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Freut sich über den Scheck: Das Praxis-Team der Malteser. Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (rechts) überreichte das Geld.

Malteser

Organisation betreibt im Markus-Krankenhaus eine Praxis für Menschen ohne Krankenversicherung

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Es ist eine fast ganz normale Hausarztpraxis. Es gibt Ärzte, Instrumente, Medikamente. Nur eins gibt es nicht: Die Frage nach der Krankenversicherungskarte. Die Praxis der Malteser ist speziell für Menschen, die keine Krankenversicherung haben, deren Aufenthaltsstatus vielleicht sogar illegal ist.

„Am 1. Januar ist unser Kontostand immer bei Null“, sagt Annette Lehmann, Stadtbeauftragte der Malteser Frankfurt. Rechnungen müssen beglichen werden, Medikamente und Verbandsmaterial bezahlt werden. „Und so haben wir um Hilfe gebeten.“

Die Hilfe kam schnell. Gestern hat Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld einen Scheck überreicht. 5000 Euro spendet die Stadt der „Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung“ (MMM). Seit 2006 gibt es das Angebot, Anfangs als „Malteser Medizin für Migranten“. Und Migranten stellen noch immer den Großteil der Patienten in der Praxis.

„Wir haben viele Menschen ohne Aufenthaltsstatus in Deutschland“, sagt Annette Lehmann. Deswegen fragt hier auch niemand nach Papieren. „Zum Teil leben die Menschen schon seit Jahren in Deutschland. Sie leben unauffällig, sie arbeiten schwarz, und wenn sie oder ihre Angehörigen ein gesundheitliches Problem bekommen, weigern sie sich, zum Arzt zu gehen.“ Nur die Praxis im Markus-Krankenhaus bleibt dann noch als Alternative in letzter Minute.

Natürlich gibt es auch deutsche Patienten. Eigentlich muss jeder eine Krankenversicherung haben. Trotzdem ermittelte das statistische Bundesamt für 2015 – neuere Zahlen liegen nicht vor – 80 000 Bürger ohne einen solchen Schutz. Ob es der Selbstständige ist, der die hohen Krankenklassenbeiträge nicht mehr aufbringen konnte, oder wer auch immer: In der Ambulanz wird geholfen, ohne zu fragen.

Wie heute, als Dr. Konrad Euler einem Mittfünfziger den Blutdruck misst. Immer montags, immer von 15 bis 19 Uhr können Euler und seine sechs Kollegen die Räume im fünften Stock des „Medicentrums“ im Markus-Krankenhaus nutzen. „Dafür sind wir sehr dankbar. Wir müssen keine Miete zahlen“, sagt Annette Lehmann.

Arzt im Ruhestand

Euler ist 71 und im Ruhestand. „Aber ich will noch etwas machen, bin ganz froh, dass ich noch gebraucht werde“, sagt der Hausarzt, der über Jahrzehnte im Gallus praktiziert hat. Immer zwei Ärzte und zwei Assistentinnen bilden an einem Montagmittag das Team. Insgesamt leisten sieben Ärzte und fünf Assistentinnen ehrenamtlich den Dienst für die MMM. „Es gibt richtige Schichtpläne“, sagt Barbara Gräfin von Brühl. Sie ist eine der Krankenschwestern in der Praxis und zugleich die Leiterin der MMM.

Lehmann zufolge benötigt die MMM jährlich 60 000 bis 70 000 Euro. „Es sind alles Spenden. Und es sind nur die laufenden Kosten.“ Manchmal, wie zuletzt im Dezember 2018, muss schnell innerhalb weniger Tage weiteres Geld aufgetrieben werden. Der Grund: Eine junge Frau benötigte dringend eine Operation. Sie hat sie erhalten und ist auf dem Weg der Genesung. Die Kosten: 30 000 Euro. „Schwierig wird es auch, wenn wir teure Krebsmedikamente benötigen“, sagt Lehmann. Aber niemand wird weggeschickt.

575 Patienten pro Jahr

Weil die Sozialdezernentin das weiß und die Arbeit schätzt, hat sie ihrerseits aus Spendenmitteln die 5000 Euro bereit gestellt. Birkenfeld sieht Frankfurt gut aufgestellt in der Behandlung von Menschen ohne Krankenversicherung. Ins MMM kamen zuletzt 575 Patienten, eine Steigerung von 20 Prozent von 2017 auf 2018. „Wir haben 1620 Stunden ehrenamtlicher Arbeit geleistet“, sagt Lehmann. Neben den sieben Medizinern sind weitere 60 Ärzte aller Fachrichtungen mit ihren Praxen am „Netz“ beteiligt.

Mehrere hundert Patienten jährlich hat auch die „Humanitäre Sprechstunde“ im Gesundheitsamt. Die Elisabeth Straßenambulanz der Caritas, die sich vorwiegend um Obdachlose kümmert, hatte 1515 Patienten behandelt.

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