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Ohne Menschen wie sie tut sich Demokratie schwer

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Im Römer wurden jetzt Wahlhelfer für ihr Engagement ausgezeichnet. Bei jedem Urnengang verbringen sie ihre Sonntage im Wahllokal. Wie gestaltet man sich die Zeit dabei am angenehmsten? Wir haben drei ganz besondere Wahlhelfer aufgespürt.

Herzliche Umarmungen, einmal links, einmal rechts, und reihum: Dann geht’s los. Rasch breiten fleißige Hände mehrere Schichten Schnittchen aus und gefüllte Eier, schneiden den Hefezopf oder verteilen Tassen und Trinkgläser. Der Nachbar schließt Kaffeemaschine und Radio an, ehe mit Obst-Käse-Spießchen nebst einer Cremetorte das Buffet komplettiert wird – was zunächst wirkt wie das Treffen der örtlichen Schlemmerinitiative, ist ein ganz normaler Wahlsonntag in der Helene-Lange-Schule, dem Wahllokal des Stadtbezirks 580-01. In der „Hela“ ist seit Jahren ein eingespieltes Team im Einsatz.

„Ein Sonntag lässt sich angenehmer verbringen als im Wahllokal“, hatte jetzt Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler bei der Verleihung der Ehrennadeln für die Wahlhelfer bemerkt. Das Team aus der „Hela“ macht stets das Beste daraus. „Irgendwann fing es an, dass jemand etwas mitbrachte, und bald wurde daraus ein Selbstläufer“, erinnert sich Karin Sellin (59).

Sie ist eine von 460 Eingeladenen für die neu geschaffene Auszeichnung des Bundesinnenministeriums (BMI). Aus datenschutzrechtlichen Gründen darf das städtische Wahlamt keine Informationen über die Wahlhelfer erfassen. Daher hatte es die für die Nominierung der Wahlvorstände zuständigen Stadtbezirksvorsteher um Empfehlungen gebeten.

Immer neue Kreationen

Die anderen Helfer in der „Hela“ bekamen keine vergoldete Ehrennadel, aber das ist ihnen auch nicht so wichtig. „Was ist, wenn keiner was macht?“, fragt Julia Schöll. Zu jeder Abstimmung überlegt sie sich neue Kreationen gefüllter Eier, „dabei habe ich mit zwei Jobs wahrlich genug zu tun“. Die gebürtige Höchsterin war zudem viele Jahre lang Schöffenrichterin, wie auch ihr Wahllokalkompagnon Dieter Schmitt. Der einstige Rotfabriker hatte lange in Höchst gewohnt, kommt aber wegen der angenehmen Atmosphäre auch aus seinem neuen Wohnort Rödelheim in die Schule am Höchster Stadtpark. Wie es bei ihm anfing? Der damalige Stadtbezirksvorsteher Norbert Wildhirt hatte ihn gefragt, ob er sich „für einen einzigen Sonntag ins Wahllokal setzen“ könne. Aus einem Sonntag wurde etliche. „Das war vor rund 30 Jahren, seitdem bin ich immer dabei. Es ist wie ein Sprachfehler, wenn man nicht Nein sagen kann“, sagt der 70-Jährige schmunzelnd.

So ergeht es vielen Wahlhelfern: Wer einmal dabei ist, macht’s ein Leben lang, weil sich sonst keiner findet. Von den rund 4000 Helfern bei der vergangenen OB-Wahl waren 2600 Ehrenamtliche, der Rest wurde von städtischen Ämtern abgeordnet. Die Ehrung der Wahlhelfer versteht das BMI als „Teil eines Maßnahmenbündels zur ehrenden Anerkennung der Wahlhelfer und zur Unterstützung der Wahlhelfergewinnung“, heißt es im verqueren Amtsdeutsch.

Außer einer Vereinfachung der Wahlniederschriften wurden die „Erfrischungsgelder“ genannten Aufwandsentschädigungen erhöht von 21 Euro auf 25 Euro beziehungsweise 35 Euro für die Wahlvorsteher. Die Stadt Frankfurt zahlt sogar 50 Euro an Wahlvorstände und Schriftführer sowie 40 Euro an Beisitzer, kommt dabei für die Differenz auf. Dennoch fällt es schwer, genügend Wahlhelfer zu rekrutieren. Manchmal verfliegen die Stunden im Wahllokal, wenn die Bürger zwischen Mittagessen Nachmittagskaffee strömen. Andere Stunden fließen zähflüssig wie Quecksilberbläschen dahin. Im Western Film würde ein einsamer Busch durchs Wahllokal wehen.

Nächste Wahl im Herbst

In der „Hela“ nutzen die Helfer das Warten auf den nächsten Wähler indes für anregende Gespräche: „Unterschiedliche politische Ansichten sind kein Problem. Die meisten Wahlhelfer eint, dass sie sich überhaupt politisch interessieren“, beobachtet Karin Sellin. Sie nennt ihr regelmäßigen Engagement „ein bisschen Restverantwortung für die Gesellschaft“. Bei der Landtagswahl im Herbst wird sie wieder dabei sein, wie auch ihre Mitstreiter, und auch bei folgenden Wahlen „so lange wir gesund sind“. Und nach der Auszählung wird wieder auf die gelungene Zusammenarbeit mit Sekt angestoßen. „Es ist ein bisschen wie eine kleine Familie“, freut sich Julia Schöll.

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