Frankfurts medizinische Mikrobiologen

Wo Pilze, Parasiten und Bakterien Chefsache sind

Das Frankfurter Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene gilt als eines der führenden im Kampf gegen Keime, denen man mit üblichen Methoden nur schwer Herr wird. Sein Leiter, Volkhard Kempf, ist ein ausgewiesener Experte, dessen Rat Kollegen aus der ganzen Republik suchen.

Von Sylvia A. Menzdorf (pia)

Ein von der allgemeinen Öffentlichkeit eher unbemerktes Dasein führt das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene der Frankfurter Universitätsklinik. Dabei gehört es zu den führenden Häusern seiner Art in Deutschland, wie das Fachblatt Ärzte-Zeitung unlängst feststellte. Anlass war ein Bericht über den Ausbruch einer schweren bakteriellen Infektion bei Patienten einer Klinik in Kiel mit etlichen Toten in der Folge und einem Hilfeersuchen der Kieler Verantwortlichen in Frankfurt. Der Kieler Klinikleiter hatte bei Prof. Volkhard Kempf, dem Leiter des renommierten Instituts, um Rat gebeten. Das war kein Zufall. Kempf ist in der Fachwelt bekannt für seine Forschungsarbeiten und –erfolge mit dem Keim, der den Kielern so zusetzte, dem Acitenobacter.

Forschung und Prävention

Volkhard Kempf nennt ihn salopp „quasi mein Haustier, ein klebriges Ding“, womit er auf die spezielle Haftungseigenschaft des Keims anspielt. Der agile Kempf und ein Oberarzt des Instituts, Christian Brandt, packten nach dem Hilferuf aus Kiel umgehend die Koffer und reisten in den hohen Norden, um den Kollegen in der Krise zu helfen. Nun sind sie zurück. Grund genug also für einen Hausbesuch in dem Institut, das seinen Sitz in einer alten Villa in der Paul-Ehrlich-Straße hat. Die Tatkraft von Volkhard Kempf, der das Institut seit 2009 leitet, und seine Vorliebe für flache Hierarchien prägen die Atmosphäre auch unter den Mitarbeitern. Das sind derzeit zehn Ärzte und etwa 50 Laborfachkräfte. An Krankenbetten stehen die hier tätigen Mediziner nur selten. Ihre Aufgabe ist vielmehr die Erforschung von Krankheitsprozessen bei Infektionen und deren Prävention sowie neue diagnostische Methoden. In den Hochsicherheitslabors des Instituts untersuchen Fachkräfte Blut- und Ausscheidungsproben von Patienten aus der Uniklinik mit Infektionskrankheiten, außerdem von Kranken auswärtiger Krankenhäuser und Arztpraxen – pro Tag viele Tausend.

Ausgezeichnete Arbeit

Volkhard Kempf, 45 Jahre alt, ist ein leidenschaftlicher Wissenschaftler. Sein Augenmerk gilt Pilzen, Parasiten und Bakterien. Besonders angetan haben es ihm die Keime Bartonella und Acitenobacter. Mit Forschungen am Bakterium Bartonella hat Kempf sich habilitiert, außerdem zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen erhalten und internationale Patente erworben. Auch mit dem bereits erwähnten Acitenobacter kennt er sich bestens aus. Das Bakterium, das in Kiel bei etlichen Patienten der dortigen Uniklinik tödlich wirkte, habe wohl vor allem deshalb eine derart schlimme Wirkung gehabt, weil man dort keinerlei Erfahrung im Umgang mit dem Keim gehabt habe. „Es traf alle dort völlig unvorbereitet“, so Kempf, der zum Auftreten von Acitenobacter und dessen fatale Resistenz gegen Antibiotika bereits 2007 eine international beachtete Forschungsarbeit veröffentlicht hat. Für eine Forschergruppe der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft), die sich 2014 mit dem Thema „Adaptation und Persistenz von Acinetobacter baumannii, einem Pathogen mit zunehmender Bedeutung“ beschäftigte, war Kempf stellvertretender Sprecher. Er ist wohl einer der wenigen Wissenschaftler weltweit, die sich intensiv mit Acitenobacter, dem „klebrigen Keim“, beschäftigen, um ihn wirksam bekämpfen zu können.

In Frankfurt sind dieser wie übrigens auch etliche andere als gefährlich oder, wie jüngst das Ebola-Virus, gar als hochgefährlich geltende Erreger schon lange bekannt. „Durch den Flughafen werden sie mit Reisenden eingeschleust“, erklärt der Hygieniker. Das Wissen um Eigenschaften und Eigenheiten bedrohlicher Keime gäben er und sein Team unmittelbar weiter an Kollegen und Pflegepersonal nicht nur der Uniklinik, sondern auch anderer Frankfurter Krankenhäuser, verbunden mit Handlungsempfehlungen für den Umgang mit infizierten Patienten.

Höchste Disziplin

Am Beispiel des Stäbchenbakteriums Acitenobacter erklärt Volkhard Kempf, was unabdingbar vonnöten ist, um eine Übertragung des Keims von bereits Erkrankten auf andere zu verhindern: konsequente Wischinfektion und nicht minder konsequente Handdesinfektion. Ein solches Handeln greift bereits in einem sehr frühen Stadium, nämlich bereits beim Verdacht auf eine Infektion mit einem besonderen Erreger. „Das ist hier sofort Chefsache“, sagt Kempf. „Von der ersten Sekunde eines Verdachtes an“ stünde Information ganz oben an, nach einer festgelegten Informationskette, die das Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt einschließe. Gleichzeitig würden „mit höchster Disziplin“ die erforderlichen hygienischen Vorkehrungen im Umgang mit dem Patienten getroffen.

Konsequenz und Disziplin sind die Schlüsselworte, wenn Volkhard Kempf vom zielgerichteten Umgang mit heiklen Erregern spricht. Diesen Tugenden zu verdanken ist gewiss der Umstand, dass sich Acitenobacter, um beim aktuellen Beispiel zu bleiben, in Frankfurter Kliniken nicht ausbreiten und Schaden anrichten konnte.

Unwahrscheinlich

Allein im vergangenen Jahr wurde dieses mit Antibiotika kaum noch zu bekämpfende Bakterium 45-mal in Frankfurter Krankenhäusern bei Patienten nachgewiesen, ohne dass es zur Ausbreitung einer Infektion kam, berichtet Dr. Ursel Heudorf, Leiterin der Hygieneabteilung des Gesundheitsamtes der Stadt Frankfurt. Einen Infektionsausbruch wie kürzlich in Kiel hält die Medizinerin in Frankfurt für unwahrscheinlich. In Hessen ist – bundesweit einzigartig – seit 2011 das Auftreten multiresistenter Stäbchen-Bakterien meldepflichtig.

Für Volkhard Kempf war der Ausflug nach Kiel, wie er sagt, keine Quelle neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Eine Probe des Erregers hat er von dort mit nach Frankfurt genommen, um ihn in seinem Institut näher zu untersuchen.

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