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Dr. Eckhard Herrel vom Ernst-May-Museum und Dieter Wesp zeigen den 1927 von Ferdinand Kramer entworfenen ?Kramerstuhl?.

Ausstellung im Ernst-May-Haus

Das "Neue Frankfurt" und die Geschwister Leistikow

Plakate, Linolschnitte und erstmals gezeigte Privatfotos: Mit der Sonderausstellung erinnert das Ernst-May-Haus an das moderne Werk der Geschwister Leistikow.

Es begann im Frühjahr 2015 mit einer Entdeckung auf dem Südfriedhof. Stadtführer Dieter Wesp spürte die verwahrloste Grabstätte des 1962 verstorbenen Grafikers und Malers Hans Leistikow auf, dessen bekanntestes Werk der „Frankfurter Adler“ aus der Zeit des „Neuen Frankfurt“ ist. Mitte der 20er Jahre arbeitete der gebürtige Westpreuße Seite an Seite mit Architekt Ernst May, wie auch seine Schwester Grete Leistikow als Fotografin am ambitionierten Stadtbauprojekt beteiligt war, indem sie etwa Siedlungen und Ausstellungen in der Festhalle festhielt.

„Ich war erschüttert“, erinnert sich Wesp an den Fund, „immerhin liegt hier ein wichtiger Gestalter des ,Neuen Frankfurt’, Hans Leistikow leitete von 1925 bis 1930 das grafische Büro der Stadt – auch eine Straße ist heute nach ihm benannt.“ Nachdem die Ruhefrist 2013 abgelaufen war, hatte die frühere Pflegetochter Cordula Leowald-Mayer das Grab an die Friedhofsverwaltung zurückgegeben. Unkraut überwucherte schnell die Gedenkstätte. Nach der Entdeckung gründete sich spontan ein Rettungstrupp aus Mitgliedern der Ernst-May-Gesellschaft und anderen Interessierten, die den Stein reinigten und die Patenschaft übernahmen. Ab morgen erinnert eine Ausstellung im Ernst-May-Haus an das moderne Werk der Geschwister Leistikow

Rund 70 Exponate hat Kurator Dieter Wesp versammelt, von Plakaten über Linolschnitte bis hin zu erstmals gezeigten Privatfotos. Ein markantes Werk ist der gemalte „Tiger“, den Hans Leistikow in streng futuristisch-kubistischer Manier abbildet. An mehreren Orten in Frankfurt findet man Spuren. „Er entwarf nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem die Fenster des Doms sowie die der Westend-Synagoge, in beiden Fällen verzichtete er auf figürliche Darstellungen und geht von geometrischen Mustern aus. Wir zeigen die Entwürfe, in denen das Dreieck immer wieder als Grundform erscheint“, erläutert Wesp.

Die Geschwister Hans und Grete Leistikow folgten 1930 Ernst May in die Sowjetunion, richteten sich im fremden Land ein, bis sie nach sieben Jahren mit ihren Ehepartnern im Zuge der stalinistischen Säuberungen ausgewiesen wurden. Hans Leistikow konnte nach dem Krieg beruflich wieder Fuß fassen, mit seiner Frau Erika Habermann arbeitete er mit den Architekten Alois Giefer und Hermann Mäckler zusammen. So plante und bebaute man gemeinschaftlich ein Grundstück am Sachsenhäuser Stadtwald.

„Grete Leistikow hingegen reiht sich in die Schar emanzipierter Frauen dieser Zeit, die nach anfänglichen Erfolgen einen Rückzug ins Private antraten“, macht der Kurator auf ein Phänomen aufmerksam. Die Fotografin stellte punktgenau mit ihrer Hochzeit 1930 ihre Arbeit ein und nahm sie auch bis zu ihrem Tod im Alter von 96 Jahren nie wieder auf. Beigesetzt wurde die Künstlerin in Marburg, delikat: „1948 ließ sie sich von ihrem Mann, Architekt Werner Hebebrand, scheiden, vorausgegangen war dessen Liaison mit seiner schwerkranken Cousine. Grete pflegte die Rivalin jedoch bis zu deren Tod 1946. Im Marburger Grab ruhen alle drei.“

Die in der Schau präsentierten Titelblätter, die Grete Leistikow für die Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“ mit der Kamera einfing, verdeutlichen, welch großes Talent über Jahrzehnte ungenutzt blieb. Im Mittelpunkt steht ihre Fotografie von Erika Habermann, seinerzeit Freundin von Architekt und Designer Ferdinand Kramer. Schwarzer Bubikopf, knabenhafte Figur und keck hingegossen auf einem von Kramer entworfenen Stuhl.

Bäumchen wechsle dich

auch hier, die attraktive Erika heiratete später Hans Leistikow.

„Hans und Grete, die Namen der Geschwister, waren nicht zufällig gewählt“, erläutert Dieter Wesp die Kinderfotos. Tatsächlich stehen die innig aneinander geschmiegten Kinder wie zum „Abendsegen“ aus der Oper „Hänsel und Gretel“ bereit. Ihre Realität war ähnlich dramatisch, der Vater, ein Apotheker, beging Suizid. „Die Mutter schlug sich durch, es war nicht leicht. Grete machte später eine Ausbildung bei Elfriede Reichelt, einer der ersten studierten Berufsfotografinnen“, weiß der Kurator.

Bis zum 28. Februar öffnet die Schau ein wichtigstes Kapitel der jüngeren Stadtgeschichte, deren Protagonisten wegweisende Entwürfe hinterließen. Den berühmten „Adler“ gibt es als limitierten Pin zu kaufen. (fai)

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