Die Folgen einer Corona-Infektion können schwerwiegend sein. Halten die Symptome mehr als  12 Wochen an, spricht man von einer Post-Covid-Erkrankung. (Archivbild)
+
Die Folgen einer Corona-Infektion können schwerwiegend sein. Halten die Symptome mehr als 12 Wochen an, spricht man von einer Post-Covid-Erkrankung. (Archivbild)

Post-Covid

Frankfurt: Nach Corona-Infektion - Experte warnt vor „schwerwiegender Erkrankung“

  • VonMichelle Spillner
    schließen

Reha-Experte Christoph Reimertz warnt eindringlich vor den gesundheitlichen Langzeitfolgen einer Corona-Infektion. Auf diese Post-Covid-Symptome sollten Sie achten.

Frankfurt – Christoph Reimertz ist Chefarzt des BG Service- und Rehabilitationszentrums der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) Frankfurt. Wegen Corona sieht er große Herausforderungen auf den Bereich Rehabilitation zukommen, denn wer eine Covid-Erkrankung übersteht, ist noch lange nicht wieder vollständig hergestellt. Im Interview mit Michelle Spillner spricht er darüber, welches Risiko der einzelne eingeht, wenn er es auf eine Covid-Infektion ankommen lässt. Und er stellt dar, mit welchen langfristigen Herausforderungen Rehamedizin, Gesellschaft und einzelne in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zu tun haben werden.

Am 23. und 24. September findet in Frankfurt das dritte Reha-Symposium der BG Kliniken statt. Sie sind der wissenschaftliche Leiter, und Sie haben ein komplett neues Thema auf die Agenda gesetzt. Welches?

Ein Schwerpunkt in diesem Jahr ist Post Covid, eine Erkrankung, die es bei unserem letzten Symposium vor zwei Jahren noch gar nicht gab. Es gibt eine eigene Sitzung mit fünf Vorträgen zum Thema Covid-19 als Berufserkrankung. Aber Post Covid spielt natürlich in vielen anderen Themen der Rehabilitation und Reintegration eine große Rolle, auch auf unserem Reha-Symposium.

Warum?

Bei einer sehr hohen Anzahl betroffener Patienten mit Post-Covid-Berufserkrankungen werden möglicherweise andere Rehabilitationsformen entwickelt werden müssen. Erste Überlegungen für eine spezifische Post-Covid-Rehabilitation existieren bereits. Auch für das Reha-Management der Unfallversicherungsträger stellt dies, nicht zuletzt auf Grund der Menge der Betroffenen, eine neue Herausforderung dar.

Corona: Post-Covid und Long-Covid – Patienten werden zum Alltag in Praxen und Kliniken gehören

Warum spielt das so eine große Rolle?

Bei den Unfallversicherungsträgern sind bundesweit mittlerweile mehr als 100.000 Anträge für die Anerkennung einer Covid-Infektion als Berufserkrankung eingegangen. Statistisch erleiden etwa 15 Prozent der Menschen dabei einen langen Verlauf über mehr als drei Monate und somit eine Post-Covid-Erkrankung. Und das bezieht sich alleine auf die Menschen, die sich eine Covid-Erkrankung im beruflichen Kontext zugezogen haben. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Post-Covid-Patienten zu unserem Alltag in den Praxen und Kliniken gehören werden.

Was ist der Unterschied zwischen Post Covid und Long Covid?

Long Covid definiert sich dadurch, dass die Beschwerden nach einer Erkrankung über 28 Tage anhalten. Halten diese Beschwerden länger als zwölf Wochen an, dann spricht man von Post Covid.

Dr. Christoph Reimertz ist Chefarzt des BG Service- und Rehabilitationszentrums der BG Unfallklinik Frankfurt.

Corona: Welche Symptome treten bei Post-Covid auf?

Was sind Post Covid-Beschwerden?

Diese Beschwerden sind extrem heterogen und unterschiedlich. Am Anfang ging ja vor allem der Geruchsverlust als Frühsymptom durch die Presse. Tatsächlich haben 85 bis 90 Prozent der Betroffenen Riechstörungen, die aber eine gute Prognose haben und sich oft innerhalb von zwei bis drei Monaten zurückbilden.

Andere Beschwerden sind mitunter sehr viel hartnäckiger, sehr heterogen und sehr weitreichend. Beginnend von neurologischen Beschwerden, über Taubheitsgefühle, Schlaganfälle, Konzentrationsschwächen, Erinnerungslücken, über kardiologische Symptome inklusive Herzinfarkt und Herzrhythmusstörungen, Hautveränderungen, erhebliche Atemprobleme, Kopfschmerzen, oftmals auch ein Fatigue-Syndrom mit schweren Erschöpfungszuständen. Viele klagen über Muskelschmerzen und fehlende psychische und physische Belastbarkeit. Dies führt auch zu einer starken seelischen Belastung. Wir sehen Patienten mit zum Teil sehr schweren Verläufen.

Wie groß ist die Spannweite?

Die Spannweite ist riesig, von denen, die sagen, sie seien insgesamt etwas weniger belastbar, bis hin zu den Patienten, die keine 20 Meter mehr laufen können. Post Covid stellt eine Herausforderung für die Gesellschaft dar. Wir sehen natürlich auch immer die Einzelschicksale hinter der Erkrankung, beispielsweise ein Landwirt mit Post Covid, der einen eigenen Betrieb hat, der steht womöglich vorm Aus, weil er es nicht mehr schafft.

Corona-Erkrankung: Wie lässt sich Post-Covid diagnostizieren und behandeln?

Wie geht man denn mit diesen Patienten um, welche diagnostischen und therapeutischen Ansätze gibt es?

Bei der Diagnostik - und auch bei der Therapie - ist eine sehr hohe Interdisziplinarität notwendig, damit man gemeinsam Behandlungsprioritäten setzen kann. Der Pulmologe, der Neurologe und beispielsweise der Kardiologe müssen sich auf ein abgestimmtes Therapie- und Rehabilitationsprogramm einigen. In den BG Unfallkliniken haben wir einen Post Covid-Check aufgelegt und haben schon jetzt verschiedene Möglichkeiten der Rehabilitation. Alle Fachkompetenzen sind unter einem Dach. Die Patienten müssen nicht monatelang auf Termine bei geeigneten Fachärzten warten. Wir behandeln nach den Leitsätzen des 7. Sozialgesetzbuches "alles aus einer Hand" und "mit allen geeigneten Mitteln". Dadurch können wir Rehabilitation insgesamt ganzheitlicher denken, inklusive der sozialen und beruflichen Reintegration.

Was heißt das?

Bei Arbeitsunfällen und in diesem Fall bei Berufserkrankungen ist es so, dass wir die Patienten von der Rettung über die Rehabilitation bis zur Reintegration durchbehandeln. Das ist bei Unfällen, die nicht im beruflichen Kontext passieren, völlig anders. Es gibt dort eine große Schnittstelle, weil es einen Wechsel des zuständigen Kostenträgers gibt, von der Krankenkasse in die Rentenversicherung. Es gilt das 5. Sozialgesetzbuch, in dem das Gebot der Wirtschaftlichkeit zählt. Das erlaubt nur Leistungen, die ausreichend und zweckmäßig sind und das Notwendige nicht überschreiten. Es gibt zudem den Begriff der Reha-Fähigkeit.

Was bedeutet das?

Das heißt, ein Patient, der aus des Akutbehandlung entlassen wird, kann erst dann in einer Rehaklinik behandelt werden, wenn er "reha-fähig" ist. Dazu muss er in der Lage sein, sich auf Station frei zu bewegen, er muss sich selber waschen, anziehen und ernähren können, und für viele, gerade schwere Fälle, ist das am Ende der Akutbehandlung einfach noch nicht möglich. Diese Patienten fallen dann in ein sogenanntes Rehaloch, werden zu Hause betreut, bis die Reha-Fähigkeit gegeben ist, oder kommen in ein Pflegeheim. Da bleibt Rehapotenzial auf der Strecke.

Corona: Dr. Christoph Reimertz spricht über Post-Covid als Berufskrankheit

Und bei Ihnen ist das anders?

Wir verstehen Rehabilitation ganz anders. Bei uns fängt der Gedanke der Rehabilitation bereits mit der Einlieferung des Patienten in unser Haus an. Es gibt den Begriff der integrierten Rehabilitation. Alle Prozesse unserer Behandlung, beginnend mit der Einlieferung in unsere Klinik, erfolgen mit der Zielsetzung, den Patienten so schnell und so gut wie möglich in sein Sozialleben und in sein Berufsleben zu reintegrieren. Dieses sogenannte Reha-Management gibt es außerhalb der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen nicht.

Wer kennt das nicht? Patienten bekommen vom Hausarzt Überweisungen zu verschiedenen Fachärzten, warten zum Teil Wochen auf Termine, und wenn es blöd läuft, dann unterhält sich A mit B nicht. Gerade bei Post Covid brauchen wir interdisziplinäre Behandlungen, hier ist die enge Zusammenarbeit aller Disziplinen, auch der Krankenpflege und Therapeuten von enormer Bedeutung.

Das heißt Covid kann eine Berufserkrankung sein und dann hat man Aussicht auf eine bessere Diagnostik und Therapie?

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie eine Covid-Erkrankung berufsbezogen erworben werden kann. Das eine ist ein Arbeitsunfall, zum Beispiel durch Kontakt zu einem Covid-Erkrankten. Hierfür ist immer der konkrete Nachweis notwendig. Und dann gibt es die Gesundheitsberufe, wenn ich als Krankenschwester auf der Intensivstation arbeite mit sehr vielen Patienten und ich stecke mich an, kann dies eine Berufserkrankung sein, ohne dass eine Herleitung der konkreten Ansteckung erfolgen muss.

Macht es für Covid-Genesene denn Sinn, im Nachgang noch einmal zu überprüfen, ob ihre Covid-Erkrankung eventuell als Arbeitsunfall anerkannt werden kann?

Bei einer solchen Vermutung können sich Betroffene bei ihrem Arzt melden. Die konkrete Überprüfung jedes Einzelfalls erfolgt über die zuständige BG oder die Unfallkasse.

Wie sieht das Post-Covid-Programm der BG Kliniken aus?

Es besteht aus mehreren Stufen. Das Kernelement ist der Post-Covid-Check. Das ist eine kurzstationäre Maßnahme, bei der der Patient durch Spezialisten aller notwendigen Disziplinen in kurzer Zeit fachärztlich und oftmals auch psychologisch untersucht wird. Wenn nötig, erfolgen alle Zusatzuntersuchungen, wie beispielsweise Labor, EKG oder MRT aber auch psychologische Testungen vor Ort. Nachdem die Diagnostik abgeschlossen ist, wird durch alle Beteiligten ein gemeinsamer Behandlungsfahrplan aufgestellt. Nicht jeder Patient mit Post Covid braucht diese aufwendige Maßnahme. Daher haben wir, auch auf Grund der Vielzahl der Betroffenen, vorher Filterstationen eingebaut. Es gibt einmal eine Post-Covid-Beratung für die Unfallversicherungsträger, wo wir anhand von Patientenakten eine fachärztliche Einschätzung abgeben.

Die zweite Filterstation sind die Post-Covid-Sprechstunden, die wir in Frankfurt seit März dieses Jahres anbieten. Dort werden uns betroffene Patienten mit Post Covid vorgestellt. Auch die Sprechstunde ist nur für BG-Patienten und die Vorstellung ist ausschließlich über die zuständige Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse zu buchen. Nach eingehender Untersuchung und eventueller Zusatzdiagnostik wird da gemeinsam mit dem Patienten entschieden, ob ein stationärer Post-Covid-Check notwendig ist oder andere Verfahren zur Anwendung kommen.

Nach der Corona-Infektion: Wie wird Post-Covid behandelt?

Und dann folgt der Behandlungsfahrplan. Gibt es denn schon eine Covid-Reha?

Das wäre schön. Wir haben es mit einer neuen und in vielen Details noch unbekannten Erkrankung zu tun - einem Chamäleon. Im Moment wissen wir noch zu wenig, um wirklich kausal behandeln zu können. Wir lernen jeden Tag dazu und wir sehen, dass sich häufig Symptome im Laufe der Behandlung langsam zurückbilden. Es besteht daher die Hoffnung, dass Post Covid vielleicht nicht für immer anhält. Die Therapieansätze sind allerdings derzeit noch unspezifisch. Aber auch nach Unfällen behandeln wir ja meistens die Folgen der Verletzung und nicht die Ursachen. Dennoch würde es uns bei der Entwicklung spezifischer Rehaverfahren sicher sehr helfen zu wissen, durch welche Mechanismen die ganz unterschiedlichen Symptome ausgelöst werden.

Inwiefern?

Es gibt verschiedene Gedankenmodelle zur Entstehung von Mikrothromben, Auslösung von Autoimmunprozessen oder starken Entzündungsreaktionen im Körper. Viele Patienten sind vom Fatigue-Syndrom betroffen. Das kennen wir schon seit Jahrzehnten als Folge einer durchlaufenen Infektion. Stark pulmonal betroffene Patienten können in unserer Klinik für Berufserkrankungen in Bad Reichenhall behandelt werden. Auch die Entwicklung und Einführung einer spezifischen Post-Covid-Reha ist denkbar.

Zur Person

Dr. Christoph Reimertz ist Chefarzt des BG Service- und Rehabilitationszentrums der BG Unfallklinik Frankfurt. Er ist außerdem wissenschaftlicher Leiter des Reha-Symposiums, das in dieser Woche in Frankfurt stattfindet, und er hat mit Post Covid ein komplett neues Thema auf die Agenda gesetzt. Er selbst deckt ein großes medizinisches Spektrum ab: Reimertz ist Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie, spezialisiert auf spezielle Unfallchirurgie, Notfallmedizin, Sportmedizin, Sozialmedizin, und zu seinem Portfolio zählen auch physikalische Therapie, Balneologie, fachgebundene Röntgendiagnostik und soziale Schmerztherapie. Für die Rehabilitation Post Covid-Erkrankter brauche es ein sehr hohes Maß an Interdisziplinarität, sagt er, weil die vielfältigen Beschwerden der Post Covid-Erkrankungen so gut wie keinen Bereich des Körpers auslassen.

Was bedeutet das für die Ausgestaltung der Reha?

Zu Beginn legen wir bei der Rehaplanung mit den Patienten Rehaziele fest , die sich an den individuellen Beschwerden orientieren. Da steht natürlich der jeweilige Schwerpunkt der Erkrankung im Vordergrund. Mit Sorge beobachten wir auch, dass in dem Zeitraum, den wir überblicken, sich nicht alle Symptome vollständig zurückbilden.

Möglicherweise lebenslange Corona-Folgen: „Post-Covid ist eine schwerwiegende Erkrankung“

Das heißt, alle, die sich nicht impfen lassen werden sich früher oder später infizieren und müssen auch damit rechnen, dass sie nach einer Erkrankung ihr Leben lang unter den Folgen einer Post-Covid-Erkrankung zu leiden haben?

Post Covid ist eine schwerwiegende Erkrankung und mit weitreichenden, möglicherweise lebenslangen physischen und psychischen Folgen. Die zum Teil völlig absurde öffentliche Diskussion zum Nutzen und Schaden einer Covid-Impfung kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Impfungen sind eine der größten medizinischen Entwicklungen des letzten Jahrhunderts. Sie versetzen den Körper in die Lage, mit Infektionen klarzukommen, die uns sonst in die Knie zwingen. Wir lassen uns kritiklos gegen Tetanus, Masern, Diphterie und Hepatitis impfen und plötzlich findet eine öffentliche Diskussion in sozialen Medien statt, die völlig losgelöst von Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen ist. Zum Glück gibt es auch noch eine Menge vernünftiger Menschen, aber eine Impfquote von 65 Prozent spricht Bände.

Was würden Sie sich wünschen?

Ich wünsche mir einen sachlichen Umgang mit dieser Erkrankung, der auf nüchternen wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert, gesunden Menschenverstand und Menschlichkeit, dass wir alle wieder mehr Verantwortung für uns und damit auch für andere übernehmen. Wer sich schützt, schützt auch andere. (Interview: Michelle Spillner)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare