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„Nicht Autofahren verbieten, sondern Fahrradfahren ermöglichen“: Lebhafte Debatte über Verkehrswende

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Von: Julia Lorenz

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Beim Leserforum dieser Zeitung wurde kontrovers debattiert. Am Ende stellten die Teilnehmer fest: So weit liegen die Interessen gar nicht auseinander.

Frankfurt - Es dauerte nicht einmal 15 Minuten, da konnte sich Hendrik Gienow nicht mehr zurückhalten. Eigentlich wollte der Mitinitiator der Bürgerinitiative "Vorfahrt Frankfurt" an diesem Abend freundlich sein, so hatte er es sich zuvor fest vorgenommen. Doch die Aussagen seiner Sitznachbarinnen machten ihn zunehmend sauer. "Ich weiß, hier sitzen lauter Autovergrämer, aber mich macht die Behandlung der Autofahrer in dieser Stadt wütend", sagte Gienow, der selbst mit der U-Bahn statt mit dem Auto angereist war. "In Frankfurt kann man nicht Auto fahren. Das ist nur etwas für Leute, denen kein anderer Ausweg bleibt."

Am Montagabend (04.04.2022) hatte diese Zeitung zu einem Leserforum mit dem Titel "Verkehrswende: Wer hat Vorfahrt in Frankfurt?" in das Haus am Dom eingeladen. Auf dem Podium saßen neben Hendrik Gienow von "Vorfahrt Frankfurt" Petra Schäfer, Professorin für Verkehrsplanung an der Frankfurt University of Applied Sciences, Kristine Schaal vom Fahrgastverband "Pro Bahn" sowie Beatrix Baltabol von der Bürgerinitiative "Radentscheid Frankfurt". Sie alle standen Redakteur Dennis Pfeiffer-Goldmann Rede und Antwort. Vor Ort konnten 30 Zuhörer die lebhafte Diskussion verfolgen. Es gab auch einen Live-Stream im Internet. Wegen technischer Probleme stand dieser allerdings nicht von Anfang an zur Verfügung. Dies bitten wir zu entschuldigen.

Verkehrswende in Frankfurt: „Autofreie Stadt Frankfurt wird bitterarm sein“

Doch zurück zu Gienow: Er ärgerte sich über die neuen breiten Radwege in Frankfurt, die Autos verdrängen und Stau verursachen. Gienow warnte: "Die autofreie Stadt Frankfurt wird zwar schön, aber auch bitterarm sein." Seine Begründung: Eine Stadt lebe nicht von ihren Einwohnern, sondern von den Menschen in der Region, die täglich pendeln. "Wenn wir die Pendler im großen Stil vertreiben, werden wir Einnahmen verlieren", so der Unternehmensberater. "Dann weiß ich nicht, wie Frankfurt das ganze soziale Klimbim bezahlen will."

Sie diskutierten über die Verkehrswende in Frankfurt (v. li.): Petra Schäfer, Hendrik Gienow, Kristine Schaal, Beatrix Baltabol und Moderator Dennis Pfeiffer-Goldmann. FOTO: Salome Roessler
Sie diskutierten über die Verkehrswende in Frankfurt (v. li.): Petra Schäfer, Hendrik Gienow, Kristine Schaal, Beatrix Baltabol und Moderator Dennis Pfeiffer-Goldmann. © roessler

Nichtsdestotrotz sprach sich auch Gienow dafür aus, dass es künftig in Frankfurt weniger Autos geben muss. "Da sind wir uns doch alle einig", sagte er. "Ich bin aber nicht der Meinung, dass das mit Verboten geht." Stattdessen müssten Anreize geschaffen werden, um vom Auto umzusteigen. Der öffentliche Nahverkehr müsse dringend ausgebaut werden. "Die Pendler stehen nicht freiwillig im Stau", sagte er. Sie hätten aber keine andere Möglichkeit, da es in der Region keine anständige Anbindung an Bus und Bahn gebe.

Verkehrswende: Verbesserungsbedarf im Nahverkehr rund um Frankfurt

Da konnten ihm die Podiumsteilnehmerinnen nur zustimmen. Kristine Schaal von "Pro Bahn" bezeichnete den Frankfurter Nahverkehr zwar als gut, im Umland gebe es aber "Verbesserungsbedarf". Sie selbst sei vor der Corona-Pandemie täglich mit Bus und Bahn nach Mainz gefahren. "Das kann ich niemandem empfehlen", sagte sie. "Ich bin nie pünktlich gekommen." Zudem seien die Preise beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) viel zu teuer, das Tarifsystem zu kompliziert. Schaal sagte aber auch: "Das Auto braucht man nicht. Das Umdenken in den Köpfen der Menschen wird aber nicht ohne Verbote und Ärgern gehen."

Das sah Verkehrsexpertin Petra Schäfer ähnlich. Sie selbst lebt in einem Dorf im Rheingau, kommt nicht ohne 1000 Mal umsteigen zu müssen mit Bus und Bahn nach Frankfurt. An diesem Abend war sie mit ihrem Elektroauto nach Frankfurt gefahren. Dennoch ist sie der Meinung, dass es in der Stadt künftig nicht ohne Pförtnerampeln, höhere Parkgebühren und angemessen teure Bewohnerparkausweise geht. "Man muss sich überlegen, ob man sein Auto einfach so herumstehen lassen will", betonte Schäfer. Gleichzeitig forderte sie mehr Park-and-Ride-Möglichkeiten, also günstige Parkplätze an S- und U-Bahnhaltestellen vor den Toren Frankfurts.

"Es können aber nicht alle an die Stadtgrenze fahren", sagte Frank Nagel, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Römer, der als Vertreter der Opposition im Publikum saß. Ihm fehle "eine ganzheitliche Betrachtung". "Energie, Mobilität, Wohnen, das alles muss in einem Kontext gesehen werden", so Nagel.

Verkehrswende in Frankfurt: „Nicht Autofahren verbieten, sondern Fahrradfahren ermöglichen“

Für die Römer-Koalition aus Grünen, SPD, FDP und Volt sprach Katharina Knacker, verkehrspolitische Sprecherin der Grünen. Sie erinnerte daran, dass noch vor wenigen Jahren nie an Radfahrer und Fußgänger gedacht wurde. "Deshalb müssen wir Platz schaffen und Flächen umverteilen", so Knacker. "Auch wenn das bei manchen Menschen Angst verursacht."

Beatrix Baltabol hingegen begrüßte die Umverteilung im Verkehr, freute sich über die breiten, eigenen Fahrspuren für Radfahrer. Sie wies daraufhin, dass 50 Prozent der Menschen am Fahrradfahren interessiert seien, sich wegen der fehlenden Infrastruktur aber nicht trauen würden. "Wenn nur ein Teil von ihnen auf das Rad umsteigt, wären die Straßen schon viel leerer", so Baltabol. Sie versicherte: "Es geht nicht darum, Autofahren zu verbieten, sondern Fahrradfahren zu ermöglichen."

Am Ende der Diskussion hatte sich dann auch Hendrik Gienow wieder beruhigt. Am liebsten wäre er dann noch eine Stunde zusammen Radfahrerin Beatrix Baltabol in der U-Bahn durch Frankfurt gefahren, um weiter über die Verkehrswende zu diskutieren. "Anfangs", so Gienow, "hatte ich Angst vor ihr, habe jetzt aber festgestellt, dass sie eine nette und kluge Frau ist." (Julia Lorenz)

Die Stadt Frankfurt hat bei der Verkehrswende mehrere Vorhaben – aber auch größere Hindernisse.

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