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Paradies der Knöpfe, Garne, Reißverschlüsse

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Gibt's nicht, gibt's nicht: Chefin Sibylle Zolles zwischen unzähligen Röhrchen mit Knöpfen, Garnrollen und Näh-Zubehör. Stolz ist die Frau mit dem roten Haarschopf auch auf ihr Sortiment an Reißverschlüssen, die es in über 80 Farben gibt. FOTO: leonhard hamerski
Gibt's nicht, gibt's nicht: Chefin Sibylle Zolles zwischen unzähligen Röhrchen mit Knöpfen, Garnrollen und Näh-Zubehör. Stolz ist die Frau mit dem roten Haarschopf auch auf ihr Sortiment an Reißverschlüssen, die es in über 80 Farben gibt. © hamerski

Nähbedarf Wächtershäuser in der Töngesgasse wird 200 Jahre alt

Das Schaufenster über dem unauffälligen langen blauen Schild mit weißer Schrift mit der Aufschrift "Gegründet 1822 W. Wächtershäuser" wirkt eher unscheinbar und so, als ob der Laden klein sei. Hinter der Tür öffnet sich allerdings ein riesiges kunterbuntes Paradies voller Knöpfe, Nähgarn, Reißverschlüssen, Nadeln, Bordüren, Patches, Stopfgarn, Flicken und allem, was man zum Nähen braucht. "Manche Kunden sagen, sie würden sich hier gerne mal über Nacht einschließen lassen", sagt Sibylle Zolles (55) und lacht.

Früher Stoff- und Tuchladen

Seit 200 Jahren ist der ursprüngliche Stoff- und Tuchladen der Tradition treu geblieben. Zolles betreibt das Geschäft in der Töngesgasse seit 1998. Elf Jahre früher hat sie bei ihrem Vorgänger hier ihre Ausbildung als Einzelhandelsfachkraft gemacht. Zwischendurch war sie im Großhandel. "Meine Mutter hat hier schon eingekauft, als ich noch ganz klein war", erinnert sich die fröhliche Frau mit roten Haaren.

In diesem Jahr feiert Wächtershäuser seinen 200. Geburtstag. Einst war es ein prächtiges zurückgesetztes Eckhaus in der Altstadt, das 1943 restauriert und dabei das Fachwerk des 1790 erbauten Gebäudes wieder freigelegt hat. Im März 1944 wurde es wie die ganze Frankfurter Altstadt komplett zerbombt. Zwei Fotos des ehrwürdigen Gebäudes gibt es noch. Die Unterlagen sind verbrannt.

"Nach dem Krieg bis in die 1960er Jahre gab es hier Leder, Stoffe und Tuchwaren. Dann kamen die Kaufhäuser, die Mode konfektioniert angeboten haben. Die Frauen haben weniger selbst genäht und darum haben meine Vorgänger umgestellt auf Nähzutaten", erzählt sie inmitten von Schulterpolstern, unzähligen Knöpfen, Garnen und Borten. "Heute sind wir die Könige der Reißverschlüsse", sagt sie. In sechs Längen bietet sie je 84 Farben an. "Und wir reparieren Reißverschlüsse, wenn es klemmt. Wir nähen keine neuen ein. Meistens liegt es ohnehin am Schieber, wenn sich Bettwäsche, Koffer, Taschen, Schlafsäcke oder Jacken nicht mehr öffnen oder schließen lassen."

Gemeinsam mit einer Vollzeitkraft, zwei Teilzeitmitarbeitern, einer Aushilfe und einer 74jährigen Rentnerin, die hier schon gearbeitet hat, als Zolles ihre Ausbildung gemacht hat, berät sie Kunden jeden Alters. Junge Frauen, die Glitzerknöpfe suchen, Mütter, die durchwetzte Hosen mit Applikationen für ihre Kinder wieder reparieren möchten, Männer und Frauen, die Löcher im Lieblingspullovern stopfen wollen oder sich selbst Kissen oder Kleider nähen.

Denn Weiß ist nicht gleich weiß

Für jeden gibt es das Richtige. Zolles weiß genau, was wo wie passt und berät mit Engelsgeduld und Witz. "Schwierig wird es, wenn jemand einen normalen Knopf in beige will. Dann frage ich, welches Beige? Gelb-, rot- oder blaustichig? Dann wir des ebenso schwer wie mit dem weißen Knopf, der mit dem Handy fotografiert ist. ,Welche Größe, welches Weiß?, frage ich die Kunden dann." Einfacher ist es, wenn man die Kleidungsstücke mitbringt. "Dann findet sich das passende Teil ganz schnell", weiß sie aus Erfahrung.

Längst sind die Zeiten vorbei, in denen Hemden und Jacketts Einheitsgrößen an Knöpfen hatten. "Die Designer legen Wert auf Individualität und etwas Besonderes, darum ist Ersatz Erfahrungssache. Die Zeiten für das Geschäft sind nicht leicht. Bei so vielen kleinen Einzelteilen kommt es auf die Masse an Kunden an. "Zeitweise durften wir nur zwei Leute gleichzeitig reinlassen, wo vor Corona zehn bis zwölf Personen im Geschäft waren", erzählt sie. In Zeiten der Stoffmasken war der Umsatz hoch, "weil jeder sie nähen wollte".

Jetzt scheuen sich Mütter mit Kindern in die Bahn zu steigen, um Bummeln zu gehen. Parkplätze gibt es auch nicht viele. "Die Leute bleiben viel zu Hause", sagt sie. Auch deshalb gibt es die Ware auch online unter www.naehzutaten.de.

Zehn Stempel sind ein Gutschein

Und zum 200. Geburtstag gibt es Bonushefte. Wer für mindestens zehn Euro einkauft, bekommt einen Stempel. Mit zehn Stempeln gibt es einen 10 Euro-Gutschein. "Das Geschäft hat den Ersten und Zweiten Weltkrieg überlebt. Dann überleben wir auch jetzt", ist sie sicher.

Wer später einmal den Laden in der alten Tradition übernehmen wird, weiß sie noch nicht, aber sie hofft. "Als mein Sohn klein war, hat er oft gesagt 'hier werde ich mal Chef'. Wir werden sehen, ob er dran bleibt. Bis dahin ist noch viel Zeit."

SABINE SCHRAMEK

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