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Untersuchung mit dem Stethoskop: Oft müssen Patienten wochen- oder gar monatelang warten, bis Fachärzte Zeit für sie haben.

Gesundheit

Öffnungszeiten, Terminvergabe: Mediziner lehnen Politik-Forderungen ab

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Die Eindämmung der Zwei-Klassen-Medizin war ein großes Thema in den Koalitionsverhandlungen im Bund. Vor allem die SPD hatte sich das Thema auf die Fahnen geschrieben. Herausgekommen ist ein Kompromiss, der Forderungen enthält, die den hessischen Kassenärzten gar nicht gefallen. Sie fühlen sich der Faulheit bezichtigt und hoffen nun auf mehr Anerkennung bei den hessischen Wahlkämpfern.

Wer schon einmal versucht hat, wegen eines schmerzendes Knies oder Ellenbogens einen Termin bei einem Orthopäden zu bekommen, der weiß: Er braucht viel Geduld. Oft müssen Patienten wochen- oder gar monatelang warten, bis der Facharzt Zeit für sie hat. Es sei denn, der Schmerzgeplagte ist Privatpatient. Dann dauert es meist nur ein paar Tage. Einige Ärzte schalten gar unterschiedliche Telefonnummern für Kassen- und Privatpatienten, damit ihre lukrativeren Privatkunden nicht so lange in der Warteschleife hängen müssen. Andere bitten ihre Privatpatienten in komfortabel ausgestattete Extra-Wartezimmer, während die Kassenpatienten im einfacher gestalteten Nachbarraum warten müssen. Solche Alltagserfahrungen, die von Patientenschützern immer wieder angeprangert werden, sind es, die hinter dem Begriff Zwei-Klassen-Medizin stehen.

Die große Koalition in Berlin will diesen Zustand nicht länger hinnehmen. Auf Drängen der SPD stehen Reformen an. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will nun Verbesserungen für Kassenpatienten durchsetzen. Doch die Pläne stoßen auf Widerstand bei den hessischen Kassenärzten.

Noch sind nur wenige politische Pläne bekannt, doch was schon auf dem Tisch liegt, reicht, um den Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) zu echauffieren und an die Parteien in Hessen zu appellieren, von solchen Ideen Abstand zu nehmen: „Die Diskussion ist deplatziert und verhöhnt die Arbeit der Ärzte“, schimpft KVH-Chef Frank Dastych. Er spielt damit auf die Pläne aus Berlin an, die Ärzte zu längeren Praxis-Öffnungszeiten zu verpflichten. 25 statt 20 Stunden sind im Gespräch. Außerdem ist eine Ausweitung der Terminservicestellen geplant, die Patienten telefonisch innerhalb von vier Wochen einen Termin beim Facharzt vermittelt. Künftig soll das auch für Termine bei Haus- und Kinderärzten gelten.

Beide Forderungen treiben dem KVH-Chef die Zornesröte ins Gesicht. „Ärzte arbeiten schon jetzt viel länger als ihre Praxen geöffnet sind“, gibt Dastych zu bedenken. Er spricht von mehr als

50 Wochenstunden

. Denn am Ende der Sprechstunde sei das Wartezimmer ja noch lange nicht leer. Außerdem kämen Hausbesuche, Labortätigkeiten sowie Management und Verwaltung hinzu. „Die Ärzte sind nicht faul, sie arbeiten an der Belastungsgrenze“, betont er.

Die Engpässe in der ambulanten Versorgung sind nach Einschätzung des KVH-Chefs ganz anders zu beseitigen: „Wir brauchen mehr Studienplätze für Mediziner und bessere Arbeitsbedingungen“, fordert er. Andernfalls verliere Hessen seine Nachwuchsärzte an andere Bundesländer oder gar ins Ausland.

Für völlig deplatziert hält Dastych auch eine Ausweitung der Terminservicestellen. Sie leisteten Mehrfachbehandlungen Vorschub und förderten eine

„Flatrate-Mentalität“

bei Patienten, die am wirklichen medizinischen Bedarf vorbeigehe. Seit auch Termine bei Psychotherapeuten über das System vermittelt würden, ufere die Nachfrage aus. „Patienten holen sich so lange eine weitere ärztliche Meinung ein, bis sie ihre gewünschten Befund, etwa für eine Frühverrentung, bekommen“, kritisiert Dastych. Besser wäre es aus Sicht der KVH, die Zugangsschwelle zu erhöhen und dringende Fälle bevorzugt zu behandeln. Mit durchschnittlich 18 Arztbesuchen pro Jahr sei Deutschland europaweit an der Spitze und das System „an der Belastungsgrenze“.

Insgesamt bezweifeln die hessischen Kassenärzte, dass es überhaupt eine Zwei-Klassen-Medizin gibt. Das sei „populistischer Popanz“ und „vielfach widerlegt“. „In Hessen haben wir kein Zugangsproblem: Jeder der krank ist, bekommt die medizinische Versorgung, die er benötigt – egal, ob Kassen- oder Privatpatient“, betont Dastych.

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