?Stopp?, ruft Ina Simenova (rechts) laut und deutet gleichzeitig einen Schlag auf die Stirn von Atsumi Beuthen an. Im Ernstfall soll ein solcher Schlag jedoch das Nasenbein des Gegenüber treffen.
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?Stopp?, ruft Ina Simenova (rechts) laut und deutet gleichzeitig einen Schlag auf die Stirn von Atsumi Beuthen an. Im Ernstfall soll ein solcher Schlag jedoch das Nasenbein des Gegenüber treffen.

Kampfsport

Polizeiverein trainiert Frauen in Selbstverteidigung

Insbesondere für Frauen gilt: Sich gegen Übergriffe zu wehren will gelernt sein. Umso mehr nach den jüngsten sexuell motivierten Attacken zweier Täter auf Frauen am Uni-Campus Westend. Das Angebot an Kursen reicht von isrealischer Kampfkunst bis zu feministischer Selbstbehauptung. Auch der Polizeiverein Grün-Weiß zeigt, wie Frau sich wehren kann.

20 Teilnehmerinnen bilden in einer Übungshalle des Frankfurter Polizeipräsidiums einen Kreis, die Anspannung ist greifbar. Dienstagabends bietet der Polizeiverein Grün-Weiß Selbstverteidigungskurse an – ausschließlich für Frauen. „Ich denke, die Trainer haben Erfahrungswerte und kennen Musterverhalten“, beschreibt Ina Simeonova ihre Erwartungen an die nächsten vier Wochen, wenn sie pro Training zwei Stunden lang Stoßen, Schlagen und Schreien lernt. Läuft die promovierte Neurowissenschaftlerin in der Nacht nach Hause, überlegt sie: „Was mache ich jetzt, wenn . . .“

Zuerst lernen die Teilnehmerinnen, ihre Berührungsängste gegenüber den „Sparringspartnerinnen“ zu verlieren, um handfest miteinander zu trainieren. Dann zeigt der Kursleiter erste Tricks. Ina Simeonova soll sich aus einem Griff befreien: Entgegen ihrem Instinkt muss sie sich nach vorn, also in Richtung des „Angreifers“ lehnen. Erst dann kann sie ihren umklammerten Unterarm mit der freien Hand greifen und sich gleichzeitig mit Hilfe ihres Körpergewichts herauswinden und befreien.

Nach einer halben Stunde sind alle außer Atem. Prompt folgen theoretische Einheiten. „Statistisch geht die Gewalt eher von einem Freund als vom bösen Unbekannten aus“, erklärt Kursleiter Oliver Peter. Laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Jugend und Frauen (BMFSJF) ist jede dritte Frau in Deutschland von Gewalt betroffen. Erschreckend: Nach einer Studie der Europäischen Union macht einer von fünf Befragten die (weiblichen) Opfer für die Taten mitverantwortlich. Peter kennt dieses unselige Phänomen: „Fakt ist jedoch: Die meiste Gewalt geht von Männern aus.“ Egal, wie kurz der Rock einer Frau auch sei: Jeder Mensch habe das Recht auf Unversehrtheit.

Für Frauen, die sich wehren wollen, gibt es etliche Kurse und Techniken. Das so genannte Krav Maga beruht auf isrealischer Kampfkunst, dabei geht es um schnelle Reflexe. Wendo setzt auf weibliche Selbstbehauptung und schließt Männer im Training aus.

Ina stört es nicht, dass neben einer Frau noch zwei Männer den Kurs leiten: „Ich möchte auf potenzielle Angreifer vorbereitet sein.“ Peter sieht das ebenfalls als Vorteil. Frauen erhielten so ein realistisches Gefühl für die Kräfte potenzieller Angreifer. Als Ju-Jutsu-Trainer nutzt er die Techniken der deutschen Version einer japanischen Kampfkunst, die auf Selbstverteidigung abzielt. Aber um die perfekte Technik gehe es gar nicht. „Wir wollen die Frauen hier nicht zu Kampfmaschinen ausbilden.“ Sie sollen vor allem lernen, sich loszureißen und wegzurennen. Denn: Vielen Teilnehmerinnen falle es schwer, überhaupt zuzuschlagen.

In den nächsten drei Doppelstunden zeigen Peter und seine Kollegen, dass sich selbst die eigenen Ellenbogen und Fingernägel im Fall eines Angriffs zur Abwehr eignen und es nicht unbedingt ein Tritt sein muss. Er informiert auch über das Waffenrecht und den Notwehr-Paragrafen. „Viele Frauen fragen, ob Pfefferspray illegal ist“, nennt er ein Beispiel. Doch in einer Notsituation sei alles erlaubt. Außerdem nennen die Kursleiter Ansprechpartner im Fall von häuslicher und sexueller Gewalt.

„Angegriffen wurde ich noch nicht“, erzählt Ina. Aber sie sei schon im Bus begrapscht und auch bestohlen worden. „Ich möchte einfach wissen, dass ich eine Chance habe, zu reagieren.“ Gerade das sei entscheidend, sagt Peter: „Täter suchen sich Opfer oft nach deren Körperhaltung aus.“ Im Kurs sind Fortschritte zu erkennen: Nachdem die „Schmerzpunkte“ bekannt sind, setzen die Frauen die Techniken konzentrierter um. Anstatt zu lachen, zeigen sie Entschlossenheit. „Nach vier Wochen kann nicht jede das Gleiche“, sagt Peter. Das sei nicht das Ziel. „Wir wollen vor allem den Selbstschutz herauskitzeln.“

Dazu passt: Immerhin eine der überfallenen Frauen (37) am Uni-Campus konnte den Täter durch einen gezielten Faustschlag zu Boden strecken und fliehen.

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