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?Vom Himmel hoch, da komm ich her? ? beim Turmblasen an Heiligabend kommt zumindest die Bläsermusik aus dem Türmerstübchen des Höchster Schlosses. Es spielen der Posaunenchor der evangelischen Gemeinde und befreundete Musiker.

Weihnachtsritual

Ohne das Höchster Turmblasen ist Heiligabend nicht komplett

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Ein Weihnachtsritual, ohne das für viele das Fest nicht komplett wäre, ist das Turmblasen an Heiligabend. Auch dieses Jahr wird es wieder Hunderte auf den Schlossplatz ziehen, wo für die Leberecht-Stiftung Glühwein ausgeschenkt wird.

Es ist ein schöner Brauch: Wie jedes Jahr werden sich die Menschen auch an diesem Heiligabend wieder auf dem Höchster Schlossplatz versammeln und ab 19.30 Uhr dem Turmblasen lauschen. Es wird inzwischen vom Höchster Vereinsring organisiert, nachdem es über mehr als 100 Jahre bei den Nachkommen der weit verzweigten Familie Schäfer angesiedelt war.

Um welche Uhrzeit genau das Turmblasen beginnt, das hängt meist davon ab, wann der Gottesdienst der evangelischen Kirchengemeinde Höchst zu Ende ist, denn die Bläser gestalten ihn zuvor mit. Wer sicher sein möchte, nichts zu verpassen, ist am Besten so gegen 19 Uhr auf dem Schlossplatz und trinkt einen Glühwein. Denn der wird gegen eine Spende für Leberecht ausgegeben, die Stiftung unserer Zeitung, die sich seit mehr als 60 Jahren für behinderte und benachteiligte Kinder und Jugendliche und ihre Eltern in der Region stark macht.

Wirte wechseln sich ab

Den Ausschank übernehmen die drei Schlossplatz-Wirte im Wechsel; in diesem Jahr ist wieder Michael Voss mit seinem Team von der „Alten Zollwache“ dran. Natürlich gibt es auch Kinderpunsch. Ausgegeben werden die Heißgetränke gegen eine Spende, es gibt keine festen Getränkepreise. Jeder steckt sein Geld ins Leberecht-Sparschwein.

Dann erklimmen die Musiker des Posaunenchors der evangelischen Gemeinde über die Wendeltreppe den Schlossturm. Sie lassen ihre Choräle aus dem Türmerstübchen erschallen – durch die geöffneten Fenster, denn auf die Galerie mit ihrem niedrigen Geländer darf schon seit Jahren aus Sicherheitsgründen niemand mehr. Wetterlage und Wind bestimmen, wie gut die Choräle zu hören sind. Üblicherweise hört man sie gut – und jeder kann dazu beitragen, indem unten auf dem Platz nicht geschwätzt wird wie im Festzelt, sondern jeder die Stimmung auf sich wirken lässt.

Die Legende ist viel älter

Das Turmblasen geht wohl viel weiter zurück, als die Legende glauben macht, hat der Höchster Historiker Dr. Wolfgang Metternich recherchiert: Spätestens seit dem Jahr 1587, als der Schlossturm seine heutige Höhe von 50 Metern erreicht hatte, gab es auch den Brauch des Turmblasens. Im Turmstübchen wohnte nämlich der Turm- und Feuerwächter, der die Bürger vor Feuer- und Feindesgefahr zu warnen hatte. Weil der Job nicht sonderlich gut bezahlt war, räumte man dem Türmer das Recht ein, bei Hochzeiten und anderen Festen gegen Honorar aufzuspielen. An Weihnachten bedankte sich der Turmwächter dann mit frommen Weisen vom Turm.

Das könnte auch heute noch so sein, hätten nicht die sparsamen Preußen, als sie sich 1866 das nassauische Städtchen Höchst einverleibten, dem Turmwächter gekündigt – „Lied aus“ hieß nun das Kommando. Doch mit List und Tücke und der Etablierung einer frommen Legende verschaffte man sich nur wenige Jahre später wieder Zugang zum Schlossturm. Die fromme Legende geht so: Im Krieg von 1870/71 wurden auch die vier Gebrüder Schäfer eingezogen. Sie sollen das Gelübde abgelegt haben, jede Weihnacht fromme Weisen vom Schlossturm erklingen zu lassen, wenn sie nur heil aus dem Krieg heimkehrten. Diese Legende ist zumindest schön erfunden, denn schon vor dem Jahr 1870 gab es in Höchst das Turmblasen als Weihnachtsritual. Aber die Legende tat ein Übriges: Wer hätte es schon gewagt, vier leibhafte Kriegshelden mit einem frommen Gelübde im Rücken vom Schlossturm zu verjagen? Nicht mal die Preußen . . .

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