Nordend: Die Nachbarn sind genervt

Partyvolk machte Nacht zum Tag

  • Matthias Bittner
    vonMatthias Bittner
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Das vergangene Jahr im Ortsbeirat 3In einer Serie blicken wir zurück auf das Jahr in den 16 Ortsbeiräten - aus Sicht unserer Redakteure. Was war das Thema, das den Ortsbezirk in den vergangenen Monaten bewegt und beschäftigt hat? Heute ist der Ortsbeirat 3 (Nordend) an der Reihe.

Die Anwohner des Luisenplatzes mussten im Corona-Sommer so einiges ertragen. Seit die feiernden Menschenmassen nach der sogenannten Freitagsparty auf dem Friedberger Platz ein Stückchen weiter auf den Luisenplatz zogen, hatten sich die Bewohner ein dickes Fell zulegen müssen. Doch die Lärmbelästigung in diesem ganz besonderen Jahr war so schlimm wie noch nie zuvor, berichteten genervte Anwohner regelmäßig in Sitzungen des Ortsbeirates 3 oder bei Ortsterminen.

Musik erklang nicht nur freitags oft bis weit nach Mitternacht, laute Unterhaltungen und ab und an auch heftige Wortgefechte von Zechern sorgten für Dauerbeschallung. Und morgens war die kleine Fläche im Herzen des Nordends dann meist voller Müll. Das hat Spuren hinterlassen - einige Anwohner haben kapituliert und sind völlig entnervt umgezogen.

Keine Rücksicht auf die Nachtruhe

Lärmbelästigung war im Corona-Sommer und -Herbst das bestimmende Thema im Nordend. Und der Luisenplatz war nur einer von mehreren Hotspots im Stadtteil. Auch die Anwohner des Günthersburgparks und des Matthias-Beltz-Platzes litten extrem unter der Situation. Weil Clubs, Bars, Kneipen, Restaurants, Lokale und Discotheken geschlossen waren, suchten sich junge Erwachsene notgedrungen im Freien einen Treffpunkt, um zumindest ein paar schöne Stunden mit Gleichgesinnten verbringen zu können.

Rücksicht auf die Nachtruhe anderer wurde dabei nicht genommen. Und das Dilemma durften die Stadtpolizei und auch Beamte der Landespolizei ausbaden. Kaum ein Tag verging, ohne dass sich Anwohner über nächtliche Ruhestörung beschwerten.

Ein halbes Dutzend Mal räumten die Beamten im Sommer den Günthersburgpark und rückten dabei teils sogar mit der Reiterstaffel an. "Das ist ein anstrengender Sommer, vor allem für die Anwohner", hatte Giovanni Di Fonti, Leiter des 6. Reviers in der Turmstraße, in einer Ortsbeiratssitzung erklärt. Extrem gehäuft hätten sich die Beschwerden seit Beginn der Corona-Pandemie.

Zu dieser Sitzung waren Di Fonti sowie Peter Bühner von der Stadtpolizei und Bernd Roser vom Grünflächenamt eingeladen worden, um über die Situation im Günthersburgpark zu berichten. Streifen, auch in zivil, seien ohnehin regelmäßig im Park unterwegs, um etwa Einhaltung der Abstandsregeln zu kontrollieren oder Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz zu ahnden. Mit Lautsprecherdurchsagen wurden Parkbesucher zudem zum Gehen aufgefordert. "Im Großen und Ganzen haben wir das gut hinbekommen", sagte Di Fonti damals.

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Thomas Fruhwirth widersprach. Er habe nicht den Eindruck, dass die Polizei sehr aktiv sei und forderte mehr Engagement zum Schutz der Anwohner. Das sei schwierig, weil wenige Beamte bis zu 300 Personen gegenüberständen, entgegnete Di Fonti. Deshalb müsse man die Mittel der Situation anpassen und setze auf Deeskalation statt auf Konfrontation. Man könne den Park auch nicht abschließen oder sperren, da eine Umzäunung fehle. Platzverweise seien möglich, aber wirkungslos, so Bühner.

Müll türmte sich im Park

Die Folgen der nächtlichen Partys waren dann stets am nächsten Morgen zu sehen - nicht nur im Günthersburgpark. Der Müll türmte sich oft. Roser sieht darin ein stadtweites Phänomen und eine direkte Folge von Corona, weil mehr Besucher in die Parks drängten. 30 Prozent mehr Müll sei im Sommer auch im Günthersburgpark zu entsorgen gewesen. Statt drei Mal die Woche wurde täglich aufgeräumt. Das verursachte Mehrkosten.

Lärmbelästigung und Vermüllung hatten im Laufe des Jahres auch am Luisen- und am Matthias-Beltz-Platz zugenommen. Claudia Ehrhardt, CDU-Fraktionsvorsitzende, hatte deshalb angeregt, die orangefarbenen Stühle zu entfernen und die Grünflächen zu sperren - die Aufenthaltsfläche werde so kleiner, die Bepflanzung könne sich erholen. Grünen-Sprecher Michael Mirsch forderte einen "ganzheitlichen Ansatz", um die Situation zu befrieden. Statt Geld in größere Abfalleimer zu investieren sollte über den Einsatz von Streetworkern diskutiert werden. Das hielt Adrian Berger für einen guten Vorschlag. Eine Möglichkeit sei es aber auch, Öffnungszeiten von Kiosken und "Spätläden" auf den Prüfstand zu stellen. "Die Leute bleiben nur da, weil sie dort noch Alkohol bekommen", war er überzeugt.

Mehr Kontrollen an den Hotspots könnten die Stadtpolizei und die Landespolizei aufgrund der personellen Situation nicht leisten, erklärten Di Fonti und Bühner. Die Beamten hätten auch noch andere Aufgaben.

Im Sinne einer einvernehmlichen Lösung hatte der Ortsbeirat immer den Kontakt mit Anwohnern und Partygängern gesucht. Kurzfristig brachte das auch etwas Entlastung. Langfristig ist aber wohl eine andere Strategie nötig - im Frühjahr wird sich das bestätigen. Matthias Bittner

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