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Frankfurt, deine Pendler: Magnus Becher (32) Director of Sales pendelt zwischen London & Frankfurt

Frankfurt, deine Pendler

In London leben, in Frankfurt arbeiten: Der 800-Kilometer-Pendler

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Sie fahren mit dem Auto, dem Rad und mit dem Zug: Rund 350.000 Menschen pendeln täglich nach Frankfurt. Einige nehmen dafür große Entfernungen auf sich. So wie Magnus Becher. Sein Arbeitsweg ist 800 Kilometer lang. Er fliegt zweimal in der Woche von London nach Frankfurt.

Wenn er am Montagmorgen um 07:05 Uhr Flug BA902 nimmt, ist Magnus Becher schon jetzt, zwei Jahre vor dem endgültigen Austritt Großbritanniens aus der EU, nicht allein. Um diese Uhrzeit transportieren die Fluggesellschaften im Halbstunden-Takt Menschen von London nach Frankfurt und umgekehrt. Da ist so manche Busverbindung in ländlicheren Regionen schlechter. Die meisten Passagiere tragen Hemd, Bluse, Krawatte, Kostüm. Gleich nach dem Start werden die Tablets, Smartphones und Notebooks gezückt und gearbeitet.

80 Minuten dauert der Flug in der Regel. Wenn BA902 landet, drängen die Hemden, Blusen, Kostüme und Krawatten hinaus. Schnell zum nächsten Termin. Mittlerweile weisen die Flugbegleiter per Lautsprecheransage die Passagiere darauf hin, an ihre elektronischen Geräte zu denken. Denn die werden vor lauter Geschäftigkeit gerne im Flugzeug vergessen.

Im Juni 2016 stimmten 52 Prozent der Briten für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Magnus Becher war, wie die meisten Londoner, dagegen. Wählen durfte er nicht. Zur gleichen Zeit begann er für seinen Arbeitgeber zwischen London und Frankfurt zu pendeln. Montags nach Frankfurt, donnerstags zurück nach London, freitags Homeoffice, also arbeiten von zu Hause.

Becher ist Sales-Director, das heißt, er verkauft europaweit Dienstleistungen seines Unternehmens, gewinnt Geschäftskunden, zieht neue Aufträge an Land. In diesem Beruf war er schon immer viel in der Welt unterwegs. Die Flüge zwei Mal in der Woche seien aber trotzdem eine neue Dimension, findet der 32-Jährige.

Ein Deutscher in London 

Magnus Becher. Großer Typ, ein bisschen blass, gut gekleidet, Hosenträger an der maßgeschneiderten Anzughose – ziemlich britisch eben. Aber eigentlich ist er Deutscher, geboren in der Kleinstadt Neuwied bei Koblenz. Seit rund zehn Jahren lebt er in London, hat dort seinen Master in Investment Banking and Securities gemacht. In der britischen Hauptstadt hat er auch seine Frau kennengelernt, sie haben eine gemeinsame Tochter. Wenn er redet, hat er einen ungewöhnlichen Singsang in der Stimme, wie Menschen es haben, die oft Englisch sprechen.

Damals, im Sommer 2016, bekam er das Angebot eines amerikanischen IT-Dienstleisters, in der Europazentrale des Unternehmens in Frankfurt, zu arbeiten. Das Arbeitsgebiet fand er spannend, also willigte er ein. Aber unter einer Bedingung: Er macht den Job nur, wenn er seinen Hauptwohnsitz in London nicht nach Frankfurt verlagern muss. Ein Umzug in die Mainmetropole sei keine Option. Das Unternehmen sagte zu und zahlt seither seine wöchentlichen Flüge. Frankfurt gilt als provinziell Mit dieser Einstellung zu Frankfurt ist Magnus Becher keine Ausnahme. 

Viele Arbeitnehmer in London, deren Arbeitsplatz dank Brexit auf das europäische Festland verlagert werden soll, fürchten Frankfurt als neue Heimat. Zu klein, zu provinziell, zu wenig international. Viele wünschen sich Paris oder Dublin als neues Herz der europäischen Finanzwelt. Doch jüngst zeigte eine Auswertung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Vor allem die US-amerikanische Finanzindustrie zieht es nach Frankfurt. Das Pendeln dürfte für viele Londoner also eine ernsthafte Option werden. 

Nackenkissen als orthopädische Maßnahme 

„Die deutsche Mentalität ist sehr unbeweglich, ernst und oft wenig innovativ“, sagt Becher. Die Briten seien aufgeschlossener, entspannter, mit einer „Let’s give it a go – Mentalität“ – vom besseren Nahverkehr in London ganz zu schweigen. Er lebt sehr gerne in England. Zwei Mal die Woche reist er deshalb die knapp 800 Kilometer im Düsenjet, 11.000 Meter über der Erde. Was nach Jet-Set-Leben klingt, ist in erster Linie anstrengend. Der 1,90 große Mann zwängt sich dann in einen Flugzeugsitz, die Knie an den Sitz des Vordermann gequetscht, legt sein Nackenkissen um und versucht zu schlafen. „Ich verbringe mein Leben im Wechsel zwischen Sitzen und Schnellschritt“, sagt Becher. Fünf bis sechs Termine am Tag, viele Kundenessen, sehr wenig Bewegung. Für Sport bleibt keine Zeit.

Am Wochenende ist Familienleben angesagt. Freunde besuchen, Ausflüge mit Frau und Tochter und manchmal auch arbeiten. Sein Nackenkissen ist bei diesem Lebensstil so etwas wie eine verzweifelte orthopädische Maßnahme. Und wenn er über den Wolken zwischen Arbeit und Zuhause hin und her rast, denkt er schon manchmal: „Warum manche ich das eigentlich?“. Die Antwort ist aber ziemlich einfach. Die Arbeit macht ihm Spaß.

Rund 40 Prozent der sogenannten Fernpendler, also Menschen die mehr als eine Stunde von ihrem Heim zur Arbeit benötigen, leiden unter Stress. Und der macht krank. „Pendeln ist kein Privileg“, sagt Dr. Hannelore Hoffmann-Born, Leiterin des Verkehrsmedizinischen Competence-Centrums. Im Gegenteil. In den kommenden Jahren werden die Pendlerströme zunehmen und somit auch die Krankheiten, die durch mehr Stress und weniger Freizeit ausgelöst werden: Chronische Entzündungen der Nerven, Schlaganfälle, Bluthochdruck, Herzinfarkte und Depressionen. Und auch in der Politik ist das Pendeln als gesamtgesellschaftliches Phänomen ins Bewusstsein gerückt.

CDU/CSU und SPD versprachen in ihren Wahlprogrammen wortgleich, den öffentlichen Nahverkehr „noch attraktiver“ zu machen. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hat eine Förderung von Betrieben für umwelt- und arbeitnehmerfreundliche Arbeitswege angeregt – etwa durch gemeinsames Nutzen von Autos, durch Jobtickets, mehr Fahrradstellplätze und Homeoffice-Angebote. Das ewige Reisen zwischen Zuhause und Arbeitsplatz könnte vor allem mit Letzterem stark reduziert werden.

Homeoffice als Hoffnungsschimmer 

Auch Magnus Becher sieht im Homeoffice die Zukunft. Seine Frau arbeitet bereits vornehmlich von zu Hause. Das ist vor allem praktisch, weil sie sich dadurch ums Kind kümmern kann. Zukunftsmusik in Deutschland. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Arbeit bietet nur jeder dritte Arbeitgeber in Deutschland die Option Homeoffice an. Das wirtschaftsfreundliche Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) sieht die Entwicklung positiver: Insgesamt 39 Prozent der deutschen Unternehmen ermöglichen es ihren Mitarbeitern, von zu Hause zu arbeiten – Tendenz steigend.

„Vielen Kunden in Deutschland ist physische Präsenz viel zu wichtig“, sagt Becher. Vieles ließe sich wunderbar per Internet und Telefonkonferenzen regeln, findet er. Er hofft, dass er irgendwann nur noch einmal im Monat fliegen muss.

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