"Wir brauchen Wohnraum, um zu Hause zu bleiben" bedeutet frei übersetzt die Aufschrift auf dem Bauzaun am Ostbahnhof. Dahinter siedeln derzeit zehn junge Leute mit ihren rollenden Gefährten.
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"Wir brauchen Wohnraum, um zu Hause zu bleiben" bedeutet frei übersetzt die Aufschrift auf dem Bauzaun am Ostbahnhof. Dahinter siedeln derzeit zehn junge Leute mit ihren rollenden Gefährten.

Bauwagen-Dorf

Ostend: Bus und Bauwagen als Alternative zu horrenden Mieten

  • vonSabine Schramek
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Junge Leute erobern Parkplatz am Ostbahnhof als Lebensraum für sich. Ob sie bleiben können, ist allerdings fraglich.

Ostend -Es gibt Menschen, die jahrelang in Wohnwagen, ausgebauten Trucks oder Bauwagen leben. Menschen, die in Frankfurt arbeiten und studieren, alternative Lebensformen schätzen oder sich die Mieten nicht leisten können. Zehn von ihnen haben sich jetzt zusammengetan, um einen Wagenplatz zu fordern. Ihre rollenden Wohngefährte haben sie schon einmal auf dem leerstehenden Parkplatz neben dem alten Ostbahnhof geparkt.

Buntes Plakat auf dem Bauzaun

"Es gibt keinen Platz für uns in der Stadt", monieren zwei der Aktivisten. Nennen wir sie Dutt (29) und Förb (28). Ihre richtigen Namen wollen sie nicht preisgeben. "Der einzige echte Wagenplatz ist am Rand von Bischofsheim und das ist uns zu weit", sagen sie. Seit Samstagabend wohnen sie mit acht weiteren jungen Leuten auf dem leeren Parkplatz neben dem alten Ostbahnhof. Auf dem Bauzaun davor haben sie ein meterlanges buntes Plakat angebracht. "We Need Homes to Stay at Home" steht darauf. "Wir brauchen Wohnraum, um zu Hause zu bleiben".

Zunächst sammelten sie auf dem Platz und im Gebüsch hinter ihrem Stellplatz den Müll zusammen. "Das sah schlimm aus", so Förb und deutet auf Mülltüten am Rand des Platzes. Ein ausgeschlachtetes Auto steht noch auf dem Areal. "Solche Grundstücke sind für viele Leute eine echte Hilfe", sagt Dutt.

Seit fünf Jahren lebt Förb im Wagen. Der staatlich anerkannte Sozialarbeiter hat sich für dieses Leben freiwillig entschieden. "Auch Tiny Houses, also kleine Häuser, sind längst gesellschaftsfähig", sagt er. Er empfindet die Wagen als "gute WG-Form. Man hat mehr Privatsphäre als in einer engen Wohnung und bezahlbar sind WG-Zimmer in der Stadt auch nicht mehr." Durch Corona hätten viele ihre Arbeit verloren. "Sozialwohnungen fehlen und die Leute müssen kreativ werden", sagt er.

Zwischen den Wagen stehen Bierbänke mit Obst, Gemüse und Brot für alle. Kinder spielen mit Bällchen, die Atmosphäre ist entspannt. Ein junger Mann spielt leise Gitarre. "Wir brauchen solche Orte in Frankfurt - vor allem in Zeiten der Ungewissheit", sagt Förb. Wer vorbei kommen wolle, sei willkommen. Mit Kreide haben sie "come in", "Komm rein" auf eine Tafel geschrieben. Es gibt Wasser, Toiletten und strikte Hygienevorschriften. "Wir wollen keinen Schaden anrichten. Im Gegenteil. Wir halten den Platz sauber und machen keinen Stress", verspricht er.

Dutt studiert Soziologie in Frankfurt, will seinen Masterabschluss machen. "Miete kann ich mir hier nicht leisten", sagt er. "Ich will mich auf mein Studium konzentrieren und gut abschließen. Mit drei Jobs nebenbei ist das einfach nicht machbar."

Wo jeder seinen Nachbarn kennt

Deshalb hat er vor drei Jahren einen Bus gesucht, gefunden und bezogen. Ein halbes Jahr war er mit ihm in Berlin. "Der Bus hat zwar wenig Komfort und ist minimalistisch, aber er hat den Mehrkomfort, dass ich mich bewegen kann und meine Nachbarn kenne. Das geht irgendwo in einem vierten Stock nicht. Kaum jemand weiß, wer da neben ihm lebt. Für mich ist sozialer Kontakt viel wichtiger, als eine schicke Wohnung." Ob die Gruppe bleiben kann ist fraglich. "Wenn die Stadt uns wegschickt, müssen wir halt weg", sind sich die beiden jungen Männer einig. "Vielleicht sieht sie aber auch den Vorteil, wenn dieser hässliche leere Ort ein bisschen Charme hat und sich jemand um den Müll in den Gebüschen drum herum kümmert." Dort leben auch Obdachlose. "Wir geben ihnen zu essen und zu trinken. Wir reden mit ihnen. Auch das ist ein Beitrag in Zeiten der Not." sabine schramek

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