Prof. Dr. Steffen Kunzmann mit einer seiner kleinen Patientinnen: Im Brutkasten schlummert Maja*. Das Mädchen kam in der 24.  Schwangerschaftswoche im Bürgerhospital zur Welt, 640  Gramm leicht, 31  Zentimeter klein.
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Prof. Dr. Steffen Kunzmann mit einer seiner kleinen Patientinnen: Im Brutkasten schlummert Maja*. Das Mädchen kam in der 24. Schwangerschaftswoche im Bürgerhospital zur Welt, 640 Gramm leicht, 31 Zentimeter klein.

An der Grenze zur Lebensfähigkeit

Neuer Chefarzt kümmert sich um die kleinsten Patienten

  • Stefanie Liedtke
    VonStefanie Liedtke
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Seit Jahresbeginn leitet Prof. Dr. Steffen Kunzmann die Klinik für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin am Bürgerhospital. Der 44-Jährige tritt in große Fußstapfen: Sein Vorgänger Prof. Dr. Werner Rettwitz-Volk hat die Klinik seit ihrer Eröffnung 2001 zu einer der größten Frühchenstationen des Landes gemacht.

Mit einem Häufchen Leben kennt er sich aus: Manche Patienten von Prof. Dr. Steffen Kunzmann (44) wiegen kaum mehr als eine Packung Nudeln, so wie die kleine Maja*, die da im Brutkasten liegt und schlummert. Am 7. Januar kam das Mädchen in der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt – 640 Gramm, 31 Zentimeter, „an der Grenze zur Lebensfähigkeit“, sagt Kunzmann. „Sie hat sich gut gemacht“, freut sich der neue Chefarzt der Klinik für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin am Bürgerhospital.

In den Niederlanden hätten die Ärzte Maja sterben lassen. Dort werden Frühchen erst ab der 25. Schwangerschaftswoche intensivmedizinisch betreut. In Deutschland ist das anders. Hier kämpfen Ärzte, je nach Fall, ab der 22. Schwangerschaftswoche um das Leben der Zwerge – sofern auch die Eltern bereit sind zu kämpfen. „Man muss sie ausführlich über die Risiken aufklären“, betont Kunzmann, denn ob ihr Kind den Kampf gewinnt, ob es lebt oder stirbt, ob es gesund oder behindert sein wird, kann bei derart kleinen Frühchen niemand vorhersagen. „Der liebe Gott hat sich etwas dabei gedacht, dass eine Schwangerschaft 40 Wochen dauert und nicht 24“, betont der Neonatologe.

Während in den 1970er und -80er Jahren noch beinah alle Frühchen unter 1500 Gramm gestorben sind, überleben heute neun von zehn Knirpsen, acht von zehn ohne größere Beeinträchtigungen. „So viel Fortschritt gibt es in kaum einem anderen Bereich der Medizin“, betont Kunzmann. Das gelte vor allem bei der Lungenentwicklung: Mittlerweile wissen die Ärzte, dass eine Cortisonspritze für die Mutter kurz vor der Geburt die Lungenreife des Babys und somit seine Überlebenschancen fördert.

Dank der Kennedys

Daran, und an vielen weiteren Fortschritten auf diesem Gebiet, hatte die amerikanische Präsidentenfamilie Kennedy entscheidenden Anteil, berichtet Kunzmann: Jackie Kennedy, Ehefrau des 1963 ermordeten John F. Kennedy, brachte nur wenige Monate vor dem Attentat auf ihren Mann den kleinen Patrick zur Welt, einige Wochen zu früh. Er lebte nur zwei Tage. Das Schicksal des Jungen erschütterte damals die USA, schuf aber auch die Basis für Kunzmanns Fachgebiet, die Neugeborenenmedizin. Plötzlich gab es Forschungsgelder, Lehrstühle, medizinischen Fortschritt.

Frühgeburten verhindern

„Unser Ziel muss es dennoch sein, Frühgeburten von vornherein zu vermeiden“, betont der neue Chefarzt, dass das Thema eine weitere Dimension hat. Umso mehr freut es ihn, dass er mit Privatdozent Dr. Franz Bahlmann, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Bürgerhospital, einen starken Partner hat. Das Haus ist mit 3200 Geburten pro Jahr Hessens größte Geburtsklinik und spezialisiert auf Mehrlings- sowie Risikoschwangerschaften.

In Zukunft, davon ist Kunzmann überzeugt, werden sich Kinderheilkunde und Geburtshilfe immer mehr verzahnen, denn immer häufiger werden Babys bereits im Mutterleib behandelt. „Das ist eines der spannendsten Felder der Zukunft“, findet Kunzmann.

Dass er einmal Kinderarzt werden will, stand für den Neu-Frankfurter schon während des Studiums fest. „Die Entwicklung vom Neugeborenen über das Kleinkindalter bis zum Jugendlichen ist das Spannendste, was es gibt. Das hat mich fasziniert“, erklärt er. Zunächst spezialisierte er sich auf die kindliche Lunge, stellte bald fest, dass viele Prägungen bereits während der Schwangerschaft passieren. Die Neigung etwa zu Allergien sei bei Kindern geringer, deren Mütter während der Schwangerschaft auf einem Bauernhof gelebt haben. „Das Leben fängt nicht erst mit der Geburt an“, sagt der Bamberger, der zuletzt an der Uniklinik in Würzburg beschäftigt war. In Frankfurt gefällt es ihm gut, den Main, scherzt er, kenne er ja schon. Am Bürgerhospital fühlt er sich gut aufgenommen. „Das Klima ist schon etwas anders als an der Uni.“

In seiner knapp bemessenen Freizeit („Das ist mehr als ein Fulltime-Job.“) geht Kunzmann gerne mit seiner Frau aus – ins Kabarett, ins Kino, ins Restaurant. Zudem treibt der Mediziner gerne Sport – er fährt Ski und Mountainbike, geht joggen, spielt Volleyball. Oder er legt mal eben eine Zusatzausbildung ab – in Maastricht hat er den internationalen naturwissenschaftlichen Doktortitel PhD erworben, zuletzt hat er einen Master in Gesundheitsmanagement draufgesetzt. „Das nutzt mir jetzt sehr. Als Chefarzt braucht man auch gewisse Grundkenntnisses in Krankenhausmanagement“, sagt Kunzmann.

Von derlei Dingen weiß die kleine Maja noch nichts, wie sie da in ihrem Brutkasten liegt und schläft, während ihre Eltern auf ein normales Leben für ihre Tochter hoffen.

*Name von der Redaktion geändert.

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