Sie ist eine der Mitinitiatoren des Frankfurter Rad-Entscheids: Beatrix Baltabol
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Sie ist eine der Mitinitiatoren des Frankfurter Rad-Entscheids: Beatrix Baltabol

Interview

Verkehrswende in Frankfurt: "Parkplätze auf beiden Straßenseiten gefährden Radfahrer"

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
    VonDennis Pfeiffer-Goldmann
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Mitinitiatorin des Frankfurter Rad-Entscheids erklärt im Interview, warum auch Fußgänger mehr Platz brauchen und wie Straßen sinnvoll aufzuteilen sind.

Frankfurt - Mehr Platz für Radfahrer, weniger für Autos: Auf den Straßen Frankfurts wird die Verkehrswende sichtbar. Das führt zu neuen Konflikten zwischen denen auf zwei Rädern, vier Rädern und zwei Beinen. Über Rüpel-Radler, Auto-Raser und wie wir alle mit den Veränderungen umgehen können, spricht Stadtplanerin und Architektin Beatrix Baltabol, eine der Initiatorinnen des Rad-Entscheids, im Interview mit Redakteur Dennis Pfeiffer-Goldmann.

Mit dem Ausbau der Radwege gewinnt mancher Nichtradfahrer den Eindruck, dass viele Radler rüpelhafter fahren als früher. Wie kommt dieser Eindruck zustande, Frau Baltabol?

Dass das zugenommen hat, ist mir nicht aufgefallen. Wenn man sagt, man wolle mehr Rad-Infrastruktur, kenne ich es aber seit Jahren, dass reflexartig das Argument kommt, die Radfahrer hielten sich ja an keine Regeln.

Ist es nicht so?

Es gibt Radfahrer, die über den Gehweg brettern, was ich persönlich echt gefährlich finde. Meine Erfahrung ist aber - und das zeigen inzwischen auch Studien -, dass sich eher die Autofahrer nicht an Regeln halten. Das wird aber ganz oft als Kavaliersdelikt angesehen - Handy am Steuer, auf dem Gehweg parken, ohne Blinken abbiegen. Ich entschuldige es nicht, wenn Radfahrer rüpelhaft durch die Gegend fahren, aber auch viele Autofahrer halten sich nicht an die Regeln und machen schwere Verkehrsverstöße.

Beispielsweise?

Ich denke da an die Getöteten durch Raser in Frankfurt. Da hatten wir zuletzt sehr viele. Ich habe das Gefühl, dass sich die Poser- und Raserszene in der Stadt unheimlich verschärft hat. Das macht mir wirklich Angst. Dagegen muss die Polizei rigoros vorgehen und die Stadt muss an viel mehr Stellen stationäre Blitzer aufstellen. Es ist eine ganz andere Gefährdung, wenn ein Auto über Rot rast, als wenn ein Radfahrer über eine rote Ampel fährt. Wenn die ganze Hanauer Landstraße mit Blitzern gepflastert wird, können dort auch keine Rennen mehr gefahren werden.

Verkehrswende in Frankfurt: Konflikte zwischen Radfahrern und Autofahrern

In Städten mit viel Radverkehr wie Kopenhagen und Amsterdam gewinnt man den Eindruck, dass dort Radfahrer wesentlich disziplinierter fahren. Fehlt diese Professionalisierung noch im Frankfurter Radverkehr?

In diesen Städten sind die Ampelschaltungen viel stärker auf die Radfahrer ausgerichtet. Dadurch entfällt der Drang zum Drüberfahren bei Rot. Dabei wirkt auch die Masse, wenn alle zugleich warten. Es gibt inzwischen Studien, die zeigen, dass es die Verkehrssicherheit erhöht, wenn man Radfahrer und Autofahrer an den Kreuzungspunkten entzerrt und Radfahrer vorweg Grün bekommen und losfahren.

Frankfurt hat früh das Rad fahren gegen die Einbahnstraße eingeführt - aber nicht in allen. Das haben Radler jedoch längst als Freigabe aller Einbahnstraßen verinnerlicht.

Es gibt sehr wenige Straßen, in denen es nicht erlaubt ist.

Aber auch das juckt die Radfahrer nicht, selbst wenn ihnen massive Linienbusse entgegen kommen. Warum halten sich die Radfahrer nicht an diese Regel?

Radfahrer sind weniger umwegeaffin. Wenn es dann keine vernünftige Ausweichroute gibt, und dann ist nur ein kleines Stück nicht gegen die Einbahnstraße freigegeben, dann fahren sie dort natürlich weiter. An solchen Stelle wäre es sinnvoll, den ruhenden Verkehr herauszunehmen.

Frankfurt: Verkehrspolitik muss sich ändern – Sind Nachschulungen die Lösung?

Also müssen sich Radfahrer ihr eigenes Recht nur einfach lange genug ertrotzen?

Nein. Es muss sich in der Verkehrpolitik viel ändern. Sie war über Jahrzehnte aufs Auto ausgerichtet. Wir sind alle so sozialisiert worden, dass man als Radfahrer nur am rechten Rand fahren darf. Das Bild im Kopf ist ein ganz Falsches bei vielen Autofahrern. Das ist es sicher auch bei einigen Radfahrern, aber bei Autos ist die Gefährdung viel größer.

Wie lässt sich das ändern?

Es wäre wichtig, Nachschulungen zu machen. Ich habe meinen Führerschein auch schon eine ganze Weile, es werden aber immer neue Verkehrsregeln eingeführt. Wer stellt denn sicher, dass man als Autofahrer das alles mitbekommt? Das geht mal für zwei Wochen durch die Presse, wenn sich etwas ändert, aber dann ist es auch wieder vorbei.

Was sollte die Stadt in der Planung von Straßen anders machen als bisher?

Man muss aus dem Kopf kriegen, dass auf beiden Seiten einer Straße alles mit ruhendem Verkehr vollgeballert wird. Das ist in allen Richtlinien enthalten - ob man Parkplätze nun braucht oder nicht. Das gefährdet die Fahrrad-Fahrenden. Die Idee, dass man überall das Recht hat, sein Auto kostenfrei in der Stadt abzustellen, hat sich einfach überholt. Dafür ist der Motorisierungsgrad zu hoch, er nimmt in Frankfurt auch zu, die Leute kaufen ja auch wieder mehr Autos. Die Stadt hat nicht genügend Platz, um all diese Autos aufzunehmen.

Verkehr in Frankfurt: Mehr Platz für Fußgänger auf den Straßen

Wie muss die ideale Straße aufgeteilt sein? Stadtplaner Christoph Mäckler fordert, dass alle sie nutzen können.

In Wohngebieten ist gegen gemischten Verkehr überhaupt nichts einzuwenden. Der Rad-Entscheid hat das Idealbild der "Frankfurter Fahrradstraße" entwickelt. Kern ist, dass der ruhende Verkehr reduziert werden muss. Wichtig ist: viel mehr Platz für Fußgänger. Damit auch zwei Kinderwagen nebeneinander geschoben werden können.

Hat die Stadt das ausreichend auf dem Schirm?

Nein. Das zeigt sich an den Automaten für die neuen Parkraumbewirtschaftungszonen. Die Parkraumbewirtschaftung begrüße ich sehr, aber ich frage mich: Warum stehen die Automaten alle auf dem Gehweg, teilweise an ganz engen Stellen? Da wird oft konzeptlos agiert. Das gilt auch für Fahrradbügel. Ich bin ein großer Fan von Fahrradbügeln, aber es bringt nichts, jede Ecke noch mit ein paar Fahrradbügeln vollzuknallen. Dann noch ein Altglascontainer, noch eine Altkleiderbox, und der Gehweg ist voll. Dabei müssten auch Kinder auf den Gehwegen viel mehr Bewegungsmöglichkeiten haben. Denn die Kinder haben Spieldruck - es wird aber immer nur von Parkdruck gesprochen.

Motorisierten Verkehr herausdrängen ist beim Versuch am Mainkai gescheitert. Welche Lehren muss die Stadt daraus ziehen?

Man hätte es besser vorbereiten und kommunizieren können, man hätte gleich mehr Sachen planen können.

Hat der Mainkai noch eine Chance, dass es dort einmal ruhiger wird?

Ich glaube schon. Es gibt ja die Konzepte. Zum Beispiel hätte man das Linksabbiegen in die Berliner Straße besser und einfacher machen können.

Frankfurt: Sicherheit im Verkehr und gute Alternativen für Autofahrer

Also gute Alternativen für die Autofahrer schaffen?

Insgesamt muss man den Verkehr schon versuchen zu reduzieren. Es ist ja immer der Vorwurf, die Radfahrerlobby wolle die Leute durch künstliche Staus aufs Fahrrad zwingen. Aber wie entscheidet man sich für ein Verkehrsmittel? Wie komme ich am schnellsten, bequemsten und günstigsten von A nach B? In der Stadt ist in der Regel das Fahrrad am schnellsten. Zu sagen, wir brauchen erst einen großen Verkehrsplan, ist eigentlich die Forderung, gar nichts zu tun - so sinnvoll diese Pläne auch sind, aber sie zu erarbeiten dauert Jahre.

Veränderungen sind also nicht ohne Druck und gewisse Leiden möglich?

Genau. Aber der Druck ist ja kein Selbstzweck, um Autofahrer zu bestrafen. Es geht nicht darum, dass jeder Fahrrad fahren muss. Es geht darum, dass sich jeder frei entscheiden kann. Wenn ich Fahrrad fahren möchte, möchte ich auch eine halbwegs sichere Infrastruktur haben.

Was sollen diejenigen machen, die nicht Rad fahren möchten und das Auto nicht mehr nutzen sollen?

Es heißt nicht, dass jemand sein Auto nicht mehr nutzen soll. Ich möchte für mich, meine Kinder und alle anderen Rad Fahrenden, dass wir halbwegs sicher durch die Stadt kommen. Das ist im Moment oft schwierig. Mein Mann hatte im Oeder Weg einen schweren Dooring-Unfall, war sechs Wochen lang lahm gelegt in Krankenhaus und Reha. Da geht Sicherheit vor Bequemlichkeit.

Welche Alternativen muss die Stadt Menschen bieten, wenn sie kein Rad fahren, aber ihr Auto weniger nutzen wollen?

Man kann mit dem ÖPNV fahren oder zu Fuß gehen.

Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) hat ein Straßenbahnkonzept vorgelegt, durch das mit wenig Aufwand schnell viel mehr Angebot möglich wird. Sollte das die neue Stadtregierung das nun schnell umsetzen?

Absolut. Nach dem Motto: Möglichst schnell möglichst viel. Noch schneller geht es natürlich mit Fahrradinfrastruktur.

Dafür hat die Stadt bisher vor allem viel rote Farbe aufgepinselt. Genügt das etwa?

Es ist besser als nichts. Wir als Rad-Entscheid sind sehr für Übergangslösungen und temporäre Maßnahmen. Sonst wartet man eben Jahre darauf. So kann man aber auch viel besser ausprobieren und noch einmal ändern. Bauliche Trennungen zwischen Auto-, Rad- und Fußgängerbereich sind aber schon unser Ziel.

Wie sollten Autofahrer und Radfahrer mit der sich auf den Straßen verändernden Situation umgehen?

Entspannung, Verständnis füreinander haben, einfach mal beim Tempo runtergehen und nicht immer auf sein Recht beharren. Das gilt genauso für Radfahrer.

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