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Christian Sewing (47) ist der neue Hoffnungsträger der Deutschen Bank. Êr gibt sich betont kämpferisch.

Deutsche Bank

Neuer Bankchef fordert „Jägermentalität“

Der neue starke Mann an der Spitze der Deutschen Bank hat sich an seinem ersten Arbeitstag in einem Brief an die Mitarbeiter gewandet. Christian Sewing wirbt um Vertrauen, kündigt aber gleichzeitig harte Einschnitte an. An der Börse kommt der Führungswechsel zunächst gut an. Kritik kam vom mächtigen Aktionärsberater Hermes.

Der neue Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing will hart durchgreifen, um das Institut nach drei Verlustjahren zu stabilisieren. Von seinen knapp 100 000 Mitarbeitern erwartet der 47-Jährige, der überraschend zum Nachfolger des Briten John Cryan gekürt wurde, eine neue „Jägermentalität“, wie er in einem Brief an die Belegschaft schrieb. Bei dem größten deutschen Geldhaus werde kein Stein auf dem anderen bleiben. Er werde „harte Entscheidungen treffen und umsetzen“, erklärte der bisherige Leiter des Privatkundensparte, der seit vorigem Jahr einer von zwei Stellvertretern Cryans war.

An der Börse kamen Sewings Worte zunächst gut an: Die im Dax gelistete Aktie des Geldhauses legte im frühen Handel um mehr als vier Prozent zu. Zum Handelsschluss betrug das Plus nur noch gut ein Prozent.

Analysten äußerten sich skeptisch: Alleine ein Wechsel an der Spitze der Bank könne die Probleme des Instituts nicht lösen. Zwar spreche die Deutsche Bank von einer „neuen Ära“, „doch was wirklich zählt, ist, dass die Bank seit mehreren Jahren keine klar definierte Strategie hat und ebenso wenig die Unterstützung aller Parteien für die Richtung, in die das Institut geht“, äußerten etwa die Branchenexperten der US-Investmentbank JP Morgan.

Verbale Breitseiten kassierte der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner vom mächtigen Aktionärsberater Hermes, auf den zahlreiche große Pensionskassen und andere institutionelle Investoren hören. Dessen Chef Hans-Christoph Hirt nahm sich Achleitner, der seit 2012 an der Spitze des Aufsichtsrats steht, zur Brust. Er sei den Anteilseignern viele

Antworten schuldig

: „Die Ernennung von Christian Sewing ist der dritte Chefwechsel während seiner sechsjährigen Amtszeit. Warum musste jetzt ein neuer Chef ernannt werden? Was bedeutet der Chefwechsel für die Strategie der Bank, und insbesondere die Investmentbank, und ihre Umsetzung?“

Auch nach der überraschenden Abberufung von John Cryan kommt das größte heimische Geldhaus nicht zur Ruhe. Denn der als Befreiungsschlag gedachte Vorstandsumbau löst den seit Jahren tobenden Streit um die richtige Strategie nicht. Auf der Hauptversammlung am 24. Mai in Frankfurt erwartet Achleitner deshalb nach drei Jahren mit Verlusten in Folge – wieder einmal – ein Scherbengericht der Aktionäre.

Sewing, der seit Lehrlingstagen beinahe sein komplettes Berufsleben bei der Deutschen Bank verbracht hat, gilt als ein Vertreter des klassischen Bankings europäischer Prägung mit geringen Berührungspunkten zum eher angelsächsisch geprägten Investmentgeschäft, in dem das Institut in den Jahren vor der Finanzkrise Erfolge feierte.

Der neue starke Mann in den Frankfurter Doppeltürmen steht unter enormem Erwartungsdruck der seit Jahren darbenden Aktionäre, seitens der Politik und der Regulatoren. „Wir wissen, dass wir uns hinsichtlich der Ertrags-, Kosten- und Kapitalstruktur weiter verändern müssen“, schrieb er in seinem Mitarbeiterbrief. Kernfrage ist, wie stark das Kapitalmarktgeschäft – einst Ertragsperle der Bank – künftig noch sein wird. Das Institut hat unter dem Projektnamen „Colombo“ bereits damit begonnen, diese Aktivitäten im Handel mit Aktien, Anleihen, Devisen und Rohstoffen auf den Prüfstand zu stellen – vor allem in den USA.

Sewings wichtigster Mann auf diesem Weg ist der Südafrikaner Garth Ritchie, der im Zuge des Vorstandsumbaus einer seiner beiden neuen Stellvertreter ist und zugleich die Investmentbank künftig alleine leitet. Ritchie ist seit Jahrzehnten bei der Bank und hat als einer der wenigen Händler die Finanzkrise ohne Blessuren überstanden. Der 49-Jährige hatte bislang gemeinsam mit Marcus Schenck das Investmentbanking geleitet, Schenck will die Bank zur Hauptversammlung am 24. Mai verlassen.

Sewing machte klar, dass die gesamte Bank, aber vor allem die Investmentbanker, den Gürtel künftig enger schnallen müssen. Das Führungsteam werde nicht mehr akzeptieren, dass Ziele auf der Kosten- und Ertragsseite verfehlt würden. So sei es „nicht verhandelbar“, dass die bereinigten Kosten in diesem Jahr 23 Milliarden Euro nicht übersteigen dürfen. „Rückschläge wie im vierten Quartal 2017 dürfen sich unter keinen Umständen wiederholen.“ Die Messlatte müsse in allen Geschäftsbereichen höher gelegt werden. „Unser Start in das Jahr war solide, aber ’solide’ darf nicht unser Anspruch sein.“

Die Politik sieht den Führungswechsel bei der Deutschen Bank unterdessen als Chance für das kriselnde Institut. FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sagte: „Die Berufung von Christian Sewing ist eine Chance, dass die Deutsche Bank zu ihren Wurzeln zurückfindet.“ Der Wirtschaftsstandort Deutschland brauche eine international gut aufgestellte Großbank.

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