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Stadt. Land. Schluss.

Wie der neue Stadtteil die letzten Frankfurter Bauern vertreibt

Ein neuer Stadtteil zwischen Niederursel und Praunheim soll der Wohnungsnot Abhilfe schaffen. Dort befinden sich aktuell die letzten Äcker und Weiden Frankfurts. Lange haben sich die Bauern dort gegen den Verkauf gewehrt, jetzt hat der erste verkauft. Wir hatten die letzten Frankfurter Bauern vor einem guten Jahr besucht. 

Die Grenze zwischen Frankfurt und Oberursel ist ein Feldweg. Links Getreide, rechts Zuckerrüben. Links die Skyline, rechts Landidyll. Richard Bickert steht auf der Demarkationslinie, die die Stadt vom Land trennt. Er bestellt Äcker auf beiden Gemarkungen. Weizen und Mais auf Frankfurter Gebiet und zusätzlich Zuckerrüben in Oberursel. Der Landwirt greift in seinen Weizen, lässt einzelne Ähren durch seine Finger gleiten und nickt zufrieden. "Keine Parasiten, ausreichend feucht“, sagt er. Die Prognosen für die Ernte dieses Jahr sind gut. Wärme, Sonne, Regen, passt.

Früher, bis in die 70er Jahre, war das alles Oberurseler Land - vor der Gebietsreform. Dann hatte die Stadt Frankfurt die Äcker übernommen. Man wollte die Felder damit vor Bebauung schützen und damit ihren kühlenden Effekt für die Metropole bewahren. Heute ist alles anders.

Gut gegen Hitze

Bickerts Äcker liegen seither an den Ausfransungen der Mainmetropole. Felder, Pferdekoppeln und Kleingärten klettern die Anhöhe hinunter. Die Stadt beginnt zögerlich. Einzelne Wohnhochhäuser ragen aus dem Grün hinaus. Mittendrin das Nordwestkrankenhaus wie ein monströser Grenzstein. Dahinter: Die Nordweststadt. Die Frankfurter Skyline wie eine Kulisse am Horizont. Links die Reihenhäuser des Riedbergs, rechts liegt Steinbach, im Rücken Oberursel, dahinter der Feldberg. Die A 5 durchschneidet das Panorama, schlängelt sich mit konstantem Rauschen in Richtung Norden.

Bickert schiebt sich seine Baseballmütze aus der Stirn. Es ist zehn Uhr morgens und bereits warm. Später wird es heiß. Dann flimmert die Hitze über Autobahn und Stadt. Hier oben geht’s dann meist noch, sagt der Landwirt. Taunusluft treibt vom Großen Feldberg über den Altkönig hinab in Richtung Innenstadt.

Kühlflächen der Stadt

Im Frankfurter Klimaplanatlas sind Bickerts Felder blau eingefärbt. Sie gelten als Kühlfläche für eine Stadt, die laut Deutschem Wetterdienst auch ohne weitere Bebauung die 25-Grad-Marke bis 2050 immer seltener unterschreiten wird. Experten rechnen künftig mit durchschnittlich 72 Tagen Sommer pro Jahr. Bis 2000 war das nur 46 Mal der Fall.

Nur ein Fleck

Frankfurt ist ein Scheinriese. Aus der Ferne eine Weltmetropole, aus der Nähe ein Zwerg. Auf der Deutschlandkarte nur ein kleiner Klecks. Über 700.000 Einwohner drängen sich hier auf einer Fläche, die kleiner ist als die Stadt Münster mit ihren rund 300.000 Einwohnern. Die Bevölkerungsdichte ist schon jetzt enorm: Münster: etwa 1000 Menschen auf einen Quadratkilometer, Frankfurt: 3000 Menschen auf einem Planquadrat. Bis zum Jahr 2027 könnten in der hessischen Metropole knapp 100.000 Menschen mehr leben, schätzt das Institut der Deutschen Wirtschaft.

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Der „Rat der Immobilienweisen“ ist da pessimistischer: Zu hohe Lebenshaltungskosten und schwindende Lebensqualität würde künftig vor allem Menschen mit durchschnittlichem Einkommen abschrecken, in die Stadt zu ziehen. Es ist das klassische Dilemma: Wenn die Stadt nicht weitere Wohnungen baut, treiben die Mietpreise weiter in die Höhe. Bebaut sie auf ihrem Fleckchen Erde die Naherholungsgebiete, kann dies die Lebensqualität mindern. Die Idee, zwischen Praunheim und Steinbach zu bauen, ist also das kleinere Übel. Die Frischluftschneise aus dem Taunus ist wichtig, die Frischluftschneise aus der Wetterau, die über Bad Vilbel in die Stadt weht, ist wichtiger, so die Einschätzung eines neuen Gutachtens.

Das kleinere Übel

„Wir leben nicht in einer perfekten Welt“, sagt Mark Gellert vom Frankfurter Planungsdezernat. 10.000 Wohnungen sollen im Nordwesten, zwischen Steinbach und Oberursel entstehen. Bis zu 30.000 Menschen sollen dort ein Zuhause finden. Dafür stehen nach Abzügen von Autobahn und Stromtrasse rund 190 Hektar Bruttobauland zur Verfügung. Das ist etwas größer als die Fläche des Waldstadions. Vor allem Mehrfamilienhäuser sollen entstehen. Dichter als der Riedberg soll der neue Stadtteil werden, gleichzeitig soll die Bebauung durchlässig bleiben für die Luft aus dem Taunus.

Man wolle das Bauprojekt sorgfältig planen, mit Fassaden und Dachbepflanzungen zusätzlich kühlen. Mehr könne man noch nicht sagen, die Planungen stehen noch am Anfang. „Umwelt- und klimatische Fragen haben oberste Priorität“, versichert Gellert. Jürgen Groß, Stadtplaner und Projektentwickler aus Frankfurt geht sogar noch einen Schritt weiter. Die Verdichtung der Städte könnte erhebliche ökologische Vorteile mit sich bringen. Es sei schließlich weniger aufwändig die Eier in die Stadt zu bringen, als die Menschen. „Wir erleben eine Verdichtung in Ballungsräumen“, sagt er. Gleichzeitig sterben Dörfer in strukturschwächeren Gebieten aus. Dort gäbe es also wieder Raum für die Landwirtschaft. Ein drastischer Paradigmenwechsel. Für Groß die „einzig mögliche Form des Lebens in der Zukunft“.

Angst um die Existenz

Von den Bauplänen der Stadt haben die betroffenen Landwirte nur durch Zufall erfahren. Erst seien Gerüchte von Kilianstädten rüber nach Oberursel geschwappt, dann lasen sie davon in der Zeitung. Ein beklemmendes Gefühl sei das gewesen. Seitdem schläft Bickert mit dem Gedanken an die geplante Bebauung ein und wacht damit auf. Bis heute gab es kein offizielles Gespräch. Keiner aus dem Römer kam bisher vorbei oder hat eine Runde mit dem Bauern entlang der Äcker gedreht. Das findet Bickert arrogant. Schließlich sind von den Plänen ein Drittel seiner Felder betroffen.

Für Niklas Sulzbach steht noch mehr auf dem Spiel. Für ihn geht es um knapp die Hälfe der Familienäcker. Der junge Landwirt hat noch nicht ganz seinen Bachelor in Agrarwissenschaften in der Tasche und muss um seine Existenz fürchten. Gerade hat er die Verantwortung für den Betrieb übernommen. Der 24-Jährige hat sich bewusst für den Beruf des Landwirtes entschieden. Auch aus ideellen Gründen, wie er sagt. Der blonde junge Mann steht an diesem Morgen neben seinem Feldnachbarn Richard Bickert.

Beide sind der Meinung, dass sich die Stadt nicht ausreichend um die Umwandlung von Gewerbeflächen in Wohnflächen bemühe. Weiter Fläche in Frankfurt zu versiegeln halten sie für zu kurz gedacht. „Wir sind an dem Punkt angelangt, an dem wir auch unsere Felder unter Naturschutz stellen müssen.“

Die Landwirte leben in einer Nische, die es wohl bald nicht mehr gibt. Sie vertreiben ihre Produkte ausschließlich über regionale Vermarktungswege. „Hier gibt es Betriebe, die mit wenig Fläche sehr erfolgreich wirtschaften“, erklärt der Jungbauer. Das Getreide zum Beispiel bringen sie in die großen Mühlen nach Frankfurt oder Kilianstädten. Keine 25 Kilometer Transportweg. Konventionelle aber nachhaltige Landwirtschaft nennen sie das.

Mit dem neuen Stadtteil wird es kompliziert

Niklas Sulzbach zeigt schräg nach unten auf zwei große Silos neben der A5. Bauer Wolfgang Stark hält dort Hühner und verkauft die Eier an die Supermarktketten in Frankfurt. Vor zwei Jahren habe er erst die Genehmigung von der Stadt erhalten, zwei weitere Legeställe zu bauen. Wenn der neue Stadtteil kommt, wird es mit den Hühnereiern aus dem Norden Frankfurts kompliziert. Dann fehlt dem Bauer der Platz, um Futter für die Hühner anzubauen und für den Mist, der den umliegenden Feldern als Dung dient. Kein Platz mehr für regionale Produkte.

Auf der Schwelle

Vor 38 Jahren kam Richard Bickert aus dem winzigen Ort Bruchenbrücken bei Friedberg in die Sichtweite der Großstadt, übernahm den Betrieb seiner Schwiegereltern. Schon damals war die Nähe zu Frankfurt in Oberursel zu spüren. In der Weißkirchener Gaststätte „Zum Rühl“ durfte am runden Tisch niemand sitzen - außer die politische Prominenz und die Herren in Anzug und Krawatte. „Das war nicht so eine Dorfkneipe wie in der Wetterau“, erzählt er. „Da saßen Frankfurter und der Herr Doktor sowieso“, er winkt lachend ab.

Seit damals sät und erntet er auf der Schwelle, zwischen Land und Stadt. Zwischen Graffiti in der Autobahnunterführung und an seiner Scheune. Gleich hinter den Äckern: Sperrmüll mit alten Kassettenrekordern, gammeligen Sofas, Kamille und Klatschmohn wachsen zwei Meter weiter. Riesige Libellen schweben dort einen Moment über Beton und verschwinden dann über dem Feld.

Mit dem Traktor an der Skyline entlang

Bickert lebt nicht nur damit, sondern liebt es. Abends mit dem Traktor am Skyline-Panorama entlangtuckern, auf die Autobahn hinunterschauen. „Zu sehen, wie die da stehen“. Er lacht. „Das hat schon was.“ Die Stadtkulisse bei Nacht, ein Lichtermeer. „Unvergleichlich!“, sagt er – nun aber mit Verfallsdatum. Die Sonne klettert weiter. Es wird diesig. Richard Bickert tuckert mit seinem John Deer an den Frankfurter Äckern entlang. Die Sommergerste zieht wie ein gelbes Meer an ihm vorbei. In zwei Wochen ist Erntezeit. Er stoppt das Gefährt. Es kommt rumpelnd gleich neben dem Feld zum Stehen. Der Landwirt schaut wieder in Richtung Frankfurt, blinzelt in die Sonne. „Wir dachten immer, die Autobahn ist unser Puffer, daran wagen sie sich nicht so schnell.“ Er habe aber immer gewusst: „Wenn die einen Sprung über die Autobahn machen, sind wir verloren.“

Die. Das sind die Stadtplaner in Frankfurt. Für Bickert Menschen, die nicht sehen, welcher Schatz vor den Metropole in den Böden ruht. Anders sei das in Oberursel. Mit Bürgermeister und Stadtkämmerer könne man offen reden. Letzterer wohne gegenüber. Er fühlt sich von den Frankfurter Plänen überrumpelt. Die Felder hier sind fruchtbar, Lehmboden voll mit Nährstoffen. Einmal versiegelt, stirbt der Boden unwiderruflich ab, erklärt Bickert. Trotzdem stimmten die Frankfurter Grünen „angesichts des stetigen Bevölkerungswachstums und der Probleme auf dem Wohnungsmarkt im Grundsatz zu“, dort einen neuen Stadtteil zu bauen.

Landwirtschaft als Entertainment

„Ich geb‘ nix her!“, sagt Bickert und greift entschlossen nach seinem Lenkrad. Er drückt aufs Gas.Er kann sich noch erinnern, wie Anfang der 2000er befreundete Landwirte ihre Äcker mit dem Bau des Riedbergs verloren haben. Er hat gesehen, wie rücksichtslos dort mit den Feldern umgegangen wurde. „Das war ein Rennen zwischen Baggern und Traktor“, erinnert er sich. Die Bagger waren schneller. Hatten den erntereifen Weizen einfach zusammengeschoben und später weggeschmissen. Man habe Termine, könne nicht drei Tage warten, hätte es damals geheißen.

Der U-Bahn-Anschluss kam erst 2010, als viele Häuser schon lange standen. Entsprechend schleppend zog es die Menschen in den neuen Stadtteil. „Danke für diese U-Bahn-Strecke“, sangen die Riedberger damals, angelehnt an das evangelische Kirchenlied von Martin Gotthard Schneider. Dicht gedrängt standen sie damals in der U8, die sie bei ihrer Jungfernfahrt an einem kalten Dezembermorgen das erste Mal nach Frankfurt Innenstadt brachte. Das soll beim neuen Stadtteil anders sein. „Bevor das erste Haus entsteht, werden die Infrastruktur und die Schulen gebaut“, verspricht Planungsdezernent Mike Josef (SPD).

Die Stadt hält eine Verlängerung der U6 für denkbar. Außerdem soll effizienter gebaut werden. Mehr Menschen pro Quadratmeter, der Schwerpunkt soll auf Mehrfamilienhäusern liegen. „Platzverschwendung“, nennt Bauer Bickert den Bau auf dem Riedberg. „Der Riedberg ist in einer anderen Situation entstanden“, formuliert es Mark Gellert diplomatischer.

Ein Mini-Freizeitpark für die Städter

Die Bauern von den Frankfurter Äckern wollen sich nicht geschlagen geben. Und auch in Steinbach formiert sich Widerstand. FDP-Fraktionschefin Astrid Gemke hat am Wochenende etwa 400 Unterschriften gegen den geplanten Frankfurter Stadtteil gesammelt. „Wir werden kämpfen“, sagt auch der junge Landwirt entschlossen.

Auf Bauer Bickerts Tour kommt die Scheune in Sichtweite. Gleich daneben steht der Mais. Die noch kleinen Pflanzen werden in einem Monat mannshoch sein. Dann startet der Bauer wieder sein Maislabyrinth. Dazu gibt es eine Strohburg, Planwagenfahrten und Streichelzoo.

In der Scheune hängt eine Wäscheleine. Alte Büstenhalter und Bauernhemden als Relikt aus vergangenen Zeiten. Auch Bickerts weißes Taufkleid bewegt sich dort oben leicht in der Zugluft. Vor der Scheune dann: Würstchen, Brezeln und Kuchen für gestresste Städter, die sich in ländlicher Idylle zerstreuen möchten. Die wollen, dass ihre Kinder wissen, wie Getreide und Mais aussehen. Künftig will der Landwirt seinen Mini-Freizeitpark ausbauen. Bis auch er der stetig wachsenden Stadt zum Opfer fallen wird.

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