1. Startseite
  2. Frankfurt

Polytechnische Gesellschaft will Frankfurt widerstandsfähiger machen

Erstellt:

Von: Thomas J. Schmidt

Kommentare

Redakteur Thomas J. Schmidt im Gespräch mit Prof. Frank E. P. Dievernich, der heute sein Amt als neuer Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft antritt.
Redakteur Thomas J. Schmidt im Gespräch mit Prof. Frank E. P. Dievernich, der heute sein Amt als neuer Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft antritt. © enrico sauda

Wie der neue Vorstandsvorsitzende Frank Dievernich die Stiftung Polytechnische Gesellschaft für die Zukunft aufstellen will, erklärt er im FNP-Inteview.

Prof. Frank Dievernich hat an der Frankfurt UAS, vormals Fachhochschule, seine Spuren als Präsident hinterlassen. Seine Amtszeit dort endete auf eigenen Wunsch, weil er ein neues Feld beackern will: Er ist seit Samstag Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Redakteur Thomas J. Schmidt hat mit Frank Dievernich über die neuen Aufgaben als Chef der 2006 gegründeten Stiftung gesprochen.

Sie haben heute den ersten Tag als Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Bedauern Sie, dass Sie nicht mehr Präsident der Frankfurt University of Applied Science sind?

Es war ja meine Entscheidung. Ich hätte bleiben können, meine Amtszeit wäre noch weitergegangen. Aber alles, was ich am Anfang versprochen hatte, ist im Wesentlichen umgesetzt.

Was war das?

Um mit einer wichtigen Rahmenbedingung zu beginnen: Mir war es sehr wichtig, die baulichen Maßnahmen voranzutreiben und die Hochschule auf gute finanzielle Füße zu stellen. Das ist gelungen. Zuletzt haben wir weiteres Geld bekommen, fast 87 Millionen Euro, um an der Nibelungenallee das Gebäude 8 neu bauen zu können. Und wir haben unter meiner Federführung einen tollen Hochschulpakt abgeschlossen...

Bei dem die Fachhochschulen sehr gut abgeschnitten haben...

...ja, bei dem wir gut weggekommen sind und so alleine an der Frankfurt UAS in den nächsten Jahren mehr als 100 Professorinnen und Professoren einstellen werden können. Also, an der UAS ist in meiner Amtszeit ganz viel passiert. Vielleicht noch kurz drei inhaltliche Lieblingsprojekte: Das eine ist der Aufbau des Schwerpunkts Persönlichkeitsentwicklung, der eigene Professuren bekommen wird. Dieses Thema ist gut aufgestellt. Das zweite ist das Thema Interdisziplinäre Forschung mit dem neu gegründeten House of Science and Transfer (HoST) in der Hungener Straße. Das dritte schließlich ist das Thema Weiterbildung. Hier haben wir ja den KompetenzCampus gegründet - er ist offen für alle Menschen, die sich beruflich weiterbilden wollen. Also insgesamt ist die Frankfurt UAS gut aufgestellt. Ich hätte also weitermachen können - eine Hochschule ist nie fertig.

Aber Sie machen nicht weiter?

Die Gelegenheit nach langer und erfolgreicher Zeit an der Hochschule ins Stiftungswesen zu wechseln und von dieser Stelle aus einen konkreten und vor allem noch breiteren Beitrag für das Miteinander in meiner Heimatstadt zu leisten, das hat mich schon sehr gereizt. Zudem wollte ich auch mit 52 Jahren noch einmal etwas anderes kennenlernen - und freue mich nun auf die neuen Themenfelder und die neuen Begegnungen, die die Arbeit der Stiftung mit sich bringt. Aber eines bleibt gleich: Ich möchte mich einbringen und dieser Stadt und dem Land dienen.

Erklären Sie mir noch mal, was ist der Unterschied zwischen der Polytechnischen Gesellschaft und der Stiftung Polytechnische Gesellschaft?

Die Polytechnische Gesellschaft ist ein 1816 gegründeter Bürgerverein. Typisch Frankfurterisch haben die in der Tradition der Aufklärung stehenden Polytechniker seitdem zahlreiche Institutionen gegründet: Von der Wöhlerschule über das Institut für Bienenkunde bis zur Frankfurter Sparkasse 1822. Als dann die Sparkasse 2005 verkauft worden ist, wurde mit dem Verkaufserlös die Stiftung Polytechnische Gesellschaft errichtet. Als eine der größten gemeinnützigen Stiftungen Deutschlands setzt sie sich seitdem für die Frankfurter Stadtgesellschaft ein. Wir „tun, was fehlt und nützt“ - so das Motto der Stiftung.

Aber den Verein gab es immer?

Es gibt ihn bis heute und er ist auch sehr aktiv. Herr Mosbrugger, als ehemaliger Generaldirektor Senckenbergs und somit ein prominentes, kluges und innovatives Gesicht Frankfurts, steht ihm als Präsident vor. Die Stiftung ist eine von sieben Tochterinstituten des Vereins Polytechnische Gesellschaft.

Die Stiftung muss ihr Geld anlegen. Wie sieht das denn momentan aus, bei einer Inflation von mehr als sieben Prozent, bei immer noch niedrigen Anlagezinsen, bei sinkenden Aktienkursen?

Man braucht kluge Leute, und ein wichtiger Teil der Arbeit in der Stiftung ist die Vermögensverwaltung. Wir haben eine Verantwortung für das Stiftungskapital und zocken nicht. Es kommt vielmehr darauf an, das Stiftungsvermögen langfristig klug und sicher anzulegen, um auch bei anspruchsvollen Rahmenbedingungen auf den Finanzmärkten möglichst stabile Erträge zu erzielen. Denn daraus finanzieren wir unsere gemeinnützige Arbeit zum Wohle der Frankfurter Bürgerinnen und Bürger. Wie gesagt, das geht nur gut, wenn man langfristig hinschaut und sich eben durch eher kurzfristige Ausschläge nicht vollends irritieren lässt.

Aber Geld konservativ anlegen bei Inflationsraten von acht Prozent bedeutet ja vielleicht, Geld zu verlieren?

Wir hatten 2021 ein Stiftungsvermögen von 461 Millionen Euro und eine Rendite von 8,8 Prozent. Das heißt, dass wir 6,2 Millionen Euro in gemeinnützige Tätigkeit in Frankfurt investieren konnten. Das Kapital ist breit angelegt, und das bedeutet, dass die Stiftung bislang gut durch alle Krisen gekommen ist.

Was machen Sie denn mit den 6,2 Millionen? Meine Beobachtung: Sie bieten viel für Schüler und Schulen. Ist das nötig in Frankfurt, weil wir einen hohen Migrantenanteil haben? Ist es nötig, weil die Schulen nicht mehr viel taugen?

Schulen haben viel zu leisten, wir sind eher komplementär tätig. Ich sehe die Stiftung als unabhängige und dynamische Impulsgeberin und Projektentwicklerin. Unsere Themenfelder sind Bildung, Wissenschaft, Technik, aber es gibt auch Kunst- und Kulturförderung sowie Soziales und Bürgerengagement. Das sind Elemente, für die die Stiftung steht. Es gibt immer wieder Notlagen und Fragestellungen, die ein staatliches System nicht allumfassend abdecken kann. In Frankfurt spielt das Thema der Integration eine große Rolle. Da haben wir zum Beispiel den Deutschsommer und das Diesterweg-Stipendium für Familien entwickelt. Integration beginnt aber auch schon in der Frage, wie Bürger sich für ihre Stadt engagieren, beispielsweise ehrenamtlich. Integration nur an die Migration zu koppeln, wäre zu kurz gesprungen.

Wie verstehen Sie sich mit ihrem Vorstandskollegen Johann-Peter Krommer?

Herr Krommer hat als Finanzchef eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit. Er hat das Wissen der vergangenen 16 Jahre. Ich mag und schätze ihn sehr und freue mich auf die Zusammenarbeit mit ihm und seiner geballten Expertise. Jeder, der neu in ein Amt kommt und glaubt, er könne jetzt alles alleine und anders machen, unterschätzt die Intelligenz der Organisation. Mein Terminplan ist eng getaktet, denn ich möchte zu Beginn meiner Amtszeit zuerst mit allen 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stiftung sprechen, um zu erfahren, was ihr Blick auf die Stiftung ist, was ihre Vorschläge und Ideen sind. Ich möchte ihnen auch skizzieren, was meine Vorstellungen sind. Am Ende wird daraus eine schöne Komposition entstehen; da bin ich ganz sicher.

Was sind Ihre Vorstellungen?

Ich habe mich bewusst für die Stiftung und ihr erfolgreiches Projekt-Portfolio entschieden. Es wäre Quatsch zu sagen, es wird alles anders. Aber: Wir müssen uns evolutionär weiterentwickeln, uns fragen, was im Jahre 2030 gebraucht wird. Wie schaffen wir es, die Neu-Bürger willkommen zu heißen? Wie können wir sie mit dem Ehrenamt in Verbindung bringen? Das ist ein Thema, auf das ich ein Augenmerk richten werde. Ein anderes: Wenn wir an den Klimawandel denken, dürfen wir eine so komplexe Fragestellung nicht nur aus einer Perspektive betrachten. Da spielt vieles mit: Umgang mit Ressourcen, Stadtplanung, Wasser, etc. Wie muss die Stadt sich aufstellen? In Schulen und Hochschulen muss deswegen das Transdisziplinäre geübt werden. Es geht darum ein komplexes Problem direkt aus Perspektiven mehrerer Disziplinen anzugehen - und nicht nur eine nach der andere. Das war das Denken des letzten Jahrhunderts. Ein letzter Punkt: Wenn man auf die Pandemie zurückblickt, auf unsere Bevölkerung in Frankfurt, dann stellt sich die Frage danach, welchen Stellenwert Gesundheit hat. Wie können wir resilienter werden, auch psychisch. Und das brauchen wir angesichts der globalen Herausforderungen und Krisen.

Wollen Sie in Zukunft stärker mit den Handwerkern zusammenarbeiten? Der Verein bestand ja 1816 nicht nur aus Akademikern, sondern aus Bäckern, Metzgern, Schreinern und Maurern.

Exakt. Wir haben eine Wurzel im Handwerk. Die Samstagsschule für begabte Handwerker ist eines der ältesten polytechnischen Projekte - und bis heute sehr erfolgreich. Ich habe als Hochschulpräsident mit der Präsidentin der Handwerkskammer einen Text geschrieben und gesagt: Wir müssen die Menschen wieder in die berufliche Erstausbildung bringen. Das ist wichtiger, als dass alle ganz unreflektiert einfach an die Hochschulen springen. Wichtig ist der Werkunterricht in der Schule. Die Kinder müssen sehr früh erfahren, dass sie mehr können als nur Kopfarbeit. Sie besitzen vielfältige Fähigkeiten und können auch mit ihren Händen gestalten, das ist sehr wichtig, und das ist ja auch polytechnisch. Deswegen werden wir, werde ich, weiter sehr eng mit der Handwerkskammer zusammenarbeiten. Unsere Gesellschaft zukunftsfähig zu gestalten, schaffen wir nur gemeinsam, institutionenübergreifend.

Können Sie sich vorstellen, eine Brückenfunktion zur Frankfurt UAS einzunehmen und da gemeinsame Projekte anzustoßen?

Ich kann mir das vorstellen, ja. Aber ich habe jetzt einen anderen Hut auf und werde nicht verengt auf die Frankfurt UAS schauen. Die Stiftung ist seit jeher mit vielen Institutionen der Stadt vernetzt - es gibt zahlreiche Kooperationen, darunter auch mit allen Frankfurter Hochschulen beispielsweise im Main-Campus-Stipendiatenwerk. Die Einsatzgebiete der Stiftung sind so vielfältig, dass sich ganz bestimmt auch neue Kooperationen ergeben. Letztlich ist meine Aufgabe eine dienende. Der Stiftung dienen, der Stadt und ihren Menschen dienen, den Themen dienen. Ich würde mich extrem freuen, wenn ich den einen oder anderen in der Stadt für die alten, aber auch die neuen Ideen der Stiftung begeistern und gewinnen könnte. Kooperationen, alte wie neue, das ist das Zauberwort, um unser Frankfurt und die Region zukunfts- und lebenswürdig zu gestalten.

Zur Person

Das Symbol der mehr als 200 Jahre alten Polytechnischen Gesellschaft ist ein Bienenkorb. Daran erinnert das Signet der Stiftung. Frank E.P. Dievernich - das E.P. steht für Emmanuel Pierre - hat heute seinen ersten Arbeitstag als Chef der 400 Millionen Euro schweren Organisation. Dievernich ist in Frankfurt geboren und aufgewachsen. Wirtschaftswissenschaften hat er in München studiert, danach hat er in der Schweiz gearbeitet, bis es ihn 2014 zurückgezogen hat nach Frankfurt. Er war dort bis vor kurzem Präsident der UAS. Jetzt will der Wirtschafts-Professor die Geschicke der Stiftung Polytechnische Gesellschaft leiten. (Thomas J. Schmidt)

Auch interessant

Kommentare