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Neun Dealer auf der Anklagebank

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Von: Daniel Gräber

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Die Polizei geht vermehrt gegen Drogendealer im Bahnhofsviertel vor ? Nordafrikaner haben sich auf dem Rauschgiftmarkt etabliert.
Die Polizei geht vermehrt gegen Drogendealer im Bahnhofsviertel vor ? Nordafrikaner haben sich auf dem Rauschgiftmarkt etabliert. © Boris Roessler (dpa)

Auf dem Frankfurter Rauschgiftmarkt haben sich seit 2015 Dealer aus Nordafrika etabliert. Diese Folge der Flüchtlingskrise beschäftigt nun auch die Justiz. In einem großen Drogenprozess am Landgericht zeigen sich die Schattenseiten der Willkommenskultur.

Kurz vor der Mittagspause verliert Jens Peter Kulik seine Geduld. „Es sind mehrere tausend Euro ausgegeben worden, um Ihr richtiges Alter herauszufinden“, herrscht der Vorsitzende Richter den angeklagten Marokkaner an. „Geld, das alle hier im Saal erarbeitet haben – sofern sie arbeiten.“

Kuliks Blick schweift über die Schar von Anwälten und Arabisch-Dolmetschern, die sich im großen Saal des Landgerichts Frankfurt um sechs mutmaßliche Drogenhändler kümmern. Auf den Zuschauerplätzen hinter dem Gatter sitzen junge Frauen mit Kopftüchern und Kleinkindern auf dem Arm.

Hat sich jünger gemacht

„Ich kann das nicht auf die leichte Schulter nehmen“, fährt der Richter fort. Der Angeklagte U., der an diesem Prozesstag im Mittelpunkt steht, soll sich jünger gemacht haben, als er ist. Gerichtsmediziner stellten fest, dass er mindestens 21 Jahre alt ist, auf die Milde des Jugendstrafrechts kann er daher nicht mehr setzen. Mit gesenktem Blick nuschelt er nun etwas vor sich hin, sein Dolmetscher übersetzt: „Ich bereue es.“

Es ist nur die Momentaufnahme eines Mammutprozesses, der derzeit am Landgericht verhandelt wird. Drogenfahnder haben in akribischer Ermittlungsarbeit neun Marokkaner vor Gericht gebracht, die Deutschlands offene Grenzen offenbar für einen schwunghaften Handel mit Heroin, Haschisch und Marihuana genutzt haben sollen. Einige von ihnen kamen im Zuge der Flüchtlingskrise nach Deutschland. Andere sind schon länger hier. Sie kennen sich, sind teilweise wohl auch miteinander verwandt, ihre Rauschgiftgeschäfte sollen sie aber nicht als Bande sondern in wechselnder Zusammenarbeit betrieben haben. Die Struktur ist für Richter und Staatsanwälte schwer zu durchschauen. Denn die Angeklagten verraten kaum etwas.

Nicht nur beim Alter, sondern auch bei seinem Namen versuchte U. die deutschen Behörden hereinzulegen. Auf seinem Namenschild im Gerichtssaal steht noch der falsche Nachname „Tahiri“, sein tatsächlicher Name kam erst während des laufenden Strafverfahrens heraus. Als Richter Kulik ihn fragt, warum er gelogen habe, sagt U.: „Das weiß ich nicht. Jeder gibt einen anderen Namen an.“ – „Berät man sich gegenseitig, den falschen Namen anzugeben?“, will der Vorsitzende wissen. „Ja“, antwortet U. knapp.

Seine übrigen Angaben zeichnen ein unscharfes Bild: 2014 sei er von Marokko nach Spanien aufgebrochen, 2015 von dort nach Deutschland. Sechs Monate habe er unter falschem Namen in Nordrhein-Westfalen gelebt, sei dann zu Verwandten nach Belgien gezogen und einige Monate später nach Deutschland zurückgekehrt, in eine Mietwohnung im Frankfurter Norden. In dieser Wohnung fanden Ermittler mehr als ein Kilogramm Marihuana und Haschisch. Seit September 2017 sitzt er deshalb in Untersuchungshaft.

Bei anderen Angeklagten geht es um mehrere Kilogramm gestrecktes Heroin, das sie aus den Niederlanden importiert und im Bahnhofsviertel verkauft haben sollen. Rauschgiftermittler waren ihnen monatelang auf der Spur. Der Fall gilt als Erfolg im Kampf gegen den Drogenhandel. Aber er zeigt auch, wie aufwendig es für Polizei und Justiz ist, ihn zu führen. Die Dealerstrukturen verändern sich ständig.

Deutlich aggressiver

„In Frankfurt waren bisher Albaner auf Heroin spezialisiert, Jamaikaner auf Haschisch und Marihuana“, heißt es aus Polizeikreisen. Das änderte sich mit der Flüchtlingskrise. „Seit 2015 haben sich Dealer aus den Maghreb-Staaten etabliert. Sie treten deutlich aggressiver auf und bieten alles an.“

Eine Einschätzung, die sich mit den offiziellen Angaben der Kriminalstatistik deckt. Knapp 400 Rauschgifthändler konnte die Polizei im vergangen Jahr im Frankfurter Bahnhofsviertel überführen. Mehr als jeder dritte Tatverdächtige stammte aus Marokko oder Algerien. Die beiden nordafrikanischen Staaten liegen mit deutlichem Abstand vor allen anderen Nationalitäten. 56 Prozent der kontrollierten Drogendealer hielten sich illegal im Bundesgebiet auf und 61 Prozent waren erst ab Mitte 2015 nach Deutschland eingereist. Teilweise komme es vor, dass Verdächtige während der Polizeikontrolle einen Asylantrag stellten, berichten Polizisten. „Die können kein Wort Deutsch, nur ,Asyl’ und den Namen ihres Anwalts.“

Ob der Marokkaner U., der sich nun vor dem Landgericht verantworten muss, ebenfalls Asyl beantragt hat, war nicht in Erfahrung zu bringen. Ein Gerichtssprecher sagte, er könne dazu keine Auskunft geben.

Der Prozess gegen U. und die fünf Mitangeklagten wird wohl noch Monate dauern. An diesem Tag endet die Vormittagsverhandlung mit Übersetzungsproblemen. Ein anderer Dolmetscher soll U. an die Seite gestellt werden. Der bisherige spricht angeblich einen anderen Arabisch-Dialekt und nicht die Sprache der Berber.

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