Das Spazier-Idyll am Niddaufer in Frankfurt-Nied wird durch den Müll deutlich getrübt.
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Das Spazier-Idyll am Niddaufer in Frankfurt-Nied wird durch den Müll deutlich getrübt.

Corona-Folgen

Party-Spaßgesellschaft vermüllt die Nidda in Frankfurt-Nied

  • Michael Forst
    vonMichael Forst
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Anwohner und Naturschützer sind entsetzt über den Umweltfrevel im Landschaftsschutzgebiet in Nied. Die Stadt Frankfurt kündigt nun erste Konsequenzen an.

  • Das Niddaufer in Frankfurt-Nied ist von Müll übersäht.
  • Für viele Anwohner und Besucher ist der Abfall ein großes Ärgernis.
  • Die Stadt Frankfurt will sich des Problems annehmen.

Frankfurt - Plastikmüll im Wasser, überquellende Mülleimer, Fäkalien in den Böschungen, zeltende Camper auf der Flussinsel, Autos, die über die Wiese bis ans Ufer fahren, wummernde Bässe aus Musikanlagen, die die Anwohner angrenzender Häuser nicht schlafen lassen: Es sind haarsträubende Verhältnisse, die Nieder Bürger in den sozialen Netzwerken, aber auch in Zuschriften an diese Zeitung anprangern.

Wie etwa Rainer Jung, der den Umweltfrevel eindrucksvoll dokumentierte (siehe Fotos), in einer Facebook-Gruppe veröffentlichte und viel Zustimmung für seine Kritik erhielt. Er lebe jetzt seit 50 Jahren in Nied, sei praktisch im Niedwald aufgewachsen, berichtet der naturverbundene Mann. Doch den Müll, den Egoismus und die Rücksichtslosigkeit habe er so konzentriert wie dieser Tage noch nicht erlebt. Er prangert die „systematische Nutzung der Nidda als Bade- und Freizeiteinrichtung“ und die „gravierende Naturzerstörung und Vermüllung“ an.

Forderung nach harten Strafen wegen Umweltverschmutzung in Nied

Fassungslos reagiert auch der Naturschützer und erfahrene Gewässerökologe Gottfried Lehr auf die eskalierte Lage: „Die ganzen Leute, die sich sonst im Urlaub wie die Sau benehmen, machen das jetzt zu Hause“, sagt er und spricht von „hemmungsloser Benutzung der Natur“ und „skrupelloser Vermüllung des Naturschutzgebietes“. Seit Monaten bereits trampelten Kanufahrer bei niedrigem Nidda-Pegel über Laichplätze von Fischen. Diese traurige Entwicklung zeige, „wie sehr wir uns von der Natur entfernt haben.“ Was schlägt er vor? „Ich würde stark kontrollieren, die Leute knallhart bestrafen - und gegebenenfalls Teile des Naturschutzgebietes für die Öffentlichkeit sperren.“

Nicht nur rund um die Mülleimer türmt sich Abfall. Plastik vermüllt auch die Uferböschung.

Auch Thomas Schlimme, Grünen-Vorsitzender im Ortsbeirat 6 (Frankfurter Westen), will eine rasche Lösung. In einem Antrag für die nächste Sitzung am Dienstag, 18. August, fordert er den Magistrat auf, zu handeln. „Die Situation ist keineswegs alleine Corona geschuldet,“ betont er darin. Vielmehr habe sich „die Attraktivität des Ortes einfach herumgesprochen“. Corona sei da „nur das i-Tüpfelchen.“

Stabsstelle Sauberes Frankfurt kennt das Problem

Zum Problem der ungefähr 15 gerade am Wochenende überquellenden Abfalleimer auf dem Areal am „Nidda-Wildwasser“ deutet Peter Roser vom Grünflächenamt eine Lösung an: „Es wäre zu überlegen, am Niddaufer die Leerungen anders zu takten.“ Momentan werde dort am Montag, Mittwoch und Freitag geleert. Vorstellbar sei ein Leerungstermin etwa jeweils samstags - so wie die Stadt das beispielsweise bei ebenfalls von Picknickern und Partyvolk aufgesuchtem Mainufer oder dem Güntersburgpark praktiziere.

Claudia Gabriel, die Leiterin der Stabsstelle Sauberes Frankfurt, bezeichnet die Hinweise dieser Zeitung als „ersten Fall, der uns in dieser Form gemeldet worden ist.“ Bekannt sei das Problem bereits von der Schwanheimer Düne. Dort, so Gabriel, habe die Stadt in Gestalt der Umweltdezernentin Rosemarie Heilig reagiert: Seit Mai ist dort ein Landschaftslotse aktiv, der auch abends und am Wochenende zwischen Naturschutz und Naherholung vermittelt (wir berichteten).

Auch Frankfurter Umweltdezernentin zeigt sich „entsetzt“ von Zuständen in Nied

Heilig selbst beklagt die seit Corona gestiegenen Abfallberge in Straßen, Parks und Grünanlagen: „Noch nie hat mich etwas so fassungslos, ratlos, aber auch wütend gemacht, wie das, was ich in Frankfurt seit März gesehen habe“. Deutliche Worte findet auch Stefanie Toth: Auf Anfrage spricht die Leiterin der Stadtentwässerung von „erschreckenden Ausmaßen“ am Niddaufer. Dort, in der Landschaftsschutzzone II, seien mit Fördergeldern „neue wertvolle Lebensräume entstanden, die nun zerstört werden“. Als Sofortmaßnahme kündigte sie unter anderem an, das Parken auf den Wiesen im Bereich der Nidda durch Poller für Autos unmöglich zu machen. Auch soll es nach den Sommerferien einen Ortstermin mit allen beteiligten Ämtern und Behörden geben.

Für die Stadtpolizei des Ordnungsamtes erklärte Michael Jenisch, dass er Beschwerdepunkte „nachvollziehen und teilweise bestätigen“ könne. Allerdings hätten die Polizisten „bei Kontrollen vor Ort die Verursacher regelmäßig nicht angetroffen.“

Kommentar: Natursünden der „Nach-uns-die-Sintflut“-Fraktion

Die Natur sei die große Gewinnerin der Corona-Krise, so ist es dieser Tage immer wieder zu lesen. Auf den eingesparten CO2-Ausstoß durch wegfallende Auto- und Flugreisen gemünzt, mag das zutreffen. Doch wie sehr Wald, Wiesen, Flüsse und Tiere auch auf der Verliererseite stehen, führt der Anblick des Nidda-Ufers drastisch vor Augen. Da erklären an jedem Wochenende rücksichtslose Zeitgenossen die Nidda zum Freibad, Wiesen und Uferböschung zur Toilette und das ganze Naturschutzgebiet zur Partyfläche. Ob's an Corona-, Urlaubszeit oder der Kombination aus beidem liegt, ist müßig.

Viel wichtiger: Die Stadt muss jetzt handeln, denn jedes Wochenende werden die Folgen für die Natur desaströser. Einen Landschaftslotsen zu installieren, der zwischen Naturschutz und Naherholung vermittelt, wäre ein erster, wenn auch kleiner Schritt. Besonders schützenswerte Bereiche abzusperren, wie es Nidda-Experte Gottfried Lehr fordert, sollte aber nur die letzte Option sein. Denn damit würden auch die vielen verantwortungsvollen Spaziergänger und Naturfreunde bestraft - für das egoistische Verhalten der „Nach-uns-uns-die-Sintflut“-Fraktion. Von Michael Forst

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