Die beiden schneeweißen Pudel "Unique" und "Luke" beim Tiergottesdienst im Gemeindesaal.
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Die beiden schneeweißen Pudel "Unique" und "Luke" beim Tiergottesdienst im Gemeindesaal.

Tierischer Glaube

Niederrad: Ein Gottesdienst für Mensch und Tier

  • vonSabine Schramek
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Alle Vierbeiner, Reptilien und Vögel waren in der Gemeinde der Offenen Kirche Mutter vom Guten Rat willkommen.

Der Maine-Coon Kater war unpässlich. "Er ist zwar so groß wie ein Hund, aber ich habe ihn dann doch lieber zu Hause gelassen", verrät eine Besucherin des Tiergottesdienstes im Gemeindesaal der Offenen Kirche Mutter vom Guten Rat. Um sie herum sitzen auf Abstand Männer und Frauen mit ihren Vierbeinern. Die beiden schneeweißen Pudel "Unique" und "Luke", ein zwölfjähriger Dackel, Chihuahua-Rüde "Merlin", die französische Bulldogge "Stella" und noch einige schwarz-weiß gescheckte Lieblinge. Sie sitzen brav auf dem Schoß oder auf Kuscheldecken unter den Stühlen ihrer Besitzer. Das eine oder andere "Wuff" Richtung Altar und drei mannshohen Kerzen irritiert niemanden. Es klingt nach Zustimmung für den Gottesdienst am regnerischen Abend.

Eingeladen hatte Pastoralreferentin Simone Kraemer (42) alle Tiere. "Es sind alle Vierbeiner, Reptilien und Vögel willkommen", sagt sie und beruft sich auf die Arche Noah, auf der alle Tierarten während der Sintflut Platz gefunden haben. "Am 4. Oktober ist Welttierschutztag und ich finde, dass ein Datum in seiner Nähe genau der richtige Zeitpunkt für den Tiergottesdienst mit Segen ist." In der Bibel wird von 130 Tierarten vom Adler bis zum Ziegenbock berichtet. "Alles Wesen, die und Menschen nah sind." Kraemer will das Leben feiern und das Leben der Tiere. "Wir alle sollten uns Gedanken über Nutztiere machen. Darüber, wie wir Menschen aus Tieren reinen wirtschaftlichen Nutzen ziehen. "Für Hund und Katz ist auch noch Platz" heißt das Motto des Abends. Sie erinnert daran. Dass Gott zuerst das Tier und dann den Menschen erschaffen hat und dass dem Tier in der Bibel höchste Wertschätzung zugesprochen wird. "In einer Gemeinschaft ohne Tiere und Pflanzen könnten wir nicht existieren und leben. Wir tragen eine Verantwortung für alle Lebewesen, mit der wir respektvoll umgehen sollten." Damit meint sie nicht die illustren Hundebesitzer, die sich eingefunden haben, sondern die, die Tiere ausbeuten und dabei schlecht halten. "Tiere haben eine Seele. Sie spüren Freude und Leid. Auf der Weide, im Stall und im Schlachthof kann man sehen, wie sie sich fühlen." Wie zur Zustimmung bellen die Pudel, als Kraemer vom Leid in Schlachthöfen spricht und davon, dass der Mensch achtsam mit allen Tieren umgehen soll. "Psychologen betrachten Seele anders als die Religion", sagt sie. "Tiere finden in der Auferstehung nicht statt, wohl aber in der religiösen Schöpfung."

Ein Beispiel, wie eine vermeintlich störrische Eselin ihren Herren vor Gefahr schützt und gegen seinen Willen andere Wege mit ihm als Reiter auf dem Rücken läuft, als er es will, zeigt, wie sehr sich Menschen irren können. Die Eselin war vom Engel Gottes vor zu steilen Wegen gewarnt worden und so schützte sie trotz Schlägen ihres Reiters Bileam ihn vor dem Absturz. Erst als die Eselin vom Engel Gottes eine Stimme bekam, sah der Reiter sein Fehlverhalten ein und änderte seine Wut über die Eselin in Sanftmut. "Ausbeutung von Tieren darf nicht im Vordergrund stehen", predigt Kraemer zwischen kurzen Klavierstücken. Stella scheint zu verstehen, was Kraemer predigt und stuppst ihre Besitzer immer wieder mit der Pfote. Einer der Pudel springt auf Frauchens Schoß und kuschelt sich eng ihn ihre Arme. Kraemer appelliert an die moralische Pflicht, dass der Mensch zum Tier sich wie ein Hirte einer geliebten Herde verhalten solle. "Das Gleichgewicht zwischen Natur, Tier und Mensch ist das, was den Fortbestand und das Klima schützt. Ausbeutung ist der falsche Weg", sagt sie.

Sie schöpft nach gemeinsamer Fürbitte Weihwasser aus einem Gefäß und segnet die Hundegäste, die gleichzeitig aufgeregt bellen und mit ihren Ruten wedeln. Alle Hunde lassen sich anschließend vertrauensvoll von ihr streicheln. Die Tiere beschnuppern sich gegenseitig und auch die Menschen im Saal kommen zusammen und tauschen sich über ihre Lieblinge aus. Die Besitzer wirken selig. Sie sind sich darüber einig, dass der Tiergottesdienst "eine sehr schöne Rede war".

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