Wem ist der Platz? Der Kerb! Jetzt auch ganz offiziell, wie das Straßenschild verkündet, das am Ende des Umzuges feierlich enthüllt und natürlich zünftig begossen wurde. FOTO: rüffer
+
Wem ist der Platz? Der Kerb! Jetzt auch ganz offiziell, wie das Straßenschild verkündet, das am Ende des Umzuges feierlich enthüllt und natürlich zünftig begossen wurde.

Frankfurter Brauchtum

Traditionen trotz Corona-Pandemie: Kerbeburschen demonstrieren "für den Erhalt von Volksfesten"

  • VonSabine Schramek
    schließen

In Frankfurt-Kalbach ziehen Kerbeburschen durch den Ort, um für den Erhalt von Volksfesten zu demonstrieren. Die Kerb musste wegen der Corona-Pandemie ausfallen.

Frankfurt - Wenn liebgewonnene Traditionen wegen Corona kaum durchführbar sind, kein Festzelt aufgebaut werden darf, der Gickel im Stall bleibt und die Kerbelies nicht verbrannt werden kann, dann braucht es kreative Köpfe. Die Kalbacher Kerbeburschen haben deshalb ihren Umzug jetzt kurzerhand in eine Demo "Für den Erhalt von Volksfesten" umgewandelt.

Thomas Schmidt trägt neuerdings den rot-schwarzen Gickel, der aus einem leuchtend roten Bembel kräht, sogar als Tattoo auf der linken Wade. Jonathan schleppt einen runden Käfig auf einer dicken Zaunstange mit einem Kunststoff-Gickel in der Hand. Beide und 31 weitere Kalbacher Kerbeburschen tragen schwarze Polohemden mit dem Bembel-Gickel auf dem Rücken. Der Kerbebaum steht nicht auf dem Parkplatz am Kindergarten, wo sonst das Festzelt ist, sondern ist samt der Kerbelies vorne auf einen roten Kipplader montiert. "Wem gehört die Kerb? Uns! Wer will sie uns nehmen? Kaaner!" rufen die fröhlichen Burschen im Hof, bevor fünf Gefährte mit Tanks voll selbst gekeltertem Ebbelwei, Bratwurst und Musikern in Lederhosen mit rot-weiß karierten Hemden, Quetsche, Gitarre, Posaune, Kuhglocke und Pauke zum Parkplatz rattern und brummen.

Demonstration in Frankfurt-Kalbach: Nächstes Jahr soll wieder richtig Kerb stattfinden

Die Kerb fällt wegen Corona aus und der Kerbeumzug ist kein Kerbeumzug, sondern eine Demonstration "Für den Erhalt von Volksfesten". Das steht auch in Schwarz auf einem großen weißen Schild am Frontlader-Kerbebaum samt Liesbeth. Die Tiroler Kapelle aus Bruchköbel spielt "Ein Prosit der Gemütlichkeit" auf, während Polizeibeamte aus dem 14. Revier auf alle Verfügungen hinweisen. "Abstand halten, keine unnötigen Stopps auf der Strecke, Masken und Handschuhe bei der Ausgabe von Apfelwein und Würstchen tragen, auf Abstände beim Fahnenschwenken achten, Ordner müssen erkennbar sein", sagen sie.

Schmidt lacht, da er auf dem Hof bereits allen Beteiligten das Gleiche gesagt hat. Der 2. Vorsitzende der Kerbeburschen hat gemeinsam mit dem 1. Vorsitzenden, Sebastian Betz, "Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um alle Steine wegzuräumen, die vonseiten der Stadt und der Polizei im Vorfeld im Weg lagen". Jetzt sind die Kerbeburschen ausgelassen und fröhlich. Sie freuen sich sogar über die Polizei-Eskorte vor und hinter der kleinen Demo. "Es war ein Tanz auf dem Drahtseil", erzählt Schmidt, "aber jetzt ist alles gut. Und nächstes Jahr gibt es wieder eine richtige Kerb mit allen Traditionen, die das Volksfest hat und die die Kalbacher so lieben", sagt er optimistisch.

Demonstration in Kalbach für den Erhalt der Kerb: Wurst und Wein für die Zuschauer

Der kleine Zug tuckert im Schritt-Tempo, kostenlos werden Wurst und Wein an die winkenden Bewohner verteilt. Kinder rennen lachend vor dem Zug her. Wenn Laternen, Linden oder Kabel vor dem riesigen Baum mit der Liesbeth auftauchen, senkt Betz ihn vorsichtig mit dem Hublader nach unten, bis er fast waagerecht wie ein Pfeil durch die Straßen fährt und die Liesbeth erschöpft ihre Stroharme nach unten hängen lässt. Während alle anderen etwas zu Essen und Trinken bekommen, scheint sie manchmal kurz vor dem Hitzschlag zu sein. Bis sich der Baum wieder aufrichtet.

Insgesamt 400 Mitglieder hat der Kerbeverein Kalbach, 50 von ihnen nennen sich Burschen. Aus Gärten und auf Balkons sieht man Leute mit den schwarzen Polohemden. Eines trägt auch Walter Seubert, der ehemalige Vizepräsident der Frankfurter Polizei und jetziger kommissarischer Rektor der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung. "Ihr macht das toll", lobt er im Vereins-Shirt, beißt herzhaft in eine Bratwurst und schließt sich dann mit gebührendem Corona-Abstand an.

Kerbeburschen in Frankfurt-Kalbach: „Es ist unser Platz für Tradition und zum Feiern von Volksfesten“

Gejubelt und gewunken wird aus fast jedem Haus, Balkon, Garten oder Hof. Auch FDP-Parteichef Thorsten Lieb schaut sich das Geschehen an. Nicht als Anwalt oder Politiker, sondern als Kalbacher. Zwei Stunden lang ziehen die Wagen mit lauter Musik durch den Ort. Einige Zuschauer laden die Jungs ebenfalls zu einem Getränk ein. Die Stimmung ist toll. Zurück am Parkplatz, auf dem normalerweise die Kerb gefeiert wird, gibt es noch eine Überraschung für alle. Bisher hatte er nämlich keinen Namen. Schmidt klettert flink auf eine Leiter an einem Straßenschildpfosten, schneidet vorsichtig eine blaue Folie auf und lacht fröhlich.

Auf dem nagelneuen Straßenschild steht "Kalbacher Kerbeplatz". "Jetzt haben wir es amtlich. Es ist unser Platz für Tradition und zum Feiern von Volksfesten. Nächstes Jahr wollen wir hier wieder richtig unsere Kerb begehen. Mit allem Drum und Dran." (Sabine Schramek)

Nicht nur in Kalbach, auch in anderen Orten musste die Kerb aufgrund von Corona abgesagt werden. Das Team der Organisatoren in Raunheim zeigte sich darüber traurig, aber auch ein wenig erleichtert.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare