Der Leiter des Präventionsrates, Klaus-Dieter Strittmatter, ist sich sicher, dass man das Bahnhofsviertel niemals ?klinisch rein? bekommen wird ? aber es gibt positive Ansätze, dass sich die Situation dort bessert.
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Der Leiter des Präventionsrates, Klaus-Dieter Strittmatter, ist sich sicher, dass man das Bahnhofsviertel niemals ?klinisch rein? bekommen wird ? aber es gibt positive Ansätze, dass sich die Situation dort bessert.

Interview mit Klaus-Dieter Strittmatter

Präventionsrat: Bahnhofsviertel wird niemals "klinisch rein"

Mit einem enormen Kraftaufwand hat die Polizei die Dealerszene am Hauptbahnhof zerstreut. Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) betont trotzdem, dass man erst „am Anfang eines langen Wegs“ stehe. Mit der Koordination der Akteure und Maßnahmen im Bahnhofsviertel hat der Stadtrat den Leiter des Präventionsrats, Klaus-Dieter Strittmatter, betraut. Im Montagsinterview mit Christian Scheh sprach Strittmatter über seine neue Aufgabe, die städtische Drogenpolitik und das Sicherheitsgefühl im Bahnhofsviertel.

Mit einem enormen Kraftaufwand hat die Polizei die Dealerszene am Hauptbahnhof zerstreut. Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) betont trotzdem, dass man erst „am Anfang eines langen Wegs“ stehe. Mit der Koordination der Akteure und Maßnahmen im Bahnhofsviertel hat der Stadtrat den Leiter des Präventionsrats, Klaus-Dieter Strittmatter, betraut. Im Montagsinterview mit Christian Scheh sprach Strittmatter über seine neue Aufgabe, die städtische Drogenpolitik und das Sicherheitsgefühl im Bahnhofsviertel. Ordnungsdezernent Markus Frank hat Sie als Koordinator für das Bahnhofsviertel eingesetzt. Das erweckt den Eindruck, als hätten dort bislang alle vor sich hin gewurschtelt, ohne nach links und rechts zu schauen. Wo fehlte es an Koordination?

KLAUS-DIETER STRITTMATTER: Im Bahnhofsgebiet gibt es sehr viele Akteure, das reicht von den Polizei- und Ordnungsbehörden, über die Deutsche Bahn und städtische Institutionen bis hin zu Geschäftsleuten und Anwohnern. Nach den Beschwerden über den Rauschgifthandel hielt es Stadtrat Frank für sinnvoll, einen Koordinator einzusetzen, der den Gesamtüberblick hat und Informationen an die richtige Stelle weiterleitet. Ich habe also eine koordinierende und kommunizierende Aufgabe.

Warum hat das Ordnungsdezernat die Koordination nicht selbst übernommen, sondern an Sie als Leiter des Präventionsrats abgegeben?

STRITTMATTER: Das müssen Sie die Kollegen im Ordnungsdezernat fragen. Ich gehe davon aus, dass es mit den begrenzten Kapazitäten dort zu tun hat.

Böse Zungen behaupten, der Ordnungsdezernent habe die Verantwortung auf Sie abwälzen wollen. . .

STRITTMATTER: Das empfinde ich nicht so. Markus Frank ist der Ordnungsdezernent, deshalb werden große Entscheidungen trotzdem mit ihm in Verbindung gebracht werden. Er hat mich sicher nicht dafür eingesetzt, dass ich für ihn den „Watschen-August“ spiele.

Stadtrat Frank spricht von insgesamt 32 Maßnahmen gegen den Rauschgifthandel in und um den Hauptbahnhof, will diese aber noch nicht komplett aufzählen. Würden Sie das für uns tun?

STRITTMATTER: Nein.

Warum nicht?

STRITTMATTER: Ich will mich nicht gegen das Wort des Dezernenten stellen. Einige Maßnahmen sind ja schon bekannt, etwa die Bildung einer besonderen Aufbauorganisation durch die Landespolizei oder die erhöhte Präsenz der Stadtpolizei; andere Maßnahmen bedürfen noch weiterer Absprachen, bevor sie öffentlich gemacht werden.

Welche der schon ergriffenen Maßnahmen halten Sie für die wichtigste?

STRITTMATTER: Den verstärkten Auftritt der Polizei, der wirklich enorme Wirkung zeigt. Bei meinen letzten Besuchen am Hauptbahnhof waren in der B-Ebene und der Düsseldorfer Straße so gut wie keine Dealer mehr zu sehen.

Daran, dass die Dealer nach wie vor da sind, hat aber kaum jemand Zweifel. Es ist ja auch schon von Verlagerungseffekten berichtet worden. . .

STRITTMATTER: Dass es Verlagerungen gibt, kann niemand ausschließen. Die Dealer handeln letztlich betriebswirtschaftlich: Wenn das Geschäft nicht mehr floriert, muss man es schließen oder an einen anderen Standort umziehen. Die Polizei- und Ordnungsbehörden müssen das ganze Viertel im Blick behalten und der Bildung neuer Handelsorte entgegenwirken.

Beschwerden über die Rauschgiftszene im Bahnhofsviertel, über Dealerei und Konsum auf der Straße gibt es seit vielen Jahren. War es ein Fehler, die Drogenkonsumräume mitten in einem Wohngebiet einzurichten?

STRITTMATTER: Wir haben in fast allen deutschen Großstädten das Problem, dass sich an Hauptbahnhöfen mit angrenzendem Vergnügungsviertel auch eine Rauschgiftszene bildet. Aus Sicht der Stadt war es richtig, die Drogenkonsumräume dort einzurichten, wo die Suchtkranken sind. Ich bezweifle, dass man die Leute von der Straße und in die Konsumräume bekommen hätte, wenn sich diese irgendwo auf der grüne Wiese befunden hätten.

Im Hamburger Stadtteil St. Georg ist es gelungen, eine zerstreute offene Drogenszene vor einem großen Drogenhilfezentrum am Rande des Wohngebiets zu bündeln. Wäre das nicht auch eine Lösung für das Frankfurter Bahnhofsviertel?

STRITTMATTER: Ich weiß nicht, ob man die Lösung für St. Georg Eins zu Eins auf das Frankfurter Bahnhofsviertel übertragen kann. Ich weiß auch nicht, wo am Rande des Bahnhofsviertels man ein solches Drogenhilfezentrum ansiedeln sollte. Über so ein Projekt müsste politisch entschieden werden. Und natürlich müssten die Suchtkranken den Ortswechsel auch erst einmal mitmachen. Die haben ja alle ihre Gewohnheiten, das darf man nicht unterschätzen.

Der Gewerbeverein für das Bahnhofsviertel ist der Ansicht, dass der „Frankfurter Weg“, die Drogenpolitik der Stadt, dringend weiterentwickelt werden müsste. Sehen Sie Ansatzpunkte dafür?

STRITTMATTER: Grundsätzlich ist Stillstand immer schlecht. Im Hinblick auf die veränderte Situation im Bahnhofsviertel mit teureren Wohnungen und mehr Crackkonsumenten muss auch über mögliche Weiterentwicklung des „Frankfurter Wegs“ nachgedacht werden. Der Hilfegedanke muss aus meiner Sicht aber unbedingt erhalten bleiben. Intensiviert werden könnte die Hilfe für Crackkonsumenten, weil die durch ihre Rastlosigkeit und ihren mitunter schlechten Zustand sehr stark auffallen.

Sie kommen von der Polizei, also von der repressiven Seite des „Frankfurter Wegs“, und leiten heute den Präventionsrat. Was kann Prävention im Hinblick auf die Drogenszene leisten?

STRITTMATTER: Ich unterscheide zwischen der sozialen Prävention und der Kriminalprävention. Um die soziale Prävention kümmert sich vor allem das Drogenreferat. Da geht es zum Beispiel um Aufklärung, damit junge Menschen gar nicht erst in eine Drogensucht geraten. Aber auch um Angebote, mit denen Suchtkranke aus der Abhängigkeit geholt werden können. Die Kriminalprävention dreht sich darum, Straftaten vorzubeugen. Wenn Rückzugsräume für die Drogenszene beseitigt oder Geschäfte mit Videokameras ausgestattet werden, hat das ebenso präventiven Charakter wie eine stärkere Polizeipräsenz.

Der Präventionsrat hat Menschen gefunden, die einen Regionalrat für das Bahnhofsviertel gründen werden. Was erhoffen Sie sich davon?

STRITTMATTER: Der Präventionsrat wird die verschiedenen Protagonisten aus dem Bahnhofsviertel vereinen und als Auge und Ohr in den Stadtteil dienen. Das Gremium soll auch die Kommunikation untereinander fördern. Beschwerden und Informationen können dort unkompliziert mitgeteilt, mögliche Lösungen besprochen und in die Wege geleitet werden.

Über die Probleme im Bahnhofsviertel haben sich schon viele Gremien den Kopf zerbrochen, zum Beispiel die Montagsrunde, der Ortsbeirat 1 und der Gewerbeverein. Warum braucht es jetzt noch einen Regionalrat?

STRITTMATTER: Der Regionalrat wird das breiteste Spektrum an Protagonisten haben und stärker als alle anderen Gremien von bürgerschaftlichem Engagement geprägt sein. Die 16 anderen Regionalräte in Frankfurt zeigen uns, dass das gut funktioniert. Die Leute haben ja ein großes Interesse daran, dass sich in ihrem Stadtteil etwas zum Guten verändert.

Müsste die Politik nicht viel klarer sagen: „Wir wollen die Drogenszene im Bahnhofsviertel haben und müssen die damit verbundenen Probleme in Kauf nehmen“?

STRITTMATTER: Ich habe ja schon gesagt, dass wir das Bahnhofsviertel niemals klinisch rein bekommen werden.

Den Bürgern wird aber trotzdem immer suggeriert, dass die Probleme irgendwie gelöst werden. . .

STRITTMATTER: Eine endgültige Lösung wird es meiner Einschätzung nach nicht geben. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass wir sagen können: Wir haben jetzt keine Drogenkonsumenten und Dealer mehr im Viertel. Im Idealfall geht der Rauschgifthandel auf ein kleineres Maß zurück und verlagert sich von der Straße weg, so dass er kein Ärgernis mehr für die Nachbarn ist.

Sie haben schon mehrfach angedeutet, dass Ihnen die Berichterstattung über das Bahnhofsviertel zu negativ ist. Soll das heißen: So schlimm wie dargestellt finden Sie alles nicht?

STRITTMATTER: Es war schon schlimmer als im vergangenen Jahr, es war aber auch schon besser. Ich kann die Menschen verstehen, die im Bahnhofsviertel leben und arbeiten und sich über die Situation beschweren. Wenn sich eine junge Auszubildende auf den Weg zum Hauptbahnhof ihren Weg durch eine Gruppe von Drogendealern bahnen muss, die anzügliche Bemerkungen machen, muss die Polizei einschreiten – und sie hat es ja auch getan. Ich würde sagen, dass das Bahnhofsviertel bei weitem nicht so unsicher ist, wie es auf manche wirkt. Auch unabhängig von den zusätzlichen Einsatzkräften haben wir dort die höchste Polizeidichte der ganzen Stadt. Und die Behauptung, dass es dort am laufenden Band zu Straftaten kommt, geht auch an der Wirklichkeit vorbei. Das Bahnhofsviertel ist so sicher oder unsicher wie viele andere Stadtteile auch.

Das klingt – gemessen an den Probleme der vergangenen Monate – nach einer Verharmlosung.

STRITTMATTER: Die Situation war nicht optimal, darüber müssen wir nicht diskutieren. Aus diesem Grunde hat der Stadtrat Frank ja die Initiative ergriffen und die Institutionen an einen Tisch geholt, um Veränderungen zu erwirken. Ich werbe aber für einen differenzierten Blick auf das Bahnhofsviertel. Alles zu dramatisieren, bringt uns nicht weiter. Es verschlechtert nur das subjektive Sicherheitsgefühl.

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