Ein Obdachloser schläft vor dem Eingang des Luxus-Geschäfts Swarovski.
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Ein Obdachloser schläft vor dem Eingang des Luxus-Geschäfts Swarovski.

Ehrenamtliche Nothilfe

Obdachlos in Frankfurts eisigen Frostnächten

  • vonSabine Schramek
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Ohne Hilfe würden viele Obdachlose diesen kalten Winter wohl nicht überleben. Wir waren bei den Fahrten der Helfer in eisiger Kälte dabei.

Frankfurt -Temperaturen bis -12 Grad Celsius haben in der vergangenen Woche das Leben der Obdachlosen in Frankfurt zu einer noch größeren Qual gemacht. Jeden Tag und jede Nacht sind Menschen unterwegs, die versuchen, das Leid zu lindern und sie vor dem Erfrieren zu bewahren. Wir waren vier kalte Nächte lang mit den Helfern unterwegs.

Obdachlose in Frankfurt oft unsichtbar

Oft sind sie auf den ersten Blick unsichtbar. Sie schlafen hinter Mauern oder Bauzäunen. Im Dickicht von Böschungen, unter Gebüschen und unter Brücken. Andere liegen in Hauseingängen, Durchgängen, vor Schaufenstern, an Haltestellen oder in U-Bahn-Stationen. Nicht nur im Bahnhofsviertel und in der Innenstadt, sondern in jedem Stadtteil. "Wir haben in einer Woche 150 Schlafsäcke verteilt, die bis minus 23 Grad warm halten und Hunderte von Heizpads, die acht Stunden lang warm halten, Decken, dicke Socken, Jacken und jede Nacht mindestens 17 Liter süßen Zitronentee, Bananenriegel und noch viel mehr", sagt Sabi Uskhi und fährt um 1 Uhr nachts zielsicher einen feinen Wohnblock an. Er parkt seinen "Street-Angel"-Bus, macht die Warnblinkanlage an, geht zielstrebig zu dem Mann, der dort zwischen Marmormauern und Müllplatz sein Lager aufgebaut hat. Der zittert am ganzen Körper und lächelt, als er den Mann mit Tee und Decken in der Hand sieht. Die beiden unterhalten sich auf Englisch. "Es ist furchtbar kalt", sagt der Mann, Uskhi nickt. "Was brauchst Du noch?", fragt er ihn. "Frühling und Sonne", antwortet er.

Seit 24 Jahren auf den Frankfurter Straßen unterwegs

Uskhi kennt sie alle, die auf der Straße leben und jede Vita. Seit 24 Jahren ist er in ganz Frankfurt unterwegs, um Obdachlosen zu helfen. In seiner Freizeit. Ehrenamtlich. Vor sieben Jahren hat er den Verein gegründet. "Es wird nichts besser", sagt er. Innerhalb von vier Stunden versorgt er mehr als 80 Menschen in vier Stadtteilen. Jeden Sonntag kommen er und sein Street-Angel-Team mit einem Foodtruck ins Bahnhofsviertel und geben 250 warme Mahlzeiten aus. Kommunikation ist kein Problem: Uskhi spricht sieben Sprachen. "Das Problem ist Unmenschlichkeit", sagt er und blickt auf das große leere Hotel am anderen Mainufer, auf dessen Fassade ein rotes LED-Herz leuchtet. "Herz ist gut", sagt er. "Herzlicher wäre es, wenn Hotels jetzt öffnen würden für die, die diese bittere Kälte ertragen müssen."

Frankfurter Hotelier stellt Zimmer zur Verfügung

Auch Raschida Bouaanzi arbeitet ehrenamtlich und ist ebenfalls nachts unterwegs. Furchtlos geht sie durch dunkle Parks und auf Böschungen zu, um nachzusehen, wie es ihren Schützlingen geht. In Nied stehen zwei provisorisch gebaute Betten leer. "Hoffentlich sind sie im Warmen", sagt sie. Seit dem ersten Lockdown verteilt sie Essen und Getränke im Bahnhofsviertel und hat kürzlich einen Hotelier gefunden, der kostenlos Zimmer zur Verfügung stellt.

"Gemeinsam stark" ist ihr Motto, sie hat mit ihren Helfern bereits sechs Leute untergebracht. Gerade wurden ihr 56 Schlafplätze für 14 Tage zugesichert. Sie und ihr Team kümmern sich um Lebensmittel und Kleidung für die Leute, der Hotelier stellt Zimmer und Räume. "Zwei Männer haben sogar schon Jobs gefunden, weil sie jetzt eine Meldeadresse haben", sagt sie. "Eigentlich ist es doch ganz einfach."

Sammeln an der Notunterkunft

Martin wartet um 19 Uhr bei Eiseskälte vor der noch abgesperrten Notunterkunft am Eschenheimer Turm. Bis vor einem Jahr hatte er Arbeit und eine Wohnung. "Ich habe freiberuflich Veranstaltungen gemacht", sagt er leise. "Wenn man keine Arbeit hat, verliert man die Wohnung. Wenn man keine Wohnung hat, bekommt man keine Arbeit", sagt er und zuckt mit den Schultern. "Hier gibt es Matten und einen geheizten Raum. Morgens Kaffee und ein Brötchen. Das ist gut." Um 20 Uhr öffnet die Notunterkunft, bereits eine Stunde vorher sammeln sich neben Martin in großen Abständen voneinander weitere gut 70 Personen.

"Viele haben keine Kraft mehr, in Notunterkünfte zu gehen. Sie bleiben, wo sie sind", sagt eine Frau, die ebenfalls wartet. Sie lebt seit sechs Jahren auf der Straße. Hilfe von Privatpersonen und Vereinen gibt es. Die "Stützenden Hände" verteilen täglich an vier Orten warmes Essen und Decken, die "1000 Nachbarn" zweimal die Woche Essen und Getränke im Bahnhofsviertel und noch viele mehr. Auch der Kältebus ist unterwegs. "Derzeit müssen wir aufgrund der lebensbedrohlichen Lage unserer Klienten die Ressourcen auf die Versorgung fokussieren und können keine Pressetermine ermöglichen", heißt es vom Frankfurter Verband auf Anfrage.

Jeder Schlafende könnte bereits erfroren sein

Politiker sind dagegen auch bei Kälte erwünscht. Vor wenigen Tagen war Nils Kößler, Vorsitzender der CDU-Fraktion, dabei, um den Termin auf Facebook zu präsentieren. Kein Wort zu den Gesichtern der zitternden, weinenden, erschöpften und manchmal lächelnden Menschen, deren Zuhause die Straße ist.

Mehr als 300 Obdachlose waren in vier Nächten zwischen Altstadt und Zeilsheim auffindbar. Und das sind sicherlich nicht alle. Bei bis zu minus 12 Grad Celsius ohne Dach über dem Kopf. Bei jedem, der schläft, steigt bei Helfern die Sorge, ob er noch lebt. Jeder sieht doppelt hin, ob die Person atmet. Auch bei Uskhi. "Wenn man nicht dort hinschaut, wo andere wegsehen, gibt es nicht nur Leid, sondern zusätzlich Kältetote."

Auch der Hauptbahnhof ist Anlaufpunkt für viele Obdachlose, um dort zu übernachten.

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