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Nilgänse machen sich auch auf den Feldern der Oberräder Bauern breit. Hier: Gärtnermeister Rainer Schecker versucht die Nilgänse auf einem Borretsch-Feld in Frankfurt-Oberrad zu verjagen (Foto vom 5.07.2018).

Plage

Oberräder bitten Stadt um Hilfe: Nilgänse gefährden Gärtnereien

Die Nilgänse sorgen weiterhin für Verdruss: Den Oberräder Gemüse- und Kräutergärtnern fressen sie alles weg, und im Brentanobad tummeln sie sich zuhauf. Die Bäderbetriebe wollen deshalb so bald wie möglich wieder Jagd auf sie machen – auch innerhalb der jetzigen Schonzeit.

Es ist kein gutes Jahr für Rainer Schecker. Erst kam der Frost, jetzt herrscht Dürre, und als wäre das nicht genug für den ungekrönten Grüne-Soßen-König, suchen Horden von Nilgänsen ihn heim. Rainer Schecker, 55, hegt und pflegt seit Urzeiten die sieben Kräuter fürs lokale Nationalgericht in einer der Oberräder Gärtnereien. Dort, auf halber Strecke zwischen Mainufer und Stadtwald, muss Schecker seit zehn Jahren mit den lästigen Vögeln leben. Anfangs fanden seine Kinder die Federviecher noch putzig, irgendwann aber bekam Schecker zu spüren, dass die Nilgans nicht nur gefräßig ist, sondern auch angriffslustig, wenn man sie beim Futtern stört.

Der Nilgans schmeckt’s bei Scheckers nämlich sehr gut, weswegen sie auch in Oberrad Jahr für Jahr zahlenmäßig zunimmt. Kerbel mag sie besonders. „Bis zum Totalschaden“, sagt Schecker, der bereits alles Mögliche ausprobiert hat, um die Vögel zu vergrämen. Reichlich Lärm hat er geschlagen, mit Gebrüll ist er auf sie los, in Richtung Sauerampfer hat er sie getrieben. Denn dieses Grüne-Soße-Kraut mögen die Plagegeister gar nicht. Alle Mühe war vergebens, bis zu 100 Tiere machen Schecker Leben und Geschäft schwer.

Er und seine Oberräder Leidensgenossen – betroffen sind natürlich auch die anderen Gärtnereien – verfügen zwar über eine Sondergenehmigung, um Jagd auf die Nilgans zu machen. Angesichts der Radfahrer und Hundebesitzer, die in hoher Frequenz die nahen Wege nutzen, ließ der einbestellte Waidmann die Flinte aber lieber im Schrank. Was also tun? Schecker wünschte sich, die Stadt würde ihm helfen – so wie sich jede Stadt selbst zu helfen weiß, wenn aus dem nahen Wald die Wildschweine anrücken.

CDU-Politiker Christian Becker, Vorsteher im zuständigen Ortsbeirat 5 und Stadtverordneter, wendete sich unlängst mit einer entsprechenden Anfrage an den Magistrat. Dessen Antwort fiel ernüchternd aus: Da die Gärtnereien privates Gelände seien, könne die Stadt nichts tun. Becker will Ende August nachhaken. „Da sind schließlich Existenzen gefährdet“, sagt er, „es geht doch nicht ums Vergnügen.“

Eine Lösung könnte sein, dass die Stadt zur Jagd die Gärtnereien weiträumig absperrt. Darum müsste sich dann das Ordnungsdezernat kümmern, betont Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne). Zuständig ist sie für den Schutz der öffentlichen Grünanlagen, und da hat ihr die Nilgans reichlich Spott eingebracht. „Klar, ich habe Fehler gemacht“, sagt die Stadträtin – und meint den mittlerweile berühmten Zaun im Ostpark. Zur Jagd hat sie nach wie vor ein gespaltenes Verhältnis.

In der Tat mag die Jagd zwar auch nicht nachhaltig abschrecken, kurzfristig aber dafür umso mehr. Das zeigt das Beispiel aus dem Brentanobad. Dort, wo die mit Salmonellen belasteten Hinterlassenschaften vor allem die Gesundheit von Kindern gefährden, ließen die Städtischen Bäderbetriebe im September vergangenen Jahres sechs Nilgänse schießen. Der Jäger trug gar die Kleidung der Bademeister, auf dass schon deren Anblick die Tiere vergraule. Danach war Ruhe. Aktuell aber sind es wieder 14 Tiere, die das Brentanobad bevölkern, erzählt Frank Müller, der Leiter der Bäderbetriebe. Also hat er eine Sondergenehmigung beantragt, so bald wie möglich, also innerhalb der aktuellen Schonzeit, wieder zur Jagd blasen zu dürfen.

Andererseits weiß Frank Müller genauso wie Dezernentin Heilig, dass der Kampf gegen die eine Plage ein fast aussichtsloser ist, solange die andere Plage sich nicht selbst abschafft. Gemeint ist das Verhalten des Menschen. Ob im Ostpark oder im Brentanobad: Er füttert die Gänse und lässt Essensreste herumliegen, auf dass sich die Gänse selbst bedienen. Viele Kackwürste, so haben die Brentano-Bademeister erstaunt festgestellt, sehen nicht nur aus wie Pommes, sie riechen auch so. Ein Fütterungsverbot zu verhängen, streng zu überwachen und bei Nichtbeachtung teuer zu ahnden dürfte kaum gehen. „Der Personalaufwand wäre enorm“, sagt der Oberräder CDU-Politiker Becker. Und Dagmar Stiefel, Ornithologin von der Staatlichen Vogelschutzwarte, sieht im menschlichen Widerspruch zwischen Ekel einerseits und Nachlässigkeit andererseits ein gesellschaftliches Phänomen abgebildet: „Die Menschen verlangen immer öfter von der Verwaltung, Probleme zu lösen, die sie selbst verursachen.“

Kräutergärtner Rainer Schecker helfen solche soziologischen Exkurse zu Mensch und Nilgans wenig. Der Mann braucht eine Lösung, sonst sieht er schwarz für die Grüne Soße. „Gärtner hatten bislang vier Feinde“, sagt er, „Frühling, Sommer, Herbst und Winter – jetzt ist einer dazugekommen.“

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