Polizeihauptkommissar Florian Hoffmann (Mitte) im Gespräch mit Kollegen. FOTO: rainer rüffer
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Polizeihauptkommissar Florian Hoffmann (Mitte) im Gespräch mit Kollegen.

Drogen

Polizei unterwegs im Bahnhofsviertel Frankfurt – „Crack kommt aus der Hölle“

  • VonSabine Schramek
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Im Bahnhofsviertel von Frankfurt sind Drogen allgegenwärtig. Die Polizei-Einheit „Ossip“ geht mit ungewohnten Methoden dagegen vor.

Frankfurt – Die 50 Beamten von "Ossip" setzen sich mitten in den Drogen-Hotspots für "Offensive Sozialarbeit, Sicherheit, Intervention und Prävention" ein und vermitteln zwischen Drogenhilfe, Abhängigen und Anliegern. Wir haben eine Streife begleitet.

Das Handy klingelt. Natalie S. gibt Gas und stoppt zwei Minuten später direkt vor dem Drogenkonsumraum in der Niddastraße im Bahnhofsviertel von Frankfurt. Die junge Polizeikommissarin und Polizeihauptkommissar Florian Hoffmann (42) steigen in voller Uniform aus ihrem Streifenwagen. "Die haben sich gehauen", sagt ein dürrer Mann in kaputter Kleidung aufgeregt und zeigt nach rechts. "Ist schon wieder vorbei. Danke, dass Ihr gekommen seid." Die Beamten sprechen den ausgemergelten Mann mit Namen an und auch die anderen Drogenabhängigen, die auf der Straße sitzen oder torkeln. Es wirkt irreal, dass Junkies erfreut aufblicken, wenn diese Polizisten kommen. Sie tun es. Die Uniformierten gehen zur Tür und sprechen kurz mit der Mitarbeiterin der Einrichtung, die angerufen hatte. "Wir haben heute nicht genug Mitarbeiter", sagt die Frau und berichtet kurz von einigen Vorkommnissen, bevor sie sich wieder um die Drogenabhängigen kümmert.

"Wir haben ein Telefon, über das uns alle Drogeneinrichtungen ständig erreichen können", sagt Hoffmann, der seit vier Jahren bei Ossip arbeitet. "In der Drogenszene kennt jeder unsere Gesichter und wir kennen sie - inklusive aller Lebensgeschichten, die sie uns erzählen." Bei Streitigkeiten an den Einrichtungen wird nicht der Notruf gewählt, sondern ihre Nummer. Zwei bis drei Ossip-Streifen sind ständig unterwegs. "Wenn die Leute uns sehen, sind sie beruhigt. Sie wissen, dass wir auf sie aufpassen. Manche sagen, dass wir mehr Sozialarbeit machen als Polizeiarbeit. Dabei stimmt beides", sagt Hoffmann.

Polizei im Drogenviertel von Frankfurt: Verschärfte Lage durch Corona-Lockdown

Besonders hart sei es während der Corona-Lockdowns im Bahnhofsviertel gewesen. "Da waren nicht nur die bekannten Abhängigen hier, sondern auch viele aus dem Umland. Das hat die Menschen hier sehr irritiert und noch mehr verunsichert." Über Funk kommt ein Notruf aus der Taunusstraße. Der Wagen rast los. Notärzte und Feuerwehr sind bereits da. Die Leiter fährt aus zum Fenster in den vierten Stock. Ein Mann muss reanimiert werden. Die Straße wird gesperrt. Natalie S. und Hoffmann ermahnen Passanten, drängen Neugierige auf Abstand, sprechen über Funk mit anderen Polizeistreifen. Rettungskräfte ringen um das Leben des Mannes. "Neugierige blockieren oft die Wege. Dabei wird die Arbeit verzögert, bei der es um Sekunden geht", sagt Hoffmann. Er blickt hinauf, beobachtet, wie der Mann auf einer Trage durch das Fenster auf die Leiter gehoben wird und beim Transport zum Boden beatmet wird. "Der Blick nach oben ist der wichtigste", sagt er. "Das Gefährliche droht oft von dort."

S. stoppt derweil streng ungeduldige Autofahrer. Erst als der Rettungswagen abfährt, lächelt sie wieder. Drogenkranke aus der Elbestraße winken ihr zu. Spritzen liegen auf dem Boden, Taschentücher voller Blut daneben. "Aufräumen bitte. Das habe ich vorhin schon gesagt", spricht sie leise zu ihnen. Die Leute sammeln den Müll auf. Eine Frau zeigt ihr stolz ihre lila Schuhe. "Guck, habe ich geschenkt bekommen. Null Euro", sagt sie.

Drogenabhängigkeit in Frankfurt: Polizei sucht das Gespräch

Bei Ossip geht es nicht darum, Dealer zu verhaften und auch nicht um Mord und Totschlag. Hinweise und Beobachtungen geben sie weiter an die entsprechenden Stellen bei ihren Kollegen. Hoffmann kennt sich aus mit Drogenkranken. "Sie sind nicht das Böse. Sie sind krank und wir sind dafür da, Ordnung zu halten. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern ist ein langer Prozess. Wenn jemand auf der Straße friert, besorgen wir Decken bei der Bahnhofsmission. Wenn es Ärger gibt, arbeiten wir mit den Hilfseinrichtungen zusammen. Wir lösen Probleme sofort. Keine Zuständigkeit gibt es bei uns nicht", erzählt Hoffmann.

Auch bei der Stadt Frankfurt sind einzelne Dezernate für Ossip zuständig. Dort seien die Wege komplizierter, es gebe nicht einen konkreten Ansprechpartner für alles, sondern viele ohne ständige Präsenz. "Nachts ist niemand erreichbar", so die Polizisten.

Im Rinnstein sucht eine Frau verzweifelt nach Steinchen. Die Beamten beobachten sie. "Crack kommt aus der Hölle", sagt Hoffmann und beschreibt die verheerende psychische Wirkung. "Die Pfeifen sehen harmlos aus, sind es aber nicht. Vor allem dann nicht, wenn die Konsumenten aus prekären Verhältnissen kommen. Sucht ist ein komplexes Thema und hat viel mit Einsamkeit und persönlichen Problemen zu tun." Auch deshalb suchen sie ständig das Gespräch mit den Menschen auf der Straße. Um ihnen das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein. Der Beamte erwähnt das 5-Minuten-Youtube-Video "Sucht". "Das empfehle ich jedem, um zu verstehen, was zu schweren Drogenabhängigkeiten führt und wie schwer der Weg heraus ist."

Drogen-Polizei in Frankfurt: „Immer schön geschmeidig bleiben“

Die Streife fährt weiter zu den Drogeneinrichtungen und checkt die Lage. In einem Park entdecken sie einen Bau aus Regenschirmen und Decken. Habseligkeiten sind da, aber kein Mensch. "Der Bau wächst", so Nathalie S. "Wenn wir die Leute nicht finden, rufen wir die FES. Wenn wir die Leute sehen, bitten wir sie, den Bau zu entfernen." Das Telefon klingelt. Am Nachtcafé gibt es Streit. Die Polizisten reden mit den Männern, die angeben, der jeweils andere habe angefangen. Sie schicken die Streithähne in verschiedene Richtungen.

Auf der Taunusstraße geben Touristen den Hinweis, dass ihnen Drogen angeboten wurden. Hoffmann bedankt sich und gibt die Info per Telefon weiter. "Darum kümmern sich Kollegen", erklärt er. Am Karlsplatz sitzt einer der beiden angetrunkenen Streithähne auf einem Stuhl auf der Straße. Wieder hält die Streife an. Er muss auf den Gehweg. "Sie gefährden sich selbst und andere", bekommt der Mann erklärt. Der grinst, diskutiert über Gott und die Welt und zieht sich nach einer Weile auf den Gehweg zurück. "Ich bleibe hier. Versprochen. Immer schön geschmeidig bleiben." (Sabine Schramek)

Erst vor Kurzem hat die Polizei in Frankfurt eine Großkontrolle im Bahnhofsviertel durchgeführt – und eine Bilanz erstellt.

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