Lieben das Vereinsleben in der Niederräder Schützengesellschaft: Vorsitzende Regina Schroth, Finja Schroth, Wolfgang Jungmann und Rona Peters (von rechts).
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Lieben das Vereinsleben in der Niederräder Schützengesellschaft: Vorsitzende Regina Schroth, Finja Schroth, Wolfgang Jungmann und Rona Peters (von rechts).

Vereinsleben

Niederrad: Schützen kämpfen ums Überleben

  • vonKatja Sturm
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Der Gesellschaft Oberst Schiel sind die Einnahmen weggebrochen

Niederrad -Schießsport, sagt Regina Schroth, sei wie Yoga. "Er macht den Kopf frei und entspannt." Denn in erster Linie sei das erfolgreiche Anvisieren eines Ziel eine Sache der Konzentration und lenke somit ab von Alltagsgedanken.

Die 40-Jährige selbst hat sich vor 27 Jahren von dieser ihrer Leidenschaft einfangen lassen. Auslöser war ein Kirmesbesuch mit dem eigenen Vater, bei dem dieser viel besser traf als sie. In dem Verein, den Wolfgang Jungmann daraufhin für seine Tochter fand, ist diese seit 2018 Vorsitzende und er selbst Trainer, Schützenmeister und Jugendleiter.

Aufwind für die Niederräder Schützengesellschaft "Oberst Schiel" 1902 hatte sich die zweifache Mutter von ihrem Engagement versprochen. Denn der einst 180 Mitglieder zählende Club mit dem etwas abseitigen, von der Stadt geliehenen Heim an der Golfstraße befindet sich mit nur noch knapp 60 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Abwärtstrend. Ideen, diesen zu stoppen, hatte Schroth viele. So bot man neben den bereits erfolgreichen Festen am Vatertag oder zur Krönung des Schützenkönigs zusätzlich noch Kinderflohmärkte, ein Oktoberfest und Schnuppertraining für Frauen an. Doch dann kam das Coronavirus, und die Veranstaltungen, bei denen man nicht nur für sich werben, sondern auch die nötigen finanziellen Mittel für das Vereinsdasein verdienen wollte, fielen allesamt aus.

Coronavirus gefährdet Existenz

Die Perspektiven sind düster. Noch so ein Jahr wie dieses, sagt Schroth, und "wir müssen zumachen". Von der Energie, die sie selbst einst spürte, als sie mit dem Sport an der Waffe anfing, sei kaum mehr etwas übrig geblieben. Dabei, sagt sie, sei der Verein einer mit Herz, in dem jedes Mitglied zupacke, wenn es darum gehe, den Trainingsbetrieb oder eine Veranstaltung zu organisieren. Und in dem man gerne noch nach dem Üben in der angeschlossenen Gaststätte oder auf dem überdachten Vorplatz sitzt. "Deshalb heißen wir Gesellschaft, denn um diese geht es hier."

Die Möglichkeiten der 380 Quadratmeter großen Anlage, die die Schützen auch für private Feiern vermieten, erschließen sich beim Vorbeifahren oder -laufen an dem zur Straße hin fensterlosen Haus nicht. Erst ein Blick um die Ecke offenbart, dass es neben dem rustikalen Heim mit zehn Übungsplätzen auch einen kleinen Garten mit Spielgeräten und einen Hof mit Parkmöglichkeiten gibt. Jungmann selbst lernte das Areal beim privaten Polterabend eines Arbeitskollegen kennen.

Jährlich knapp 2000 Euro müssen die Niederräder für die Erbpacht aufbringen. Dazu kommen Gebühren für Strom, Heizung, Wasser und Versicherung sowie gerade jetzt ein paar dem Alter des Hauses geschuldete "Krankheiten". Etwa ein Drittel der Kosten decken Mitgliedsbeiträge, der Rest wird in regulären Zeiten über Feste erwirtschaftet. Doch selbst das Königsschießen mit Livemusik am 7. November gilt diesmal als gefährdet.

Armbrust und Zimmerstutzen

Das Angebot an Disziplinen ist vielfältig. Luftgewehr und -pistole sowie Kleinkaliber gehören ebenso dazu wie Armbrust oder Zimmerstutzen. Die Jüngsten versuchen es erst mal mit Lichtgewehren, denn andere Waffen sind für den Nachwuchs erst ab zwölf Jahren zugelassen. Wer mal versuchen will, ob er die Scheibe trifft, kann an den Trainingsabenden dienstags und freitags ab 18 Uhr vorbeischauen und muss nichts mitbringen. Leihwaffen und -handschuhe sind ebenso vorhanden wie die passenden Jacken.

Für die Tage, an denen der Verein seine Räume selbst nicht nutzt, würde er gerne Kooperationspartner finden. Dart-, Tischtennis- oder Skatvereine könnte Schroth sich als Mitmieter vorstellen. Doch egal, wem der Gedanke gefällt und wer hineinpasst: "Man könnte sich die Kosten teilen."

Die ruhige Lage am Stadtwald sei angesichts der Konkurrenz eines zweiten und verkehrstechnisch günstiger gelegenen Schützenvereins im Stadtteil, des FSK Oberforsthaus, ein Nachteil, glaubt die Chefin. Dazu kommt, dass viele derer, die in ihrer Anfangszeit noch dabei waren, verstorben sind und Neuzugänge sich nicht mehr lange binden. Die diversen Amokläufe hätten den Schießsport insgesamt in Verruf gebracht. Sponsoren ließen sich deshalb kaum finden, von Privatleuten mal abgesehen. Dabei, sagt Jungmann, könnten gerade Kinder und Jugendliche vor der Scheibe zu einer Ruhe finden, die es beim Dauerballern am Computer nicht gibt. Katja Sturm

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