+
Wechselvolle Geschichte: Das Hauptgebäude auf dem Campus Westend war nach dem Krieg das Hauptquartier von Dwight D. Eisenhower in Deutschland.

Zwei Ehrenbürger sind belastet

NS-Vergangenheit holt die Frankfurter Uni ein

  • schließen

Der Umgang mit Namensgebern und ihrerer nationalsozialistischen Vergangenheit holt die Goethe-Universität immer wieder ein. Jetzt geht es um zwei Ehrenbürger der Hochschule: Rudolf Keller und Friedrich Lehmann.

Auch 73 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs tut sich die Frankfurter Goethe-Universität schwer mit der Aufarbeitung der NS-Zeit ihrer Geschichte. Das zeigen die beiden aktuellen Diskussionen über den Namensgeber der „Adolf Messer Stiftung-Lounge“ auf dem Campus Riedberg und über eine Ehrentafel für Stifter und Mäzene im Uni-Hauptgebäude, auf der auch der Name des SS-Obersturmbannführers Albrecht Schmidt steht (wir berichteten).

Der Historiker Gunter Stemmler nennt zwei weitere Beispiele: den Frankfurter NS-Kulturdezernenten Rudolf Keller sowie den NS-Stadtkämmerer Friedrich Lehmann. Beide wurden 1959 zu Ehrenbürgern der Goethe-Universität ernannt. Im Jahr 2009 hat Stemmler für das Wissenschaftsmagazin „Forschung Frankfurt“ einen Beitrag über Ehrenbürger und Ehrensenatoren der Goethe-Universität geschrieben. Bei seinen Recherchen fielen ihm die Kommunalpolitiker Keller und Lehmann auf. Stemmler, damals Referent und stellvertretender Büroleiter von Oberbürgermeisterin Petra Roth, hat daraufhin grundlegend über die beiden geforscht. Ergebnis dieser Untersuchung ist seine vor einem Jahr erschienene Studie „Schuld und Ehrung“. In dem digital veröffentlichten Buch dokumentiert der promovierte Historiker vielfältig und im Detail, worin Keller und Lehmann im Dritten Reich „persönlich involviert und worüber sie informiert waren“ (Stemmler). Doch die Frankfurter Uni habe die beiden 1959 nicht nur zu Ehrenbürgern ernannt, sondern auch als NS-Gegner bezeichnet. Bis heute habe die Uni laut Stemmler keine Konsequenzen aus seinen Forschungsergebnissen gezogen.

Uni-Sprecher Olaf Kaltenborn teilte auf Anfrage mit: „Die Ehrensenatorenwürde und die Ehrenbürgerwürde erlischt mit dem Tod der/des Geehrten.“ Rudolf Keller und Friedrich Lehmann sind beide 1960 gestorben. Laut Kaltenborn sei unabhängig davon eine Überprüfung aller geehrten Persönlichkeiten „sinnvoll und offensichtlich notwendig“. Dies könne „dann auch eine Distanzierung von diesen Personen durch die Universität zur Folge haben“.

Die Ehrentafel sei, so Kaltenborn, „unmittelbar nach Bekanntwerden der Hintergründe um den Namen von Albrecht Schmidt entfernt“ worden. Der Uni-Sprecher weiter: „Eine historische Überprüfung aller dort vertretenen Namen soll im Rahmen eines Forschungsprojekts zu den Stiftern und Förderern der Goethe-Universität stattfinden.“ Dabei sollen auch die Empfänger von Ehren und Ehrentiteln untersucht werden.

Am erwähnten Forschungsprojekt über die Geschichte der Frankfurter Universität im Nationalsozialismus und in der frühen Bundesrepublik ist auch die neu geschaffene Professur zur Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust beteiligt. Am 1. Mai 2017 hat Prof. Sybille Steinbacher an der Goethe-Universität den in Deutschland ersten Lehrstuhl für die Holocaust-Forschung übernommen. Mit dieser Professur ist zugleich die Leitung des Fritz-Bauer-Instituts verbunden.

Parallel zu dem Forschungsprojekt solle, so Uni-Sprecher Kaltenborn, „ein Konzept erarbeitet wer-den, wie die Goethe-Universität künftig mit Namensnennungen und Ehrungen belasteter Personen umgeht“. Das beinhalte Recherchen zur Biografie dieser Personen. Eine solche Überprüfung sei für die Ehrentafel bereits universitätsintern in Auftrag gegeben worden. Kaltenborn: „Aufgrund des damit verbundenen Rechercheaufwands dauert diese jedoch noch an.“

Gunter Stemmler, Schuld und Ehrung. Die Kommunalpolitiker Rudolf Keller und Friedrich Lehmann zwischen 1933 und 1960 – ein Beitrag zur NS-Geschichte in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 2017; .

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare