„Mehr Autos, mehr Kunden“, sagt Ahmad Chandhry, der im Oeder Weg in Frankfurt seit über 20 Jahren Obst und Gemüse verkauft.
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„Mehr Autos, mehr Kunden“, sagt Ahmad Chandhry, der im Oeder Weg in Frankfurt seit über 20 Jahren Obst und Gemüse verkauft.

Polarisierende Verkehrsführung

Oeder Weg in Frankfurt: Zwischen Frust und Resignation – Verkehrsführung polarisiert

  • VonSabine Schramek
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Im Oeder Weg in Frankfurt polarisiert die neue Verkehrsführung. Nur Radler profitieren von der Sperrungen - Die nächste Schranke kommt im Herbst.

Frankfurt - Ungläubige Blicke von Autofahrern am Eschenheimer Tor, weil eine rot-weiße Schranke und dahinter zusätzlich drei rot-weiße Pfosten die Einfahrt in den Oeder Weg (Frankfurt) verhindern. Grinsen von Radfahrern, während sie bei Rot, gegen die Fahrtrichtung oder quer neben der Schranke und den Pfosten vorbei auf den Oeder Weg rasen. Die neue Verkehrsführung polarisiert.

Neue Verkehrsführung in Frankfurt fordert Sprit und Nerven

Gewiefte Autofahrer kommen über die Eschersheimer Anlage, um in den Oeder Weg zu fahren. Alle anderen, die aus der Innenstadt kommen, haben Pech oder brauchen Nerven und Sprit für lange Umwege. Radfahrer freut es doppelt, weil sie an der Schranke und an den Metallpfosten vorbei dürfen. Fußgänger fluchen, weil Fahr- und Lastenräder oder E-Scooter weder nach links noch nach rechts gucken und haarscharf an ihnen vorbeirauschen.

Noch gibt es Zahl-Parkplätze zwischen bunten Umzäunungen für Lokale und Bars und grauen Metallbügeln für Räder auf der Einkaufs- und Gastronomiestraße mit ihren fröhlichen Schaufenstern. Acht Ladenflächen stehen leer und sind verwaist. Ob wegen Corona, wegen der neuen Verkehrsführung oder aus anderen Gründen bleibt offen. Auch, dass zwischen 17 und 18 Uhr nur wenige Menschen unterwegs sind, mag am kalten Wetter liegen. Oder auch nicht.

Frankfurt: Mini-Brauerei merkt keinen Unterschied durch neue Verkehrsführung

"Dieses scheußliche Rot überall auf der Straße schreckt ja auch eher ab", meint eine ältere Dame mit Rollator kopfschüttelnd auf dem Weg zur Apotheke. Ihr Auto hat sie in einer Querstraße abgestellt. "Jetzt muss ich auch noch die Parkuhr zahlen, weil ich Medikamente brauche. Das ist doch Wucher", schimpft sie. "

Wenn die Politiker mal in mein Alter kommen, werden sie es schon merken, was sie da anrichten.

Ältere Passantin gegenüber unserer Zeitung

Nicht weit entfernt sitzen Gäste der kleinen Biermanufaktur Braustil im Biergarten und lassen sich über selbstgebraute Biersorten beraten oder schlürfen schon das Helle, das letztes Jahr mit der Goldmedaille von Meininger ausgezeichnet wurde. "Wir merken bisher keinen Unterschied an Gästen und Verkauf", sagt Jason Weller, der die Mini-Brauerei 2014 gegründet hat. "Uns ist es ohnehin lieber, wenn die Gäste nicht mit dem Auto kommen", meint er augenzwinkernd mit Blick auf die Biertanks hinter der Theke.

Verkehrsführung in Frankfurt: Rote Markierungen erinnern an Tennisplätze

Weniger Verkehr sei es insgesamt seit der Sperre schon geworden, "aber wenn man bereit ist, 100 Meter weiter zu laufen, findet man auch noch einen Parkplatz", ist er sicher. "Ich dachte auch, dass es schlimm wird, aber bisher merken wir keine Veränderungen." Die breiten knallroten Flächen, die an einigen Stellen quer über den Oeder Weg gemalt sind, kommentiert er ironisch. "Das sieht aus wie Tennisplätze."

Schwungvoll um die Schranke herum in den Oeder Weg.

Weniger Humor haben die Mitarbeiter des legendären Ladens Blumen Ursprung. "Wir sagen nichts mehr", zeigt sich eine Verkäuferin genervt und frustriert. "Es bringt einfach nichts, immer wieder auf die Situation hinzuweisen. Sie ist einfach nicht gut für uns", sagt sie und bindet weiter an einem Strauß aus Rosen und Hagebutten. Seit 1938 ist das Geschäft in Familienhand. Gefallen finden die Betreiber keinen an der Umgestaltung der Straße.

Oeder Weg in Frankfurt: Manche Kunden schimpfen heftig

Resigniert wirkt Ahmad Chandhry, der seit über 20 Jahren in seinem kleinen Eckladen kunterbuntes Obst, frische Steinpilze, Blumen, Gemüse und indische und pakistanische Spezialitäten verkauft. "Ja, es kommen ein bisschen weniger Kunden, aber es geht so", sagt er höflich lächelnd. Zwischen dicken Pfirsichen, Artischocken und Datteln erzählt er zögernd von "wenigen Kunden, die richtig schimpfen, weil sie mit dem Auto kommen wollen. Aber es geht. Mit mehr Autos geht es besser. Es wird schon".

Richtig sauer sind dagegen die Betreiber der Soemmering Weinbar. Bis Ende des Monats machen sie Betriebsferien. "Wir brauchen mal Pause" heißt es auf der Tafel der Sommelière Franziska Lück, die bereits zum zweiten Mal einen Bußgeldbescheid "für zu Unrecht aufgestellte Tische" bekommen hat. Insgesamt 333,50 Euro soll sie bezahlen, weil sie Tische auf dem breiten Bürgersteig an der breiten Kurve zur Sömmeringstraße aufgestellt hat.

Oeder Weg in Frankfurt: Weitere Schranke soll noch in diesem Jahr kommen

Auf Facebook reagiert die Frau. "Danke gierige Stadt Frankfurt am Main für so eine Reaktion, nachdem der Oeder Weg ja so toll umgestaltet wurde und wir gar keine Fläche mieten konnten, da diese ja noch gar nicht fertiggestellt wurde. Kein Bock mehr".

Noch in diesem Jahr soll eine weitere Schranke in Höhe Holzhausenstraße den Verkehr auf dem Oeder Weg zum weitgehenden Erliegen bringen. Die Laden- und Lokalbetreiber wird es hart treffen, ebenso wie Autofahrer. Die Radfahrer werden weiter rasen. (Sabine Schramek)

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