Zentrum

Orthodoxe Juden haben im Reuterweg ein neues Zuhause gefunden

Im Reuterweg gibt es jetzt ein neues jüdisches Zentrum. Die orthodoxe Gruppierung „Chabad“ hat die Räumlichkeiten gestern feierlich eingeweiht.

Josef Havlin sitzt vor dem Pergamentpapier, taucht die Feder kurz in die dunkle Tinte und beginnt schließlich vorsichtig zu schreiben. Havlin ist Rabbiner, Mitglied der jüdisch orthodoxen Gruppierung „Chabad“ in Frankfurt. Und er ist Vorsitzender der hiesigen Talmud-Schule, also jener Einrichtung, in der am Main neue Rabbiner ausgebildet werden. Gestern hatten die „Chabad“-Mitglieder doppelten Grund zum Feiern: Es wurden eine neue Thora-Rolle und das neue „Chabad“-Zentrum am Reuterweg eingeweiht. Gäste werden hier mit Shalom willkommen geheißen, einer hebräischen Begrüßungsformel.

„Wir dachten uns, was gibt es Besseres, als zur Einweihung unseres neuen Zentrums zugleich auch eine neue Thora-Rolle einzuweihen“, sagt Zalman Gurevitch, Rabbiner und Mitbegründer von „Chabad“ in Frankfurt. Nach und nach setzen sich männliche Gemeindemitglieder auf den Stuhl neben dem ehemaligen Talmud-Schüler Mosche Schlenski und schreiben je einen Buchstaben auf die Thora-Rolle. „Etwa 50 Buchstaben werden hier noch geschrieben“, erklärt Gurevitch. Zuvor hatte ein Fachmann in Israel rund 600 000 Buchstaben auf das Papier geschrieben. „Die neue Rolle kommt in einen Schrank in unserem neuen Zentrum“, erklärt Rabbiner Gurevitch. Sie ersetzt eine drei Jahre alte Thora-Rolle, die zum 15-jährigen Bestehen der Talmud-Schule gefertigt worden war.

Im „Chabad“-Zentrum, das in einem ehemaligen Bürogebäude am Reuterweg eingezogen ist, sind unter anderem eine Synagoge und Räume für Kinder- und Jugendarbeit untergebracht. Außerdem ist die „Talmud“-Schule aus der Westend-Synagoge hierher umgezogen.

Bis vor rund einem halben Jahr fanden Veranstaltungen von „Chabad“ noch in den Räumen der Jüdischen Gemeinde und in der Westend-Synagoge statt. Doch nach einem Zerwürfnis gab der Vorstand der Jüdischen Gemeinde im Frühjahr bekannt, Veranstaltungen von „Chabad“ nicht mehr zu unterstützen. In einem Brief an die Gemeindemitglieder war damals von „aggressivem Verhalten“, von Respektlosigkeiten gegenüber den Gemeindevertretern und davon die Rede, dass die Führungsebene von „Chabad“ die Autorität der Gemeinderabbiner „untergraben“ habe. Zu diesen Vorwürfen wollte Gurevitch sowohl damals als auch gestern nicht Stellung beziehen.

Nach dem Fertigschreiben der Thora-Rolle, das in der Ignaz Blodinger Gesellschaft für Wohltätigkeit, Kultur und Religion im Emil-Claar-Weg stattfand, ging es für die rund 300 „Chabad“-Mitglieder und Besucher von dort aus zu Fuß zum neuen Zentrum. „Es ist Tradition, dass wir uns zu einem solchen Anlass mit Musik und Tanz auf den Weg machen“, so Rabbiner Gurevitch. Im neuen Zentrum ging die Feier dann weiter.

Die orthodoxe Gruppierung „Chabad Lubawitsch“ gibt es seit mehr als 30 Jahren in Frankfurt. Sie entstand ursprünglich im 19. Jahrhundert in Russland. Deren Hauptsitz ist heute in New York. Ein Hauptziel der „Chabad“-Anhänger ist einerseits das ausgiebige Studium der Thora und anderer jüdischer Schriften, unter anderem in einer Talmud-Schule. Zudem wollen sie auch weniger religiösen Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft ihre orthodoxen Praktiken und vergleichsweise strengen Vorschriften vermitteln.

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