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Ohne Hilfe wäre die Bahnhofsmission in Frankfurt aufgeschmissen

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Von: Sarah Bernhard

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Eine Frau geht mit ihrem Jungen an der Hand über Bahnsteig. Sie kam mit einem Zug aus der Ukraine und wurde am Frankfurter Hauptbahnhof von Helfern in Empfang genommen. Ohne Unterstützung auch freiwilliger Helfer könnte die Bahnhofsmission die Hilfe für die Geflüchteten nicht stemmen.
Eine Frau geht mit ihrem Jungen an der Hand über Bahnsteig. Sie kam mit einem Zug aus der Ukraine und wurde am Frankfurter Hauptbahnhof von Helfern in Empfang genommen. Ohne Unterstützung auch freiwilliger Helfer könnte die Bahnhofsmission die Hilfe für die Geflüchteten nicht stemmen. © picture alliance/dpa

Die Bahnhofsmission im Hauptbahnhof Frankfurt ist oftmals die erste Anlaufstelle für Geflüchtete aus der Ukraine. Alleine könnte sie das nicht stemmen.

Der kleine Raum zwischen dem Eingang zur Bahnhofsmission an Gleis 1 und der Theke ist voller wartender Menschen. Die einen wollen weiter nach Oslo (dahin gibt's aber kein Umsonst-Ticket), die anderen in Frankfurt bleiben (bitte kurz warten). Zwei Hunde beschnuppern einander, ein Kleinkind im Kinderwagen lacht und streckt die Hand nach ihnen aus, ein Übersetzer vermittelt zwischen der Mutter des Kleinkinds und einem Angestellten. 46 500 Ukrainer haben seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine am 24. Februar die Bahnhofsmission besucht - zusätzlich zu den knapp 300 Nicht-Ukrainern, die an einem durchschnittlichen Tag vorbeikommen. Bei Carsten Baumann, seit sieben Jahren Leiter der Bahnhofsmission, laufen alle Fäden zusammen.

Herr Baumann, hier ist ja unglaublich viel los. Wie behalten Sie den Überblick?

Eigentlich geht es im Moment. Gerade kommen etwa 1200 Menschen pro Tag, in Spitzenzeiten waren es mehr als 2000. Wir können hier 60 Ankommende gleichzeitig betreuen. Ohne zusätzliche Räume wäre es also nicht gegangen.

Wo bekamen Sie die her?

Das Bahnmanagement hat uns schnell Ausweichräume zur Verfügung gestellt. Es gibt drei Gruppen von Ankommenden: Die, die weiterreisen wollen, die, die in Frankfurt bleiben möchten, und die, die noch entscheiden müssen, wohin sie möchten, oder hier auf Freunde oder Verwandte warten. Menschen, die bleiben wollen, fahren wir zur Gemeinschaftsunterkunft in der Messe. Für die Weiterreisenden gibt es einen Raum im Bahnhof, wo sie etwas Kraft tanken können, und eine Übernachtungsmöglichkeit am Wiesenhüttenplatz. Aber es kommen auch immer wieder Menschen, für die wir erst eine Lösung finden müssen. Zum Beispiel kamen eines Nachts 32 Kinder und Erwachsene mit Sehbehinderung an. Wir haben dann mit der Deutschen Blindenstudienanstalt Kontakt aufgenommen, sie hat uns unterstützt.

Ihr Job klingt kompliziert.

Es ist kompliziert und spannend zugleich. Wir versuchen seit jeher, Lösungsspezialisten zu sein. Das kommt uns jetzt zugute, weil wir gut vernetzt sind und viele Ideen haben.

Welche Herausforderungen gab es noch?

Hier werden Menschen vorstellig, deren Blutdruckmedikamente oder Antiepileptika zur Neige gehen oder deren Kinder Insulin brauchen. Es kamen auch Kriegsverletzte. Und mit Sicherheit schon mehr als zehn Frauen mit einer Krebserkrankung, die durch die Flucht ihre Chemotherapie oder ihren OP-Termin verpasst haben. Die weisen wir dann einem Krankenhaus zu. Vor allem versorgen wir die Menschen aber mit kostenfreien Tickets für die Weiterreise oder mit Essen. Dafür bestellen wir Lunchpakete bei der Deutschen Bahn oder bei unseren Trägern Diakonie und Caritas. Es gibt auch Kooperationen mit Kindergärten, die uns Päckchen mit Süßigkeiten packen. Gerade die Kinder sind von der Situation völlig überfordert, sie wissen oft gar nicht, wie ihnen geschieht. Man denkt vielleicht nicht gleich daran, aber die Menschen, die hier eintreffen, haben neben ihrer Fluchterfahrung ähnliche Bedürfnisse wie wir, möchten so rasch wie möglich wieder in geordneten Verhältnissen leben. Und wir versuchen, ihnen dabei einen guten Einstieg zu geben.

Mehr als 1000 Menschen pro Tag. Schlafen Sie auch manchmal noch?

In den ersten vier Wochen haben meine Mitarbeitenden und ich sehr viele Überstunden gemacht, um passende Konzepte und Abläufe zu erarbeiten. Wir haben die Schichten aufgestockt und Mitarbeiter des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten unterstützen unser Stamm-Team. Zudem haben sich viele ehrenamtliche Helfer, darunter auch ehrenamtliche Übersetzer, bei uns gemeldet. Sie sind eine enorme Hilfe. Und wir bekommen Unterstützung von ukrainisch und russisch sprechenden Mitarbeitern vom DB Infoschalter.

Die Deutsche Bahn ist offenbar sehr engagiert.

Ja, wir haben ein absolut enges Verhältnis. Jeden Mittag haben wir mit dem Bahnmanagement und dem Frankfurter Verein eine Lagebesprechung, in der wir uns abstimmen. Wir haben auch schon Konzepte für den Fall, dass sich in der Ukraine die humanitären Korridore öffnen und die Zahl der Ankommenden weiter steigt. Man kann eine Situation wie diese nur managen, wenn man ein, zwei Schritte vorausdenkt.

Was ist die größte Herausforderung für die Mitarbeiter und Sie?

Mit am schwierigsten ist es, auf die Bedürfnisse der vielen Menschen, die permanent eintreffen, einzugehen. Wir führen permanent Gespräche, von morgens halb acht bis manchmal mitten in der Nacht. Wenn man abends hier rausgeht, will man manchmal einfach nicht mehr sprechen.

Das klingt ziemlich belastend.

Es gibt natürlich auch schöne Momente. Zum Beispiel brachte eine ukrainische Frau, die wir ins Krankenhaus gefahren haben, weil sie dringend eine Operation brauchte, ein Paar selbstgehäkelte Hausschuhe vorbei, weil sie so dankbar war. Das war sehr berührend. Oder als wir noch keine Süßigkeiten für die Kinder vorrätig hatten, habe ich mal einem kleinen Jungen eine Packung Smarties gegeben, die ich für mein Frühstück dabeihatte. Als er mich das nächste Mal sah, rannte er mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Ich habe ihn dann hochgenommen und wir haben uns umarmt. Das sind Momente, in denen man Gänsehaut kriegt.

Und wir achten darauf, uns nicht auszupowern, weil wir sonst in absehbarer Zeit nicht mehr genügend Kraft für unsere Arbeit hätten. Leider müssen wir davon ausgehen, dass der Krieg länger dauert.

Sehen das die Ukrainer auch so?

Die meisten haben das noch nicht realisiert.

Warum kümmert sich um so etwas eigentlich die Bahnhofsmission?

Weil das unsere typische Aufgabe ist. Als 1895 junge Mädchen aus dem Umland zum Arbeiten nach Frankfurt kamen, hat sich die Bahnhofsmission gegründet, um sie vor Prostitution und Ausbeutung zu schützen. Das machen wir heute wieder.

Es soll ja tatsächlich Männer geben, die versuchen, ukrainische Frauen zu sich zu locken, um als Gegenzug für die Hilfe Sex zu bekommen.

Geflüchtete Frauen berichten uns, dass es an der polnischen Grenze einige Zwischenfälle gab. Am Anfang hatten wir hier auch zwei, drei Männer, die versucht haben, die Frauen ins Kino oder zum Essen einzuladen. Das haben wir sehr schnell unterbunden. Abgesehen davon sind die Frauen selbst bereits sehr sensibilisiert.

Wirklich?

Ja, sie sind so gut vernetzt, dass sie schon vor ihrer Ankunft wussten, dass es diese Probleme mit zudringlichen Männern gibt. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Frauen und Kinder nicht in gefährliche Situationen kommen. Gerade in der Unsicherheit der Ankunftssituation sorgen wir dafür, die Frauen mit Kleinbussen oder Taxen sicher weiterzuleiten.

Zum Wiesenhüttenplatz?

Wenn Sie eine erschöpfte Frau mit drei Kindern, fünf Koffern und einer Katze wären, würden Sie auch nicht zum Wiesenhüttenplatz laufen wollen.

Ich muss gestehen, dass es mich manchmal immer noch verwirrt, dass die Menschen aus der Ukraine so anders sind, als man sich Flüchtlinge gemeinhin vorstellt.

Wir begegnen hier Menschen, die aus dem Mittelstand oder dem Bildungsbürgertum stammen. Auch ältere Menschen haben Smartphones bei sich, die im Moment für sie das Wichtigste sind, um mit Angehörigen in der Ukraine in Kontakt zu bleiben.

Haben Sie bei so vielen Menschen auf engstem Raum keine Angst vor Corona-Ansteckungen?

Wir geben am Eingang FFP-2-Masken aus, haben hier drin drei Luftfilter laufen und alle Mitarbeitenden testen sich jeweils vor Arbeitsbeginn.

Wie sehen die Nicht-Ukrainer, die hierherkommen, die Situation?

Wir richten vormittags und nachmittags möglichst Zeitkorridore ein, damit sie nicht zu kurz kommen. Wohnungslose Menschen können hier zum Beispiel duschen. Und auch unsere Umsteigebegleitung für Reisende läuft weiter.

Die Bahnhofsmission ist eine christliche Hilfsorganisation, die von Caritas und Diakonie getragen wird. Hadern Sie manchmal damit, dass Gott dieses nun wirklich absolut sinnlose Leid zulässt?

Manche fragen sich, warum Gott Kriege zulässt. Aber wir haben einen freien Willen und Gottes feste Zusage, uns in unserem Leben zu begleiten. Wenn es heißt: "Ich bin der mitgehende Gott, der immer dabei ist, und in diesem Vertrauen werdet ihr auch die schlimmste Situation überstehen", bedeutet das für uns, nicht abzustumpfen, die Sache aber abends aus der Hand zu geben und dann am nächsten Morgen wieder mit Volldampf loszulegen. Das können alle Menschen, die zu uns kommen, immer wieder aufs Neue erwarten. (Interview: Sarah Bernhard)

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