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Deutschland, Frankfurt-Niederrad, 19. Mai 2018: Lutz ist nach dem Schlusspfiff in Ekstase.

Eintracht Frankfurt

Pokal-Coup: "Der schönste Tag meines Lebens"

In der Niederräder Eintracht-Kneipe "Traube" wird das Pokalfinale zwischen Bayern München und der Frankfurter Eintracht übertragen. Nicht viele dort rechnen mit einem Sieg der SGE. Umso größer und tränenreicher sind die Glücksgefühle am Ende des Abends.

Seltsam still ist es in der "Traube" in Niederrad. Zwei Dutzend Anhänger der SGE sitzen nachdenklich in der Eintracht-Kneipe an der Triftstraße. Der Alkohol läuft, doch ohne Begeisterung, als diene er nur zur Betäubung für den sicher scheinenden Frust am Ende des Abends.

Alles muss passen, damit die Eintracht gegen die übermächtigen Bayern im DFB-Pokalfinale auch nur den Hauch einer Chance hat. Und tatsächlich passt rund elf Minuten nach Anpfiff alles für die SGE: Die Mannschaft hat mit großem Elan begonnen und die Bayern überrascht. Als Kevin-Prince Boateng auf Ante Rebic durchsteckt und dieser vor Bayern-Keeper Sven Ulreich eiskalt vollstreckt, wittern die ersten Fans in der "Traube" eine Sensation.

"Jetzt noch einen Treffer und dann alle Mann hinten rein", fordert Klaus, der den letzten Titelgewinn der Eintracht, den Pokalsieg im Jahr 1988, miterlebt hat. Doch wie sich ein Titelgewinn anfühlt, weiß er nicht mehr.

Lutz sitzt mit Kumpels am Tresen und mahnt zur Vorsicht: "Es sind noch fast 75 Minuten zu spielen und jeder weiß, zu was die Bayern neigen, wenn man sie mal mit einem Gegentor reizt." Doch auch in Lutz‘ Augen blitzt die Hoffnung auf.

Dann weicht die Euphorie dem Zittern. Die Bayern erhöhen nach dem Rückstand den Druck. Stürmer Robert Lewandowski tritt einen Freistoß an die Latte über Eintracht-Keeper Lukas Hradecky. Kurz nach der Halbzeitpause kommt es wie von vielen in der "Traube" befürchtet, als der Bundesliga-Torschützenkönig den Ausgleich markiert.

Klaus schlägt kurz die Hände über dem Kopf zusammen. Dann nimmt er einen Schluck Bier und scheint als einziger in der Kneipe noch an das Wunder zu glauben. Marcus hat fast aufgegeben: "In die Verlängerung schaffen wir es nicht. Dafür sind die Bayern zu gut."

Heute nicht. Die Münchener verzeichnen zwar mehr Ballbesitz und schießen weitaus häufiger aufs Tor der SGE. Bloß wirkt das Bayern-Spiel fahrig und unmotiviert, während sich die Eintracht-Kicker in jeden Zweikampf werfen, als ginge es um Leben und Tod.

Dass den Bayern einige Körner fehlen, wird noch deutlicher, als sich das Team um Kapitän Müller in der 82. Minute gedanklich bereits in der Verlängerung befindet: Wie vor dem 1:0 führt ein Ballverlust von James Rodriguez zu einem Konter der Eintracht. Rebic erläuft einen Pass von da Costa, steht noch einmal alleine vor Ulreich und vollendet erneut. In der "Traube" gärt es, bis der frenetische Jubel innerhalb von Sekunden abebbt.

Die Bayern reklamieren ein Foul der Eintracht vor Rebics Tor. Der Videobeweis wird bemüht. Referee Felix Zwayer erkennt den Treffer an, um den Eintracht-Fans das Herz ein paar Minuten später erneut in die Hose rutschen zu lassen. Wieder reklamieren die Bayern ein Foul, diesmal im gegnerischen Strafraum. Wieder greift Zwayer zum Videobeweis, entscheidet diesmal jedoch falsch - zum großen Vorteil der SGE. Denn es hätte Strafstoß geben müssen.

Stattdessen entscheidet der Schiedsrichter auf Ecke. Auch Bayern-Keeper Ulreich ist mit vorgeeilt. Doch die Ecke bringt der Eintracht den Sieg: Der abgewehrte Ball landet bei Mijat Gacinovic, der über den Platz sprintet und die Kugel ins leere Bayern-Tor schiebt. Die Eintracht ist deutscher Pokalsieger.

In der "Traube" brechen alle Dämme. Hartgesottene Eintracht-Fans treibt es die Tränen in die Augen. Manche wünschen sich einen kurzen Moment für sich selbst, um zu realisieren, was hier gerade passiert ist. "Jaaaaa, 30 Jahre habe ich darauf gewartet", brüllt Lutz und schließt wie viele andere in der "Traube" den finalen Frieden mit Erfolgstrainer Niko Kovac, der zur nächsten Saison ausgerechnet nach München wechseln wird. Marcus sucht noch nach den passenden Worten für die Glücksgefühle, ist jedoch zu sehr damit beschäftigt, seine Augen zu trocknen.

Klaus findet als Erster die Fassung wieder und erinnert sich nun wieder daran, wie sich der letzte Titelgewinn im Jahr 1988 angefühlt hat: "Großartig! Aber der heutige Sieg macht mich noch glücklicher, weil wir gegen die Bayern gewonnen haben. Das ist der schönste Tag meines Lebens!"

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