Frankfurt am Main, 11.08.2016, Innenstadt, Histrorisches Museum, Hier: Projektteilnehmer ? Neu-Sichtungen historischer Objekte?. (v.l.)  Sara Gomez de los Rios liest für ihren verhinderten Projektteilnehmer zum Bild ?Das Franziskanerkloster in Igaracu (mitte).
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Frankfurt am Main, 11.08.2016, Innenstadt, Histrorisches Museum, Hier: Projektteilnehmer ? Neu-Sichtungen historischer Objekte?. (v.l.) Sara Gomez de los Rios liest für ihren verhinderten Projektteilnehmer zum Bild ?Das Franziskanerkloster in Igaracu (mitte).

Alternativer Multimedia-Führer

Neue Perspektiven auf Museumsexponate

  • VonGernot Gottwals
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Ein alternativer Multimedia-Führer stellt prominente Exponate des Historischen Museums aus ganz neuen Perspektiven vor. Erstellt haben ihn geflüchtete Akademiker und Studenten in Kooperation mit dem gemeinnützigen Verein „Academic Experience Worldwide“.

Okbai Tesfamichael zeigt das Paradies im Historischen Museum: „Willkommen in Brasilien. Schau zu deiner Rechten. Wie wunderschön: Erkennst du die Pflanzen?“, fragt der Flüchtling aus Eritrea die Besucher und beschreibt die Agaven, Kokospalmen und Papageien, die das Gemälde „Das Kloster von Iguazú“ aus der Sammlung Daems prägen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man schwer bepackte Menschen indianischer und afrikanischer Herkunft beim Warentransport. „Die Landschaft ist mir vertraut, die Bevölkerung setzt sich in meinem Heimatland Kolumbien ähnlich zusammen“, sagt Sára Gomez de los Ríos. Sie trägt Tesfamichaels Text vor.

14 ausländische und deutsche Akademiker und Studenten der Studiengruppe „Sammeln, Ordnen, Darstellen“ haben im Projekt „Sammlungen diverser Neu-Sichtungen historischer Objekte“ in den vergangenen sechs Monaten einige Objekte des Historischen Museums neu betrachtet: Die Auswahl reicht von einem winzigen ägyptischen Schmuckanhänger in Form einer Göttertriade bis zum Frankfurter Altstadtmodell der Gebrüder Teuner. Die Beschreibungen werden in den nächsten Monaten in einem multimedialen Führer zusammengestellt. Diesen erhalten Besucher für den Rundgang, auch soll es ihn als App und im neuen Internet-Portal des Museums geben.

„Wir wollen die Texte für den Führer bis Januar dort einstellen, wenn wir auch das Portal unseres Neubaus für die Besucher öffnen“, sagt Museumsdirektor Jan Gerchow. Passend zum Hintergrund der Teilnehmer wurden die Objekttexte mehrsprachig erarbeitet und im Studio vertont. Gefördert hat dies „eXperimente“, eine Kulturinitiative der Stiftung Aventis.

Intensive Zusammenarbeit

Die Gruppe setzte sich zusammen aus sieben Akademikern internationaler Herkunft, von denen viele einen Flüchtlingshintergrund haben, und fünf Studenten der Goethe-Universität. So haben sich neue Perspektiven auf Exponate ergeben, zu denen nur scheinbar alles gesagt worden war: Die Kunsthistorikerin und Journalistin Sara Gomez de los Ríos beschäftigte sich mit dem Radiogerät von Giuseppe Bruno und empfindet seine Situation als italienischer Gastarbeiter auf dem Hauptbahnhof Frankfurt nach.

Der Geschichtsstudent Maximilian Pfeifer betrachtete das Altstadtmodell der Gebrüder Teuner vor dem Hintergrund seiner Familiengeschichte: „Den Eisenwarenladen meines Großvaters konnte ich dort nicht mehr finden, weil er schon 1904 aus einer engen und unzugänglichen Gasse in die Stiftstraße umgezogen war“, stellte er fest. Sein Kommilitone Gregor Meinecke drehte den Spieß um und begab sich auf Eduard Rüpells „Reise nach Abessinien“: Auf diesem Weg beschreibt er die Entdeckung der Göttertriade als fiktives Abenteuer, begleitet von Unwettern und der Seekrankheit seines Begleiters.

„Wir haben in den Blockseminaren intensiv zusammengearbeitet und von einigen ausländischen Teilnehmern sehr viel über deren Flucht nach Deutschland erfahren“, erklärt Meinecke. „Viele dieser Menschen hatten in ihren Herkunftsländern eine akademische Ausbildung und Kompetenzen als Juristen, Künstler oder Journalisten, während sie hierzulande nur noch als Flüchtlinge gelten“, unterstreicht Christiane Borchert von „Academic Experience Worldwide“. Und doch werde Frankfurt für sie zum Exil und neuen Heimatort.

Trend für die Zukunft

„Wir haben in unseren Beständen 633 000 Objekte und werden in solchen Projekten vermehrt externe Betrachtungsweisen einbeziehen“, sagt Gerchow. Die Zeiten, in denen Museumsbestände nur von den eigenen Kuratoren verwaltet, erforscht und gezeigt würden, sollten der Vergangenheit angehören. „Sicher wird nicht jeder sachkundige externe Laie gleich zum Experten, aber er kann durchaus wertvolle Expertisen einbringen.“

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