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Das zeigte Nargess Eskandari der Mitgliederversammlung: Mit diesem Gedichtband des persischen Dichters Hafiz kam sie in Frankfurt an.

Grüne nominieren ehemalige Integrationsdezernentin Eskandari-Grünberg

OB-Kandidatur: Nargess soll für Aufbruch sorgen

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Die Mitgliederversammlung der Grünen hat gestern Abend die ehemalige Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg als Oberbürgermeisterkandidatin für die Wahl 2018 nominiert. Sie erhielt 72 von 81 Stimmen, das sind knapp 90 Prozent.

Frankfurt. Es wurde zwar in geheimer Wahl abgestimmt, aber schon bei der Vorstellung der Kandidatin war klar, dass es sich um die Zelebrierung der Kandidatin handelte. Die 52-jährige Eskandari will die erste Migrantin sein, die in Frankfurt Oberbürgermeisterin wird.

Die promovierte Diplompsychologin erinnerte daran, dass sie am Heiligen Abend des Jahres 1985 als 20-Jährige mit ihrer zweijährigen Tochter aus dem Iran nach Frankfurt gekommen sei. Zu den wenigen Habseligkeiten gehörte ein Gedichtband, den sie als 15-Jährige von ihrem Vater erhalten habe. Das Werk des persischen Dichters Hafiz ist Vorbild für Johann Wolfgang Goethes „West-östlichen Diwan“ gewesen.

Dieses zerlesene Buch in persischer Schrift hatte Eskandari mitgebracht und der Versammlung gezeigt. Es enthielt einen Geldschein des verstorbenen Grünen-Politikers Lutz Sikorski als Lesezeichen. Sikorski ist unter den Frankfurter Grünen nach wie vor eine Ikone. Den habe ihr Sikorski 2008 geschenkt, sagte Eskandari. So beschwor sie gewissermaßen ihre eigene Herkunft, grüne Tradition und Aufbruch in die Zukunft, denn: „Was in Paris und London der Fall ist, schaffen wir auch in Frankfurt.“ Damit meinte sie, dass die Stadtoberhäupter dieser Metropolen einen Migrationshintergrund haben.

Ihre Bewerbung für die Oberbürgermeister-Kandidatur war auch eine Liebeserklärung an Frankfurt, das ihr schon längst zur Heimat geworden ist: „Ich habe dieser Stadt viel zu verdanken. Bisher hat mich diese Stadt immer getragen; diese offene und tolerante Stadt“. Sie selbst sei in „einem brutalen Unterdrückungsstaat aufgewachsen“ und sieht sich jetzt in Deutschland „als Verfassungspatriotin“. CDU und SPD würden eine altbackene Politik in Frankfurt machen, es sei Zeit für einen Wechsel und ein Signal. Sie betonte, dass sie keine Frau sei, „die mit dem Parteiprogramm unter dem Kopfkissen einschläft“. Gleichwohl beherrscht sie die grüne Terminologie, was sie mit Sätzen wie „Ich trete ein für eine tolerante und weltoffene Stadt, in der Menschen sich mit all ihrer Vielfalt zugehörig fühlen und gleichberechtigt sind“ zeigt.

Politische Forderungen oder gar Programmpunkte für den OB-Wahlkampf präsentierte Eskandari nicht. Sie ist die erste Kandidatin der drei großen Parteien, welche nominiert wurde.

Die Kommunalwahl 2016 war für Eskandari-Grünberg und ihre Parteifreunde ein schwerer Schlag. Von einst 25,8 Prozent stürzten die Grünen auf 15,3 Prozent ab. In der neuen Koalition mit CDU und SPD verlor die Partei zwei Dezernentenposten sowie das von Eskandari ehrenamtlich geführte Integrationsdezernat, das sie gerne hauptamtlich geführt hätte. Dennoch warb Eskandari bei der Mitgliederversammlung der Grünen vor knapp einem Jahr für den Eintritt ihrer Partei in die neue Koalition. Ihre Tapferkeit bei der Aufarbeitung der Niederlage hatte damals viele Parteifreunde beeindruckt und ihr neue Sympathien gebracht, die jetzt in die Nominierung als OB-Kandidatin mündeten. Dass die neue Koalition das eigenständige Integrationsdezernat aufgelöst hat, hält sie nach wie vor für einen Fehler, wie sie unter dem Beifall der Mitglieder erklärte.

Der Vorstandsprecher der Grünen, Sebastian Bergerhoff, präsentierte die 52-Jährige als Frau, die für Frankfurt steht; „für ein mutiges, für ein buntes Frankfurt.“ Gleichzeitig verwies Bergerhoff auf die prägenden Dinge, die auf die Grünen in Frankfurt zurückgehen: Das Frauenreferat, die Drogenpolitik, ein eigenständiges Verkehrsdezernat (gebildet von Lutz Sikorski), den Grüngürtel, ein Integrationsdezernat.

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