Nicht hohe Schule sondern großes Verständnis: Schimmel Patch und Reiterin Ida vertrauen einander. FOTO: menzel
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Nicht hohe Schule sondern großes Verständnis: Schimmel Patch und Reiterin Ida vertrauen einander.

Frankfurt mal tierisch

Pferde-Idyll zwischen Ostwind und Immenhof

  • VonSabine Schramek
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Auf der Natural Horse Farm in Niederursel lernen Menschen und Tiere vor allem sich selber kennen

Früher wurde der große Pferdetraum mit Fury, Flicka, Black Beauty oder bei Abenteuern auf dem Immenhof geträumt. Heute verkörpert der Hengst Ostwind die Sehnsucht nach Stärke, Verständnis und ewiger Freundschaft durch Dick und Dünn. Das gibt es nicht nur auf Leinwand und Bildschirm, sondern auch ganz versteckt in Niederursel. Auf der Natural Horse Farm flüstern Pferde mit Menschen und Menschen mit Pferden.

Striegeln und bürsten

Patch macht gerne Schabernack. Eben noch konnte der 14jährige spanische Schimmel gar nicht genug bekommen vom Striegeln und Bürsten. Zu schön fand er die für ihn subjektiv gefühlten Fell-Knabbereinheiten von Ida (18). Ihr ging es mehr um Sauberkeit und blütenweißes Fell. Patch schüttelt wie ein eitler Pfau die Mähne, geht ein paar Schritte weiter, schnuppert, geht in die Knie und wälzt sich wie eine Wildsau genussvoll genau in der Stelle, in der Regen noch etwas Matsch hinterlassen hat. Ida zieht lachend eine Augenbraue hoch, Patch sieht sie mit unschuldigem Blick gerade an, schnaubt und wälzt sich wie aus Trotz gleich nocheinmal hin und her. Diego steht derweil etwas abseits unter einem Mirabellenbaum. Die Ohren des riesigen Rappen sind gespitzt, der Hals ist rund. Seine Oberlippe hebt sich leicht.

Ob er über Ida oder Patch lacht, oder beide, verrät Diego nicht. Das muss er auch nicht, da er der Boss der Herde ist. Auf jeden Fall gefällt ihm die Szene. Wäre es nicht so, käme er näher und würde mit einer einzigen Kopf- oder Bein-Bewegung den Unfug sofort stoppen.

Zu Patch und Diego gehören noch der Braune Lucero, die Rappen-Oma Salome, die beiden Ponys Captain und Jack und das Romanov-Schaf Flecki. Sie leben in einer Herde auf einer großen Wiese voller Bäume, sattem Gras, einem Reitplatz, einem Round-Pen genannten Longierzirkel und schattigen Unterständen. Was sie eint: Sie alle kommen aus schlechter bis katastrophaler Haltung im In- und Ausland und dürfen Dank der Pferdefreundin Susanne Thorandt das sein, was sie sind - Pferde.

Pferde, die sie selbst sein dürfen und gleichzeitig Groß und Klein beibringen, wie sie im Umgang mit ihnen Selbstbewusstsein bekommen, Ängste verlieren und wie es geht, sich zu integrieren. "Jeder Mensch hat von Anfang an eine eigene Persönlichkeit. Ebenso wie jedes Pferd. Um ohne Druck miteinander klarzukommen, muss man klar kommunizieren und ungeschriebene Herdenregeln befolgen. Nicht durch Lautstärke, sondern mit Feingefühl, Fingerspitzengefühl und vor allem mit Respekt", sagt die Pferdeflüsterin. "Nur so bauen sich Beziehungen auf."

Darum lässt Thorandt Leute, die zu ihr und zu den frei laufenden Tieren kommen, erst einmal in Ruhe umzusehen. Dabei beobachtet sie die Pferde. "Captain hält anfangs zum Beispiel lieber Abstand zu Menschen. Wenn er dennoch 'Neue' an sich ran lässt, sind sie klar und strukturiert. Salome lässt jeden zu sich, dreht sich aber schnell weg, wenn sie nach zweimal Schnuppern immer noch das Gefühl hat, dass sie nicht verstanden wird. Zu Diego geht niemand am Anfang. Er strahlt einfach natürliche Autorität aus und Patch hält es mal so, mal so", sagt sie.

Reiten nicht im Mittelpunkt

In Feriencamps für Kinder oder bei Kursen für Erwachsene zum Führen, geht es nicht in erster Linie um das Reiten. "Pferde spiegeln den Leuten ihre Seele wider", ist Thorand überzeugt. Gestresste Manager können ein Pferd erst dann locker führen, wenn sie selber entspannt sind. Das merken sie schnell. Pferde sind wertfrei und ihnen ist es egal, ob ein Top-Unternehmer, ein Schulkind oder ein Drogenabhängiger mit ihnen umgeht." Sina ist Sozialarbeiterin, liebt Pferde und ist seit Anfang des Jahres dabei. "Pferde helfen den Menschen. Gerade denen, die ausgegrenzt sind. Wo sie bei anscheinend besonders selbstbewussten Leuten frech werden, sind sie bei verlorenen Seelen oft ganz besonders behutsam und liebevoll. Sie spüren einfach, wer aufgebaut werden muss und wer Grenzen gezeigt bekommen muss."

Die Corona-Krise hat Thorand dazu gebracht, weitere Pläne zu schmieden. Seit 15 Jahren arbeitet sie mit Pferden und Menschen jeden Alters, um natürlichen Umgang zwischen Natur und Mensch zu fördern. "Es ging und geht vielen einfach schlecht seit Corona", sagt sie. Darum hat sie auch einsame Menschen reingelassen und "auf einmal haben Omas Kindern hier vorgelesen, Pferde gestreichelt und mit Schafswolle gestrickt. Es hat sich einfach so ergeben, dass Alt und Jung Eins wurden und sich in die Pferdeherde integriert haben". Jetzt sucht sie ein größeres Grundstück für ihre Tiere, um eine "generationsübergreifende kleine, heile Welt" zu schaffen. Mit noch mehr Tieren, Bäumen, Teich und Kräuterbeeten. "Oberhalb des Friedhofs in Niederursel wäre schön", sagt sie.

Ida geht zu Patch und legt ihm ein Halfter um. Wie durch Geisterhand fängt er an, gleichmäßig zu traben, bleibt auf Fingerzeig stehen oder steigt in eine perfekte Levade. Ida flüstert per Handzeichen mit ihm. Er lässt sie ohne Sattel aufsteigen und die Abiturientin und der Schimmel verschmelzen im Galopp quer über die Wiese zu einem Ganzen. Wie im Film. Nur in echt. Wer den beiden zusieht, spürt nichts als wohlige Wärme und die innige Liebe zwischen Pferd und Mensch.

Infos zur Natural Horse Farm gibt es im Internet auch unter http://naturalhorsefarm.thorandt.de. SABINE SCHRAMEK

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