellvertreter in der Geschäftsführung abberufen, sich von einigen Protagonisten im sogenannten Awo-Skandal per Kündigung getrennt. Warum sind aber immer noch in den Skandal verwickelte Personen bei der Awo beschäftigt?

Nicht jeder, dessen Namen mal in der Zeitung stand, ist wirklich verwickelt in den Skandal. Und von denjenigen, die aktiv zum immensen Schaden an der Awo beigetragen haben, haben wir uns getrennt.

Denken Sie an Konsequenzen für Mitarbeiter, die jahrelang angesichts offensichtlicher Bereicherung und womöglich krummer Geschäfte weggeschaut haben und so den immensen Schaden ermöglicht haben?

Das wäre arbeitsrechtlich ausgesprochen schwierig. Und: Wer ist verantwortlich? Wenn Mitarbeiter von der Geschäftsführung angewiesen werden, etwas zu tun oder zu unterlassen und sie der Aufforderung nicht nachkämen, wäre es womöglich Arbeitsverweigerung. Es kommt vielmehr darauf an, Strukturen zu schaffen, in denen so etwas nicht mehr möglich ist. Und wir haben gerade in diesen komplizierten Corona-Zeiten erkannt: Die Awo Frankfurt hat eine super Mannschaft und viele Mitarbeiter, die neue Strukturen wollen und die Veränderung aktiv unterstützen. Ich bin zuversichtlich, dass wir gut durch dieses in vielfacher Hinsicht schwierige Jahr kommen.

Wann wird die Awo Frankfurt wieder eine ordentliche dauerhafte Geschäftsführung haben?

Ende Juli wollen wir die beiden neuen Vorstände öffentlich vorstellen.

Womit konnten Sie Bewerber begeistern oder überzeugen, diesen Job anzutreten? War es Geld?

Mit Geld können wir nicht punkten. Die Zeiten üppiger Verdienste sind bei der Awo Frankfurt vorbei. Die Kandidaten sind von sich aus begeistert. Sie wollen im Sozialbereich tätig sein und dort ihre Management-Kompetenz zur Geltung bringen. Außerdem ist die Stadt Frankfurt in ihrer Vielfältigkeit attraktiv als Arbeitsort.

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