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Ein Arzt nimmt einer Patientin Blut ab - doch Hausbesuche wollen immer weniger der niedergelassene Hausärzte in Frankfurt leisten. Der Aufwand ist nämlich hoch und die Entlohnung durch die Kassen gering. Zudem sinkt die Zahl der Hausärzte generell immer weiter.

Medizinische Hilfe schwächelt

Pflege- und Altenheime in Frankfurt schlagen Alarm

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Pflege- und Altenheime in Frankfurt haben Schwierigkeiten, Ärzte für Hausbesuche zu finden. So gibt es in Seckbach etwa 300 Pflegeplätze, aber nur zwei Ärzte. Und die Situation könnte noch schlimmer werden.

Ist ein Mensch krankheitsbedingt an sein Bett gefesselt, muss ihn sein Hausarzt, wie es der Name schon sagt, zu Hause aufsuchen und untersuchen. Doch das wird in Frankfurt zunehmend schwieriger. Denn Hausbesuche sind für Ärzte zeitaufwendig und wenig lukrativ. Vor allem Leiter von Alten- und Pflegeheime klagen, dass sie kaum noch Ärzte finden, die Hausbesuche machen.

Das Problem kennt auch Markus Förner, Leiter des Seniorenheims Hufeland-Haus in Seckbach mit rund 160 Bewohnern. „Allein durch die hohe Fluktuation hier im Haus stellt sich für uns immer wieder die Frage, welcher Hausarzt noch bereit ist, neue Bewohner medizinisch zu versorgen“, sagt Förner. Die Suche nach geeigneten Medizinern sei jedoch nicht leicht. „Viele sind mit ihren Kapazitäten an der Grenze und signalisieren, dass sie keine neuen Patienten mehr übernehmen können“, sagt der Heimleiter. Auch Fachärzte, insbesondere Urologen, Neurologen und Psychiater, seien schwer zu bekommen.

Deshalb hat Förner sich mit der Bitte, hier Abhilfe zu schaffen, an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen gewandt. „Ich reagiere gerne, bevor die Situation katastrophal ist. Das ist sie zwar jetzt noch nicht. Aber es ist bereits abzusehen, dass sich die Situation noch verschlimmern wird. Und ich tue alles dafür, dass in unserem Haus niemand unterversorgt ist.“

Probleme mit der Suche nach Hausärzten hat auch das Seniorenheim der Henry und Emma Budge-Stiftung. Es befindet sich ebenfalls in Seckbach. „Das Problem ist aber ein stadtweites“, sagt Beate Glinski-Krause vom Frankfurter Forum für Altenpflege. Es sei eine Misere. „Die meisten Ärzte wollen nur gesunde, junge Patienten haben. Ist jemand mehrfach erkrankt, wie viele Menschen in Seniorenheimen, ist es für sie nicht lukrativ.“ In Seckbach gibt es insgesamt etwa 300 Pflegeplätze, aber nur zwei niedergelassene Ärzte. In anderen Stadtteilen sieht es nicht besser aus. So gibt es etwa in Hausen 220 Pflegeplätze und vier niedergelassene Ärzte. In Preungesheim müssen sich drei „Weißkittel“ um insgesamt etwa 150 Senioren in Pflegeheimen kümmern.

„Schwierigkeiten mit der hausärztlichen Versorgung gibt es besonders in den nicht innenstadtnahen Stadtteilen“, sagt Alexandra Chmielewski, Sprecherin von Gesundheitsdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne). „Die logische Konsequenz daraus ist, dass auch die Menschen, die nicht in Seniorenheimen leben, Schwierigkeiten haben, einen Arzt für Hausbesuche zu bekommen.“ Als Vergleich: In Sachsenhausen gibt es 500 Plätze in Seniorenheimen und 32 Arztpraxen, in Bockenheim treffen 340 Pflegeplätze auf 20 Praxen. „Da kann man davon ausgehen, dass die Menschen dort ausreichend versorgt sind“, so Chmielewski.

Der Höhepunkt des Problems ist längst nicht erreicht. Der aktuelle Gesundheitsreport 2014 für die Mainmetropole geht davon aus, dass bis 2020 allein in Frankfurt 199 Hausärzte altersbedingt ihre Praxis aufgeben werden. Finden sie keinen Nachfolger, was aktuell immer schwieriger wird, fehlen in fünf Jahren fast 200 Allgemeinmediziner (wir berichteten). „Das macht uns große Sorgen“, sagt Chmielewski.

Doch woran liegt die fehlende Bereitschaft für Hausbesuche in den Einrichtungen? „Das Problem dürfte die finanzielle Entlohnung seitens der Krankenkassen sein“, sagt Heiligs Sprecherin. Hausbesuche würden schlecht entlohnt, obwohl sie zeitaufwendig seien. Ein Beispiel: Verlässt ein Arzt seine Praxis, vergehen mit Hin- und Rückfahrt rund eineinhalb Stunden. Für eine einfache Untersuchung vor Ort zahlt die Krankenkasse knapp zehn Euro, hinzu kommen sieben bis zehn Euro Fahrtgeld. „Doch auch wenn gleich mehrere Patienten in den Altenheimen behandelt werden, kann nur ein Mal das Wegegeld berechnet werden“, so Chmielewski. In einer Arztpraxis könnten hingegen im gleichen Zeitraum bis zu fünf Patienten behandelt und damit mindestens das Zwei- bis Dreifache verdient werden – ohne die Praxis verlassen zu müssen.

Zudem sind viele Menschen in einem Alten- und Pflegezentrum Patienten mit mehreren Krankheitsbildern, die in der Medikation ein Vielfaches von dem kosten, was ein niedergelassener Arzt pro Quartal erhält. „Die Vergütung muss sich der Realität anpassen“, sagt Chmielewski. Finanzielle Anreize, etwa durch eine zusätzliche „Entlohnung“ für die medizinische Versorgung von Patienten in Alten- und Pflegeheimen, müssten geschaffen werden. Eine Verbesserung der Lage könne jedoch nur über die Kassenärztliche Vereinigung erwirkt werden.

Die KV kennt das Problem, schiebt den „Schwarzen Peter“ aber weiter: „Wir wissen, dass es in Pflegeheimen Probleme mit der hausärztlichen Versorgung gibt“, sagt Verbandssprecher Karl Roth. Dazu gebe es immer wieder Gespräche mit den Krankenkassen, um die Gebührenordnung zu ändern. Geschehen sei bisher aber noch nichts.

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