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Auf der Onkologie- und Palliativstation der Rotkreuz-Kliniken untersuchen (von links) Patricia Bleibaum; Dr. med. Harald Balló, Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie; Youser Elnadilli, Assistenzärztin und Cornelia Balló einen Patienten.

Lebensende

Auf der Palliativstation der Klinik Maingau steht der Tod nicht im Mittelpunkt

Das Lebensende ist für viele mit großen Ängsten verbunden. Doch auf der Onkologie- und Palliativstation der Rotkreuz-Klinik Maingau herrscht keine ängstliche Atmosphäre – weil alle Mitarbeiter ihren Teil dazu beitragen, das Leben der Patienten lebenswert zu machen. Hier das Protokoll einer Begegnung mit fünf Menschen, die jeden Tag dem Tod ins Auge sehen – und sich davon so gar nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Die Onkologie- und Palliativstation der Rotkreuz-Klinik Maingau liegt gleich hinterm Eingang rechts. Im Aufenthaltsraum gibt es einen Spieleschrank, überall hängen Bilder und Basteleien. Insgesamt 18 Betten gibt es hier für Krebspatienten, dazu zehn Betten für die medizinische Versorgung am Lebensende. Gerade machen der Arzt Harald Balló und sein Team Visite.

Eigentlich haben Balló und sein Kollege Hans-Peter Böck ihre Praxis in Offenbach. Dass Balló gerade in der Rotkreuz-Klinik Visite macht, liegt am sogenannten Belegarztsystem: Die Patienten kommen normalerweise in die Praxis, bei aufwendigeren Behandlungen wie Chemotherapie, Schmerzmittel-Einstellung oder in Notfällen geht’s jedoch in die Klinik. „Das bedeutet, es braucht keine Einweisung und es gibt keinen Informationsverlust“, sagt Balló. Denn wenn Patienten mit dem Notarzt ins Krankenhaus kommen, sei es vor allem am Wochenende oft schwer, vom behandelnden Arzt die notwendigen Informationen zu bekommen. Zudem sei in Notfällen 24 Stunden am Tag ein Ansprechpartner da. „Das stärkt das Vertrauen der Patienten“, sagt der 64-Jährige.

Angefangen hat Harald Balló ursprünglich mit Innerer Medizin. Onkologie und Palliativmedizin kamen erst später dazu. „Je älter ich werde, desto schwieriger wird es aber, damit umzugehen. Die Endlichkeit wird einem bewusster“, sagt er. Doch er habe mit der Zeit gelernt, professionelle Distanz zu wahren.

Tröstend die Hand halten, das sei zwar Teil ihrer Arbeit, sagt Pflegedienstleiterin Cornelia Balló. Aber bei weitem nicht die einzige Aufgabe der 17 Pflegekräfte auf der Station. Sie übernehmen auch Körperpflege, Wundversorgung oder bereiten eine Chemotherapie vor. Und sie sorgen dafür, dass aus dem Gefühl zu sterben das Gefühl zu leben wird.

Sie machen es Patienten zum Beispiel möglich, zu Familienfeiern oder an Weihnachten nach Hause zu fahren. Noch einmal an Silvester in den Himmel zu schauen. Zweimal haben Cornelia Balló und ihr Team sogar eine Hochzeit organisiert. „Eines der Paare hatte sie immer wieder aufgeschoben“, erinnert sich die 52-Jährige. „Wir haben im oberen Stockwerk gefeiert, mit Standesbeamten und Sekt.“ Am nächsten Tag sei die Patientin gestorben.

Auch für die Angehörigen sind die Pflegekräfte da. Als der Vater einer albanischen Großfamilie starb, wollten alle Kinder bei ihm sein. Also organisierte das Team ein Deckenlager. Wenn Angehörige sich verabschieden wollen, kleidet das Team den Toten an. „Wenn man einen Menschen zum letzten Mal sieht, muss er doch schick aussehen“, sagt Cornelia Balló.

„Anderen Menschen in schwierigen Situationen zu helfen gibt einem ganz viel“, sagt ihre Kollegin Anna Seckler (38). Denn was man gebe, bekomme man vielfach zurück. Sie selbst habe nun keine Angst mehr vorm Alter. „Ich sehe ja, dass wir helfen können. Hier ist keiner, der sich quält.“

Klinikseelsorgerin Christine Gabriel kommt oft abends. „Da sind die Ängste am größten“, sagt die 55-Jährige. Am meisten Angst hätten die Patienten vor Schmerz, Abhängigkeit und Einsamkeit. „Viele wünschen sich eine Erklärung, dass sie nicht alleine sind.“ Ob die Patienten religiös seien oder nicht, spiele bei ihrer Arbeit kaum eine Rolle. „Das erfahre ich oft gar nicht.“ Gabriel ist aber auch da, wenn sie merkt, dass ohne sie Dinge ungeklärt bleiben. „Oft wollen sich Angehörige und Patienten mit ihrem Schweigen gegenseitig schützen“, sagt sie. Meistens würden die Dinge aber einfacher, wenn man sie ausspreche. „Erst dann wird Aussöhnung möglich.“

Das, sagt Gabriel, sei ihre Art, die Sache positiv zu sehen. „Es gibt Dinge, die erst durch die Konfrontation mit Leid möglich werden. Hier wird noch ganz viel Leben rausgekitzelt.“ Auch sie selbst profitiere davon: „Ich komme als Fremde, aber fast immer bringen mir die Menschen großes Vertrauen entgegen. Das fühlt sich jedes Mal an, als ob ich beschenkt werde.“

Anny Kerstin Klingel kommt ins Spiel, wenn die Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt einen Rollator für zu Hause benötigen, dort künftig von einem Pflegedienst versorgt werden müssen oder aber einen Heimplatz brauchen. „Die Patienten müssen das nicht selbst erledigen und fühlen sich gut aufgehoben“, sagt die 46-Jährige.

Sie ist aber auch da, wenn Fragen zum Lebensende auftauchen. „Wo will ich sterben? Mit wem will ich dabei zusammen sein? Viele Menschen verdrängen diese Fragen“, weiß Klingel. Erst im Gespräch mit ihr würden sich viele Patienten darüber bewusst, dass sie überhaupt Wünsche haben. Dass bei der Trauerfeier das Ave Maria gespielt werden soll. Sie bei der Beerdigung den geliebten Hund dabeihaben wollen. Oder dass das Grab nach Osten ausgerichtet wird, mit Blick auf die aufgehende Sonne. „So kann ich Teil einer Entscheidung sein, die für den Patienten stimmig ist.“

Und die Patienten wüssten ihre und die Arbeit der Kollegen durchaus zu schätzen. „Eine Patientin hat einmal zu mir gesagt: Wenn ich zu euch komme, ist das, wie nach Hause kommen.“

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