Peter-Friedrich Petersen, Chefarzt der Notaufnahme im Klinikum Höchst, steht vor dem Wartezimmer der Notaufnahme.
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Peter-Friedrich Petersen, Chefarzt der Notaufnahme im Klinikum Höchst, steht vor dem Wartezimmer der Notaufnahme.

Medizin

Notaufnahmen in Frankfurt sind am Limit

Pöbelnde Patienten, lange Wartezeiten, Personalmangel – von den Zuständen in den Notaufnahmen sind viele genervt. Es gibt Ideen, die Situation zu verbessern, in Frankfurt wird eine davon getestet. Auch manche Kranke könnten ihren Teil beitragen.

Seit Stunden wartet Atilla Öt mit seiner Mutter in der Notaufnahme des Frankfurter Bürgerhospitals. Die 84-Jährige sitzt im Rollstuhl. Ihr kürzlich operiertes Knie tut weh. In Wiesbaden, erzählt der Sohn, habe seine Mutter einmal mit Atemnot fünf Stunden gewartet. Den 93-jährigen Vater hätten sie dort sieben, acht Stunden ausharren lassen. „Ich hab’ riesen Stress gemacht dort. Ich hab’ denen gesagt: Leute, so geht das nicht!“

Auch heute gehört Öt nicht zu den Geduldigsten. Drei Stunden seien sie schon hier, schimpft er. Gerade wurde sein Auto ausgerufen – es stand in der Einfahrt für die Rettungswagen. Jetzt läuft Atilla Öt zum Empfangstresen. „Wie lange dauert’s noch?“, fragt er. „Es tut mir wirklich leid, Sie müssen ein bisschen Geduld haben“, sagt eine Krankenschwester mit geübt beruhigender Stimme. Öt setzt sich, hat aber grundsätzliche Kritik an den Zuständen in den Notaufnahmen der Krankenhäuser: „ein System, das man verbessern müsste.“

Damit ist der Wiesbadener nicht alleine. „Im Augenblick sind alle extrem unzufrieden: die Ärzte, die Patienten, das Pflegepersonal“, sagt Prof. Ferdinand M. Gerlach. Er ist Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen – oder kürzer: einer der „Gesundheitsweisen“ Deutschlands. Nach Jahren des Herumdokterns an Symptomen hat der Rat jetzt ein neues Konzept entwickelt und hofft auf einen „Durchbruch“. Dass es dafür höchste Zeit ist, bestreitet niemand. „Große Reformen sind Kinder der Not“, sagt Gerlach.

Eigentlich ist es im Bürgerhospital heute gar nicht so voll. An diesem Freitagabend warten nicht mehr als ein Dutzend Menschen. „Vorführeffekt“ meinen die Kollegen am Empfang. Krankenschwester Sabine Krannich (53) sortiert grüne und graue Mappen: Grün für Unfall, Grau für internistisch. Wessen Mappe vorne steckt, kommt als nächstes dran.

Dringlichkeit geht vor

Behice Öts Kladde steckt ziemlich weit hinten. Die Reihenfolge wird nach Dringlichkeit ständig umgeschichtet. „Patienten, die mit dem Rettungswagen kommen, werden immer vorgezogen“, erläutert Krannich. Wie die schwangere Frau mit Bauchschmerzen, bei der Assistenzarzt Kai-Alexander Lohmann im Ultraschall Gallensteine entdeckt. Oder wie das Mädchen mit den eingewachsenen Operationsfäden. Bis sie untersucht und versorgt sind, müssen die anderen warten. Das Problem: „Jeder sieht sich selbst als Notfall“, sagt Krannich. Objektiv waren aber nur sechs von zehn Menschen, die in den vergangenen zehn Jahren in Notaufnahmen kamen, tatsächlich so akute Fälle. Das zeigt eine Forsa-Umfrage im Auftrag einer Krankenkasse.

Dass Patienten mit Lappalien die Notaufnahmen verstopfen, hat viele Gründe. Oft gibt es zu Hause niemanden, der ein Pflaster über eine Wunde kleben kann oder möchte und sagt: „Halb so schlimm.“ Manche Einwanderer kennen es nur so, dass man bei Beschwerden sofort ins Krankenhaus geht. Und es gibt Hausärzte und Pfleger etwa in Altenheimen, die auf Nummer sicher gehen wollen und auf die Klinik verweisen.

„Attraktives System“

Jasmin Madar, die heute am Empfangstresen des Bürgerhospitals sitzt, sieht einen weiteren Grund: Das Krankenhaus sei „das attraktivere System“, sagt die medizinische Fachangestellte. Beim Hausarzt braucht man einen Termin, beim Facharzt bekommt man lange keinen, und wenn man Zeit hat, ist die Praxis zu. Die Klinik vereint viele Fachrichtungen unter einem Dach. Und man kommt, wann man will.

Patienten, die stöhnen, sorgen also teils selbst für die Fülle. Die Zusammenballung der Probleme existiert vielerorts in Deutschland. Und Versuche, der kritischen Lage Herr zu werden, gibt es schon länger. Im Bürgerhospital habe sich die Situation verbessert, seit der Ärztliche Bereitschaftsdienst, ein Dienst der Praxisärzte, eine Tür weiter sitzt, berichtet Internist Kai-Alexander Lohmann. Dorthin schicken er und seine Klinik-Kollegen alle, die in der Notaufnahme nichts zu suchen haben.

„Wer hier nicht hergehört, der geht auch wieder“, sagt der Arzt, der heute von 16 Uhr bis zum nächsten Morgen um 8 Dienst schiebt. „Leute, die einen schlechten Döner gegessen haben, müssen nicht hier sitzen.“

An rund 650 Kliniken in Deutschland gibt es inzwischen solche Bereitschaftsdienst-Zentralen der niedergelassenen Ärzte. Das nimmt den Druck aus dem Kessel, ist aber noch nicht der ganz große Wurf, an dem der Sachverständigenrat der Gesundheitsexperten seit Jahren herumtüftelt. Denn: An den Notaufnahmen sieht man wie unter einem Brennglas eines der wohl größten Probleme der Gesundheitspolitik: die Trennung in stationär und ambulant, sprich Kliniken und Arztpraxen.

Im städtischen Klinikum Frankfurt-Höchst wird seit Oktober ein Modell getestet, das eine Blaupause sein könnte für die Notaufnahme der Zukunft – und mehr als das. Es ist der Versuch, die beinharte Mauer zwischen ambulanter und stationärer Versorgung einzureißen.

Einfach erklärt funktioniert das so: Es gibt die Notaufnahme, die Teil des Krankenhauses ist. Und es gibt den Ärztlichen Bereitschaftsdienst, der eine Arztpraxis ist. Wer ein wirklicher Notfall ist, kommt zur Notaufnahme, wer eigentlich zum Hausarzt gehen sollte, geht zum Ärztedienst, und entschieden wird das Ganze an einem – das ist das Neue – gemeinsamen Tresen, wo die Patienten entweder ins stationäre oder ins ambulante System gelotst werden.

An diesem sogenannten Triage-Tresen sitzt heute Julia Semmler. Die Ersteinschätzung der Patienten ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, „aber das wird nicht immer so gesehen. Die Leute sehen uns als niedriges Personal“, sagt die 41-Jährige. Sie arbeitet seit 20 Jahren in Notaufnahmen und hat schon viele unangenehme Situationen erlebt.

Erst gestern wurde sie als „Pöbel“ beschimpft. Der Mann war in zwei Kliniken abgewiesen worden und kam entsprechend geladen an. Das Argument, er sei hier Kunde und daher König, half ihm nicht weiter: Semmler und ihre Kolleginnen riefen den Sicherheitsdienst. Alle Mitarbeiter hier haben ein Deeskalationstraining absolviert. Trotzdem eskaliert die Situation manchmal derart, dass die Polizei anrücken muss. Wie kürzlich, als sich zwei Männer im Wartebereich prügelten. Wie geht man damit um? „Man schluckt es runter“, sagt Semmler.

Auch der Chefarzt der Notaufnahme, Peter-Friedrich Petersen, spürt wachsende Aggression unter den Menschen, die in die Notaufnahme kommen. Helfer würden beschimpft, angespuckt, geschlagen, sagt der 55-Jährige. Im Flur steht ein Mülleimer, der regelmäßig ersetzt werden muss, weil wütende Patienten gegen ihn treten. „Die am lautesten krakeelen, sind nicht immer am schlimmsten krank“, sagt Petersen, eher im Gegenteil. Ältere Menschen bissen oft die Zähne zusammen. Junge kämen oft mit der Haltung: „Ich! Sofort! Perfekt!“

Seit 13 Jahren ist Petersen Notfallmediziner. „Die Arbeitsbelastung ist enorm“, sagt der Arzt, aber er sei eben „ein Adrenalin-Junkie“. 45 000 Patienten kamen im Jahr 2017 in die Notaufnahme des städtischen Klinikums. Etwa zwei Drittel von alleine und ein Drittel mit dem Rettungswagen. „Der Platz reicht nicht vorne und nicht hinten. Es gibt auch mal Versorgung auf dem Flur“, räumt Petersen ein. Wegschicken darf er trotzdem niemanden: Wenn dem Patienten auf dem Weg zum Arzt oder in ein anderes Krankenhaus etwas passiere, „dann krieg’ ich BSE: Bild-Zeitung Seite eins“.

Seit der Reform können die Mitarbeiter am Klinikum Höchst an manchen Tagen sogar durchatmen. „Der Krawall auf den Fluren hat enorm abgenommen“, sagt der Chefarzt. Früher mussten Patienten, die nichts Schlimmes hatten, in Spitzenzeiten fünf, sechs Stunden warten, heute sei das „auf höchstens mal zwei Stunden runtergepurzelt“.

Kopfschmerz, Bauchweh

An diesem Abend kommen in die Notaufnahme: eine Frau mit einer Lendenwirbelsäulenverletzung nach einem Sturz, ein Mann mit einem Arbeitsunfall am Ohr, ein Kind mit Abszess am Po. Außerdem Menschen mit Nervenlähmung, Gefäßverschluss, Krampfanfall. Zeitgleich beim Dienst der Praxisärzte: eine Frau mit Nagelbettentzündung, ein Mann mit Kopfschmerzen, ein Kind mit umgeknicktem Fuß, zudem Leute mit Rückenschmerzen, Bauchweh, Augenentzündung und Schwellung am Hals.

Cigdem Platz wäre ein Fall für den Hausarzt. Die 48-Jährige wird in Höchst vom Tresen zum Ärztlichen Bereitschaftsdienst geschickt. Sie klagt über Schmerzen im rechten Arm. Der Arzt dreht und zieht, beugt und biegt. Muskelansätze und Sehnen seien gereizt, „nichts Schlimmes. Seit wann haben Sie das?“, fragt er. „Seit einer Woche“, sagt die Patientin. Solche Fälle rauszuziehen, darum geht es im Tür-an-Tür-Modell.

„Die Leute sind froh, dass sie schnell wieder raus sind. Das ist, was für den Patienten zählt, nicht: Wer hat mich behandelt“, sagt Ansgar Schultheis, der Obmann des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes. Anfangs habe es auf beiden Seiten Skepsis gegeben. Zu tief sitzt das Misstrauen zwischen den Sektoren ambulant und stationär. Es geht um Kompetenz, Konkurrenz – und um Geld. Die Erfahrungen in Höchst aber seien positiv, loben der stationäre Notfallmediziner Petersen und sein ambulanter Kollege Schultheis übereinstimmend.

Früher hatte jeder Angst, dass der andere ihm die Butter vom Brot nimmt, wie Schultheis formuliert, „aber inzwischen hat jeder zu viel Butter auf dem Brot“. Wie man die Butter sinnvoll verteilen kann, darüber hat sich auch der Sachverständigenrat in seiner neuen Studie Gedanken gemacht – aus der Vogelperspektive statt mit Blick auf Einzelinteressen.

„Wir betrachten die Notfallversorgung als Eisbrecher für die sektorenübergreifende Versorgung der Zukunft“, sagt Prof. Gerlach. Nach Jahren des Stillstands sei das der erste Schritt, die Mauer zwischen ambulanter und stationärer Versorgung einzureißen.

Der neue Masterplan sieht vor, dass jeder Patient erst einmal zum Telefon greift und in einer Leitstelle anruft. Am Telefon wird geklärt, wie dringend es ist und was zu tun ist. In Zweifelsfällen wird sofort ein Arzt zugeschaltet. „Wir gehen davon aus, dass wir so rund 30 Prozent aller Anrufe abschließend lösen können“, schätzt Gerlach. Zweiter Baustein ist ein Notfallzentrum. „Dort arbeiten niedergelassene Ärzte und Klinikärzte unter einem Dach zusammen“, sagt Gerlach. Beim Anruf in der Leitstelle bekommt der Patient einen Termin im Notfallzentrum, wo er ohne größere Wartezeit drankommen soll.

Die wichtigste Neuerung wird man als Patient vermutlich gar nicht mitkriegen: Die Notfallzentren sollen „eigenständige organisatorisch-wirtschaftliche Einheiten“ sein, die aus einem separaten Topf finanziert werden. Das wäre das Ende des Butter-Neids. Wenn, ja wenn die Vorschläge der Gutachter Realität werden.

Während es auf der einen Spur in Trippelschritten vorangeht, werden nebenan neue Gruben ausgehoben: Verschärfen könnte die Situation eine andere Reform, die bereits angelaufen ist. Ihr Ziel ist es nicht, die Situation in den Notaufnahmen zu entspannen, sondern die Qualität der Versorgung zu verbessern. Der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenhäusern und Kassen hat eine Anforderungsliste ausgearbeitet. Nur wer sie erfüllt, soll weiter an der Notfallversorgung teilnehmen. Kritiker wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft fürchten, dass Hunderte Kliniken rausfallen – und es in anderen noch voller wird.

„Mehr Personal“

Was würde helfen, die Situation ohne jahrelange Reformprozesse zu entspannen?

„Mehr Personal“

, antworten Krankenschwester Krannich und Assistenzart Lohmann im Bürgerhospital. Besonders schlimm ist es nachts, wenn ohnehin weniger Leute eingeteilt sind, aber auch in der Urlaubszeit und während Krankheitswellen.

Zudem gilt: Keine neue Struktur wird alle glücklich machen. Besucher, die bei der Anmeldung ohne weitere Begründung im Befehlston eine Krankschreibung für eine Woche fordern, wird es weiter geben. Und auch Patienten wie den achtjährigen Paul, den die Kinderärztin mit Verdacht auf Blinddarmentzündung ins Krankenhaus schickte. Seine Mutter saß schon öfter mit ihren beiden Kindern in der Notaufnahme und hat dabei „immer lange gewartet“, wie sie sagt.

Dass es heute schneller geht, kann sie nicht feststellen. Seit zwei Stunden sind Mutter und Sohn im Wartebereich. Erst wurden sie in die Kinderklinik geschickt, dann zurück in die Notaufnahme, seither kommt ein Krankenwagen nach dem anderen. „Das geht hier nicht nach Reihenfolge“, erklärt die Mutter dem Sohn. „Sondern danach, wie krank jemand ist.“ Paul ist erleichtert. Er freut sich, dass einige andere kränker sind als er.

Frankfurt kämpft um internationale Patienten. Ein Interview mit Plamen Staikov (Chefarzt der Chirurgie und Ärztlicher Direktor am Krankenhaus Sachsenhausen) und Thomas Feda (Geschäftsführer der Tourismus+Congress GmbH Frankfurt).

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