Gemeinsam mit seiner Frau Gisela als Jane, schlüpfte Kalle Nyman als junger Mann in die Rolle des Tarzan. Die beiden ritten mit Elefantendame Pepita durch die Manege eines finnischen Zirkus und begeisterten damit das Publikum.
+
Gemeinsam mit seiner Frau Gisela als Jane, schlüpfte Kalle Nyman als junger Mann in die Rolle des Tarzan. Die beiden ritten mit Elefantendame Pepita durch die Manege eines finnischen Zirkus und begeisterten damit das Publikum.

Ein bewegtes Leben

Nordweststadt: Herr Tarzan aus dem Mehrfamilienhaus

  • vonAlexandra Flieth
    schließen

Der Zirkusartist Kalle Nyman erinnert sich an längst vergangene Zeiten.

Vor mehr als 100 Jahren entwickelte der US-amerikanische Schriftsteller Edgar Rice Burroughs (1875 - 1950) die Figur von Tarzan. Bekannte Schauspielgrößen wie Johnny Weissmüller oder Christopher Lambert gaben der Figur im Film ein Aussehen. Einer, dessen berufliche Laufbahn ebenfalls eng mit dieser Figur verknüpft ist, ist Kalle Nyman. Vor kurzem feierte der frühere Zirkusartist aus Finnland, der seit den beginnenden 60er Jahren in der Mainmetropole lebt, davon viele Jahre in einem Mehrfamilienhaus am Hammarskjöldring, seinen 85. Geburtstag. Er blickt auf ein bewegtes Leben zurück, über das in seinem Heimatland sogar ein Buch herausgebracht wurde.

Buch über sein Leben in Finnland erschienen

Nyman holt es hervor. Der Titel "Arvoisa herra Tarzan" heißt übersetzt so viel wie "Ehrenwerter Herr Tarzan". Zahlreiche Fotografien aus seiner Zeit beim Zirkus, zu dem er im Alter von zwölfeinhalb Jahren gekommen sei, wie er erzählt, visualisieren diese Phase seines Lebens. Geboren wurde Nyman 1935 noch als Karl Schwarz in Russland. Seine Eltern, ein jüdischer Musiker und eine Tänzerin vom Volk der Roma, flohen in der damals schwierigen Zeit mit ihrem kleinen Sohn nach Finnland. "Mein Vater verpflichtete sich in der finnischen Armee und fiel im Zweiten Weltkrieg", erzählt er. Nyman selbst besuchte die Volksschule, bekam die finnische Staatsbürgerschaft und wurde zu Kalle.

Als eines Tages der Zirkus in die Stadt gekommen sei, habe er mit ein paar Schulfreunden die dortigen Artisten besucht, um sich die Vorführung anzusehen. "Ich bin beim Zirkus geblieben", erzählt er.

Eine besondere Fähigkeit habe er für das Zirkusleben mitgebracht: "Ich konnte mehrere hundert Meter im Handstand laufen", sagt Nyman. Das habe auch seinen Oberkörper und seine Arme gestählt. Doch bevor er als Tarzan zum Aushängeschild des Zirkus wurde, dem Suomen Tivoli der Familie der Familie Sariola, vergingen noch ein paar Jahre. "Im Zirkus gab es ungarische Trapezkünstler, von denen ich lernte", beschreibt er die Situation von einst. Als er später zum Tarzan geworden sei, habe er sich wie an Lianen von Seil zu Seil gehangelt und fortbewegt. Einmal sei er dabei aus großer Höhe schwer gestürzt. "Danach ging erst einmal nichts mehr. Ich sah aus wie eine Mumie und musste mich mehrere Monate davon erholen."

In seiner Wohnung erinnern zahlreiche alte Fotografien an sein bewegtes Zirkusleben, in dem er auch als Dompteur tätig war. "Es gab einen norwegischen Dompteur im Zirkus, dem ich ab und zu half", sagt Nyman. Als dieser von einem Löwen angefallen worden sei und es weitergehen musste, habe er dessen Aufgaben übernommen und mit Bären, Löwen, Elefanten und Reptilien gearbeitet. Mehr als 30 Narben, so erzählt er, habe er davongetragen. Sein Kosename lautete "Karhu", was Bär heißt.

Auf Elefant Pepita durch die Manege

Eines dieser Tiere, die Elefantendame Pepita, sei ihm besonders ans Herz gewachsen. Auf dem groß gewachsenen Tier ritt er einst gemeinsam mit seiner späteren Frau Gisela Nyman in der Manege - knapp bekleidet im Leoparden-Lendenschurz. Kennengelernt haben sich die beiden, als seine Gisela zum Zirkus kam und er sie im Umgang mit Schlangen trainierte. Sie sollte im Zirkus als Schlangentänzerin auftreten. Sie wurde zu seiner Jane - nicht nur beruflich, sondern auch privat. 1960 heirateten die beiden in Frankfurt, im Jahr darauf kam der älteste der beiden gemeinsamen Söhne zur Welt.

Ursprünglich habe er nie heiraten wollen. In diesem Jahr feierte das Ehepaar seine Diamantene Hochzeit, auch wenn Kalle und Gisela Nyman seit vielen Jahren in getrennten Wohnungen leben. Er sei kein Heiliger gewesen, gibt er ganz offen zu. Frankfurt ist die Stadt, in der er seit den beginnenden 70er Jahren dauerhaft lebt, nachdem er seine Artistenlaufbahn beendet hatte. "Wir haben in den ersten vier Jahren auf dem Campingplatz gewohnt und ich arbeitete damals für die Amerikaner und vertrieb europaweit Billardtische." Eine Tätigkeit, die ihm dank seines Talents für Sprachen nicht schwer gefallen sei.

Kalle Nyman sagt selbst über sich, dass er heimatlos, in seiner Seele jedoch ein Finne sei. Die vielen kleinen Erinnerungsstücke in seiner Wohnung spiegeln dies: Eine Kippa - die jüdische Kopfbedeckung -, der russische Adler, aber auch Darstellungen, die an das Volk seiner Mutter erinnern, haben dort ebenso ihren Platz gefunden, wie Familienfotos und solche, die ihn als Tarzan und Dompteur in der Manege zeigen.

Alexandra Flieth

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare