In der Stillen Nacht wird es laut: Daniela (Sabine Koch) und Martin (Marc Ermisch) bekommen sich bei den Weihnachts-Vorbereitungen mächtig in die Haare. FOTO: enrico Sauda
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In der Stillen Nacht wird es laut: Daniela (Sabine Koch) und Martin (Marc Ermisch) bekommen sich bei den Weihnachts-Vorbereitungen mächtig in die Haare.

Frankfurter Bühnenkunst

Pleiten, Pech und Tannen: Weihnacht im Lempenfieber

  • Julian Dorn
    VonJulian Dorn
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Im neuen turbulenten Stück des Theaters eskalieren die Vorbereitungen auf das Fest

Als sich bei Daniela und Martin die Stimmung schon dem Gefrierpunkt nähert, ist die bucklige Verwandtschaft noch nicht einmal im Haus. Auch ohne stachlige Tanten und großkotzige Onkels ist die Gemengelage bei den beiden bereits hochexplosiv: Sie, die Weihnachts-Enthusiastin, backt, schmückt und verziert mit Verve und beinahe infantiler Freude, während er, der Weihnachts-Muffel, griesgrämig und verständnislos seiner Frau bei der Dekorations-Orgie zuschaut.

Plätzchen statt Paella

Worauf hat er sich bloß eingelassen, als er zum ersten Mal seit Jahrzehnten dem Drängen seiner Frau nachgab, das Weihnachtsfest ausnahmsweise nicht auf den Kanaren, sondern zu Hause zu feiern? Porzellan und Plätzchen statt Paella und Palmen. Und als wäre das nicht schon schlimm genug für Martin, hat seine Gattin zur Krönung auch noch die komplette Familie zum Dinner geladen. Schöne Bescherung!

Die hassgeliebte Verwandtschaft, auf die man das ganze Jahr getrost verzichten konnte, steht plötzlich auf der Fußmatte, ob eingeladen oder nicht, und alle Jahre wieder beginnt der Gemütlichkeits-Terror: Szenen, die einigen der etwa 40 Zuschauer im historischen Saal des Gasthofs "Zum Lemp" in Berkersheim an diesem Abend wohlbekannt vorkommen dürften. Wieder ist die jüngste Zwei-Personen-Komödie des Theaters Lempenfieber, aus der Feder von Sven Eric Panitz sowie Marc Ermisch und inszeniert von Panitz' Lebensgefährtin Sabine Koch, mitten aus dem Leben gegriffen. "Wir suchen nach Themen, mit denen sich das Publikum identifizieren und Figuren, in denen sich der Zuschauer spiegeln kann", erklärt Hobby-Drehbuchautor Panitz, der im Zivilleben Informatik-Professor an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden ist. Vor zehn Jahren eröffneten Panitz und Koch das kleine Theater in dem urigen Saal des Gasthofs in Frankfurts drittkleinstem Stadtteil.

Und nun, 21 Produktionen und unzählige ausverkaufte Vorstellungen später, hat sich das Theater mit professionellem Ensemble etabliert. "Sogar auf einer Immobilien-Webseite wirbt man mit unserem Theater für den Stadtteil Berkersheim", sagt Sabine Koch.

Die Zuschauer kommen nicht nur von dort, sondern auch aus Bad Vilbel, Eschersheim und Eckenheim. Es ist ein Theater in Eigenregie: Panitz schreibt die Drehbücher, kümmert sich um Kasse sowie Licht und Koch inszeniert die Stücke. Bühnenbild, Kostüme und Flyer - alles selbst gemacht. "Wir finanzieren uns nur über die Eintrittsgelder", so Panitz.

Das Publikum goutiert den Aufwand - vor allem wegen der "intimen und familiären Atmosphäre", glaubt Koch. Die Darsteller kommen vor und nach der Vorstellung mit den Zuschauern, darunter vielen Stammgästen, ins Gespräch und erfahren direkt, wie die Performance ankam. "Viele wollen natürlich wissen, ob die Küsse auf der Bühne echt sind", sagt Koch und lacht.

Komödien kommen gut an

Mit dieser Nähe zu den Menschen - und den Themen, die sie umtreiben, hätten sie vielen die "Scheu vor dem Theater" genommen, meint Koch. "Wir haben Zuschauer im Publikum, die jahrelang nicht im Theater waren", erzählt sie. "Sie hatten zuvor Vorstellungen wegen viel zu abstrakter Inszenierungen ratlos und abgeschreckt verlassen und gar nicht verstanden, worum es eigentlich ging." Die Themen des Theaters Lempenfieber hingegen können auch Laien in jedem Stück sofort benennen: Mal geht es um Homosexualität und Kinderwunsch, mal um künstliche Intelligenz, mal um Beziehungen mit all ihren Widrigkeiten, immer mit einer kräftigen Brise Humor gewürzt. "Komödien laufen einfach am besten, vor allem wenn es um Beziehungsprobleme geht", weiß Koch. Ihr Mann ergänzt: "Komisch ja, aber nicht klamaukig" solle die Inszenierung sein. "Wir möchten auch zum Nachdenken anregen." Wenn er am Ende der Vorstellung mitbekomme, dass Zuschauer noch angeregt über das Stück diskutieren, dann habe er sein Ziel erreicht, so Panitz. "So bleiben wir im Gedächtnis."

Auch im aktuellen Stück sorgt der abrupte Wechsel zwischen Komik und Tragik dafür, dass dem Zuschauer der Lacher schon mal im Halse steckenbleibt. Zuerst amüsiert man sich noch über die zahlreichen Missgeschicke bei Danielas Vorbereitungen - ein Gast nach dem anderen sagt mit fadenscheinigen Begründungen ab, die Plätzchen brennen an und der Weihnachtsbaum entwickelt ein Eigenleben. Danielas Frust steigt, während der Pegel der Weinflasche sinkt. O Pannenbaum, O Pannenbaum. Dann wird der Ton aber plötzlich ernst: Daniela erfährt am Ende endlich, woher Martins Aversion gegen Weihnachten rührt - und ein lange verdrängtes Kindheitstrauma wird wieder wachgerufen.

Woher Panitz die Ideen für seine Stücke nimmt? Vieles schöpfe er aus seinem eigenen Erfahrungsschatz, erzählt der Hobby-Autor. Ist er also privat auch so ein Weihnachtsmuffel wie seine Figur Martin? Da muss Panitz lachen: "Nein, ich mag Weihnachten und das ganze Drumherum sehr." Vielleicht ist aber einer seiner Freunde ein waschechter Grinch: Mancher habe jedenfalls schon zum Lempenfieber-Autor gemeint, dass er aufpassen müsse, was er ihm erzähle. "Es heißt dann: 'Das landet doch bestimmt in deinem nächsten Stück.'" Julian Dorn

Hier gibt's Karten

Tickets können online auf http://www.lempenfieber.de oder telefonisch unter (0152) 06354489 bestellt werden und kosten 19 Euro.

Die nächste Vorstellung ist am Freitag, 17. Dezember, um 20 Uhr, im Saal des Gasthofs "Zum Lemp" in der Berkersheimer Obergasse 12.

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