Der Corona-bedingte Einbruch des Reisegeschäfts hat Hertz aus der Bahn geworfen.
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Der Corona-bedingte Einbruch des Reisegeschäfts hat Hertz aus der Bahn geworfen.

Skandal am Finanzmarkt

Pleite-Unternehmen Hertz darf 247 Millionen neue Aktien verkaufen

  • Panagiotis Koutoumanos
    vonPanagiotis Koutoumanos
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US-Autovermieter will mit gerichtlicher Erlaubnis die irrationalen Sprünge seines Aktienkurses nutzen

Frankfurt - Paul Stone drückt kräftig aufs Gas - möglichst noch am heutigen Montag will der neue Vorstandschef der Hertz Global Holdings Inc. den Finanzmarkt erreichen, um frisches Geld für das Nordamerika-Geschäft zu tanken, das am 22. Mai einen Antrag auf Gläubiger-Schutz nach Kapitel 11 des US-Konkursrechts stellen musste. Die Zeit drängt: Noch darf Hertz weiterfahren; aber wenn Stone bis Ende Juli kein zusätzliches Kapital auftreibt, werden die Geldgeber mit der Verkauf der Hertz-Fahrzeugflotte beginnen. Und vom damit verbundenen Totalschaden des Nordamerika-Geschäfts dürfte dann auch die Europa-Gesellschaft mit der deutschen Tochter nicht verschont bleiben.

246,8 Millionen bislang nicht ausgegebene Aktien will der zweitgrößte Autovermieter der USA an den Mann und die Frau bringen. Ein ebenso mutiger wie ungewöhnlicher Vorstoß für ein Unternehmen, das pleite ist und dessen Anleihen vergangene Woche für 40 Cents pro Dollar gehandelt worden sind. Normalerweise sind Unternehmen unter Gläubigerschutz gezwungen, sehr teure Kreditverträge abzuschließen, die mit Sonderverpflichtungen des Kreditnehmers gespickt sind. Schon weil bei einer Insolvenz üblicherweise die Unternehmensanteile von Alt-Aktionären auf ein Minimum schrumpfen. So hatte die New Yorker Stock Exchange (NYSE) - wo die Hertz-Aktien gehandelt werden - nach dem Insolvenz-Antrag das Unternehmen von der Börse nehmen wollen. Aber Hertz legte erfolgreich Einspruch ein.

Hertz-Aktie ist zum Zombie geworden

Der Kurs der Hertz-Aktie stürzte infolge der Zahlungsunfähigkeit auf 0,56 Dollar ab. Allein der weltbekannte Wall-Street-Finanzier und Hertz-Großaktionär Carl Icahn verkaufte gleich am ersten Handelstag nach der Insolvenz seinen Anteil von rund 39 Prozent - und erlitt damit einen Verlust von rund 1,6 Milliarden Dollar. Auch der 84-Jährige ging davon aus, dass für die Altaktionäre am Ende so gut wie nichts mehr übrig bleibt und die Hauptanteilseigner die Besitzer vorrangiger Hertz-Anleihen sein werden. Doch im Zuge der allgemeinen Euphorie - die die Börsen nach dem Corona-bedingten Crash trotz Rezession erfasste - ist auch die Hertz-Aktie zu neuem Leben erwacht: Bis Mitte vergangener Woche stieg ihr Kurs auf fast sechs Dollar - so viel war das Papier zuletzt Ende April wert gewesen, also rund einen Monat vor der Insolvenz. Erschaffen worden ist die "Zombie"-Aktie zwar vor allem durch junge Privatanleger, die auf dem berüchtigten Online-Portal "Robinhood" gebührenfrei mit den sogenannten Penny-Stocks zocken. Aber das ficht das Hertz-Management offenbar nicht an - auch wenn die "untote" Aktie zum Ende der Woche einen Teil ihres Lebensgeistes verloren hat und bei 2,83 Dollar aus dem Rennen ging. Bei diesem Kurs würde Hertz immer noch 698 Millionen Dollar einnehmen. "Neue Plattformen mögen unser Vorhaben erleichtern. Aber da sind Kräfte am Werk, die wir nur registrieren können", sagte Hertz-Justiziar Tom Lauria mit Blick auf Robinhood, die nach eigenen Angaben rund zehn Millionen Händler zählt.

Experten zeigen sich empört

"Das ist unfassbar", meint dagegen nicht nur David Skeel, Professor für Insolvenzrecht an der University of Pennsylvania. "Ich habe noch nie von einem Unternehmen gehört, das mitten in der Insolvenz neue Aktien verkauft. Das ist doch schlicht ein Trick, um die derzeit irrationalen Bewegungen am Markt auszunutzen", sagte Skeel am Freitag. Der gleichen Ansicht ist Jura-Professor Jared Elias von der University of California. Er sagte: "Hertz schaut sich den Markt an, stellt fest, dass es eine Gruppe irrationaler Händler gibt, die die Aktie kaufen. Und die Antwort darauf ist zu versuchen, diesen Leute neue Aktien zu verkaufen, in der Hoffnung, darüber einen Teil der Umstrukturierung zu finanzieren."

Dass sein Ansinnen überhaupt erlaubt ist, hat der Hertz-Vorstand inzwischen schwarz auf weiß. Den entsprechenden Beschluss fasste am Freitagabend ein Insolvenzgericht im US-Bundesstaat Delaware, wo das Unternehmen sein Gesuch am Donnerstag eingereicht hatte. "Die Kosten dieser Finanzierung sind deutlich niedriger als ein Kredit", sagte die Richterin Mary Walrath in ihrer Urteilsbegründung.

Dass die neuen Aktionäre am Ende durchaus mit leeren Händen da stehen könnten, wurde bei der - per Video geführten - Verhandlung nicht groß thematisiert. Hertz hatte sich verpflichtet, in seinen Angebotsunterlagen explizit darauf hinzuweisen, dass "eine Investition in Hertz-Aktien ein beträchtliches Risiko birgt, einschließlich des Risikos, dass das gesamte Aktienkapital wertlos werden könnte".

Zweifelhafter Optimismus

Anzunehmen ist, dass sich trotzdem Abnehmer für die Papiere finden werden. In den vergangenen Wochen hatten vor allem Privatanleger auch die Aktienkurse der insolventen US-Unternehmen JC Penney, Whiting Petroleum und Chesapeake in die Höhe getrieben. Dahinter stehen nach Einschätzung von Beobachtern neben einer besonderen Risikobereitschaft im Grunde die selben Erwartungen, die dazu geführt haben, dass die Aktienmärkte seit Mitte März in den USA und in Europa trotz der Corona-Krise alle Erwartungen übertroffen haben. So stieg der Dax von 8462 Punkten bis Anfang vergangener Woche auf mehr als 12 900 Punkte und damit auf den Stand von Ende Februar; auch der S&P 500 hatte zu Wochenbeginn die März-Verluste mehr als wettgemacht; und die Nasdaq erreichte am Mittwoch sogar ein Allzeithoch.

Viele Aktien-Anleger setzen offenbar darauf, dass die gewaltigen fiskalpolitischen Rettungspakete und die riesigen Anleihenkaufprogramme der Notenbanken sowie die Lockerungen der Corona-Beschränkungen dazu beitragen werden, die Wirtschaftskrise innerhalb eines sehr begrenzten Zeitraums zu überwinden. Hinzu kommt ein Phänomen, für das sich das Kürzel FOMA etabliert hat - the "Fear of missing out". Soll heißen: In der Null-Zins-Ära investieren viele Anleger mangels Alternativen, selbst bei anspruchsvollen Bewertungen in Aktien, weil sie fürchten etwas Gutes zu verpassen.

Dass Anleger etwas verpassen, wenn sie nicht bei Hertz einsteigen, erscheint allerdings nicht wahrscheinlich. Denn bei dem Autovermieter, gilt die Pandemie nur als Auslöser der Krise. Das Unternehmen, das 2019 rund 9,8 Milliarden US-Dollar erlöste, hatte vor Corona vier Jahre in Folge Verluste eingefahren. Der Konzern ächzt unter einer Schuldenlast von fast 19 Milliarden Dollar, von denen 14,7 Milliarden auf eine Fahrzeugfinanzierung entfallen, die in der allgemeinen Krise nicht tragbar ist.

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