Immer gut gelaunt: Heidi Jung in ihrem Tomaten-Gewächshaus in Oberrad.
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Immer gut gelaunt: Heidi Jung in ihrem Tomaten-Gewächshaus in Oberrad.

Tomatenkönigin

Oberrad: Ob klein, ob groß, diese Tomaten sind famos

  • vonSabine Schramek
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Beliebtes Gärtnerei-Fest fällt in diesem Jahr aus. Zum Ausgleich gab es einen Hofverkauf.

Oberrad -Heidi Jung wird oft "Tomatenkönigin" genannt. Oder "Tomaten-Heidi". Aus gutem Grund. In ihrer Gärtnerei züchtet sie 162 Sorten Tomaten. Von winzig klein bis knapp zwei Kilo groß. In allen Farben und Formen. Ihr jährliches Tomatenfest, das jedes Mal Tausende aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet anlockt, wäre ohne Corona im August zum neunten Mal gefeiert worden. Nun muss es ausfallen. Dafür gab es einen Verkaufstag auf dem Hof.

Man salzt auch keine Erdbeeren

Was Heidi Jung überhaupt nicht versteht, sind Kunden, die besonders süße Tomaten kaufen und dann Salz draufstreuen. "Da braucht es doch nur gutes Olivenöl, gehobelten Parmesan oder frisches Brot mit Butter drauf", sagt sie verwundert und lacht herzlich dabei. "Jeder, wie er mag, aber so geht halt die Süße weg. Ich salze ja auch keine Erdbeeren, sondern nehme Puderzucker. Das gehört - wenn überhaupt - auch auf Tomaten", ist sie überzeugt.

Es gibt wohl kaum jemanden in Frankfurt, der so viel über Paradiesäpfel weiß, wie Heidi Jung. In ihrer Gärtnerei Im Teller zieht sie auf 4000 Quadratmetern Fläche in 13 Gewächshäusern 162 Sorten Tomaten auf etwa 10 000 Pflanzen. Dass Tomaten glücklich machen, sieht man an ihrem schlagfertigen Humor und offenem Lachen. "Und sie machen richtig viel Arbeit", erklärt sie. In diesem Jahr ist alles ein bisschen anders. Eigentlich würde sie Mitte August das jährliche Tomatenfest feiern, das seit neun Jahren Tausende anlockt. Dann kam Corona. "Natürlich haben wir dafür geplant mit den Tomaten und haben einfach zu viele."

Außer an diesem einen Tag gibt es keinen Hofverkauf bei Heidi Jung. Dreimal in der Woche steht sie auf dem Markt in Offenbach mit ihrer Ernte. Statt Fest hat sie einen Nachmittag lang Im Teller Tomaten verkauft. Mit Mundschutz, Abstand und mitgebrachten Körbchen standen die Leute Schlange. Mit dem Warnhinweis "Finger weg" mit einem Herzchen daneben haben sie, ihre Tochter Julia und Enkelin Greta Sorten wie Purple Dragon, Sweet Tooth, Pink Lisa, Gargamel, Chocolate Sweet und Giant Green Zebra ausgesucht und eingepackt. Grüne, gelbe, orangene, pinkfarbene, rote, schwarze, bunt gestreifte Tomaten in Kirschgröße, oval oder riesig und verrunzelt. Jungs Steckenpferd sind alte Sorten. "Ich sammele sie wie andere Handtaschen, Schuhe oder Schmuck. Da habe ich einen kleinen Knall", sagt sie. Von diesen Sorten tragen die Pflanzen etwa fünf Kilo Früchte, bei ihren "Rennpferden" aus Hybriden bis zu 20 Kilo. Ihre Lieblingssorte ist die gelbe Ananastomate mit feiner süßer Säure. "Meine Größte in diesem Jahr hat 1900 Gramm gewogen. Der Hammer war das."

Bis zu 16 Stunden im Gewächshaus

Ihre Eltern haben hier 1968 das erste Gewächshaus für Tomaten gebaut. Heidi Jung und ihre Tochter arbeiten im Sommer bis zu 16 Stunden am Tag. "Heute war ich um drei Uhr früh zum Ausliefern in der Großmarkthalle. Um fünf Uhr haben wir im Dunkeln mit unseren Stirnlampen angefangen, zu ernten und überflüssige Blätter an den Pflanzen abzubrechen", erzählt sie nebenbei. Dazu kommen das Halten der richtigen Temperatur, der Luftfeuchtigkeit und Hitzeschäden. Sie zeigt auf hohe duftende Pflanzen in einer Reihe. "Die haben zu viel Hitze abbekommen. Da sind jetzt nur Rosinen dran", erklärt sie und zupft verschrumpelte kleine Tomaten ab. "Sonnengetrocknete Tomaten am Stil", sagt Jung ironisch, bevor sie sie wegwirft.

Bis sie ein Kilo Tomaten erntet, habe sie 35 000 Euro ausgegeben. Letztes Jahr gab es einen Pilz in der Erde. Um ihn loszuwerden, mussten Mutter und Tochter die Erde ausdämpfen lassen. "10 000 Euro hat es gekostet, dass die riesige Maschine alles bei 200°Celsius abgedampft hatte. Dazu kommen 7000 Euro für Saatgut aus aller Welt, veredelte Pflanzen für 4000 Euro, Heizung, Wasser, Erde, Töpfe und natürlich die Veredelung der Jungpflanzen im Frühjahr. Das ist wie im Operationssaal, wenn wir die Minipflänzchen zu zweit propfen. Das dauert allein zehn Tage. Wenn die Luftfeuchtigkeit während drei Tagen nur ein bisschen unter 100 Prozent geht, kann alles kaputt sein", sagt sie. Die Samen der Hybriden kann sie nicht nutzen. "Die sind wie die Hunde Labradoodles. Man muss jedes Mal einen Labrador und einen Pudel kreuzen. Sonst gibt es keine", sagt sie. Gedanken darüber, was es heißt, 162 Sorten Tomaten zu ziehen, macht sich kaum ein Kunde. Sie wollen genießen, suchen sich exotische und kunterbunte Sorten aus. Heidi Jung gibt zu allen Sorten Tipps. Auf die Frage, was man mit besonders großen Fleischtomaten macht, hat sie eine Antwort. "Tomatenschnitzel. Man schneidet sie in die dicke Scheiben, wälzt sie in Pankopaniermehl mit Ei und backt sie damit aus. Gehobelten Parmesan drauf, fertig. Das schmeckt wie im Paradies." sabine schramek

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