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Linus (hinten) kuschelt sich in die Ecke, Zähnchen sitzt auf dem Katzenbaum. Eine kleine Klappe führt trotz vergitterter Fenster in den Hof.

Häftlinge und Mitarbeiter der JVA 1 verabschieden sich von „Zähnchen“

Preungesheim: Knast-Katze geht in Rente

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Ein Leben hinter Gittern – und trotzdem freier als mancher Mensch: 17 Jahre lang lebte die kleine schwarze Katze „Zähnchen“ in der JVA 1 in Preungesheim. Gestern ging sie offiziell in den „Ruhestand“.

Draußen ist es nass und kalt, so richtiges Herbstwetter. Zwar könnten Zähnchen und Linus, die beiden Gefängniskatzen, jederzeit durch eine Klappe im Fenster hinaus in den Hof der Justizvollzugsanstalt (JVA) Frankfurt 1. Doch in ihrem kleinen Zimmerchen, das Marika Herwegh für sie hergerichtet hat, ist es viel kuscheliger. „Zähnchen – oder Kätzi, wie sie auch genannt wird – mag es sowieso lieber ruhig mit ihren 17 Jahren. Und Linus ist mit seinen elf Kilo Gewicht zu dick für die Katzenklappe“, erklärt die Leiterin der Vollzugsgeschäftsstelle der JVA.

Katzen hinter Gittern – geht denn das? „Auf Station, also dort, wo die Zellen sind, sind Tiere verboten“, sagt Anstaltsleiter Frank Lob. Aber im Hof und in der „Kammer“ dürfen die beiden Katzen sich frei bewegen. Die „Kammer“ ist jene Abteilung, in der neue Gefangene aufgenommen und eingekleidet werden. Hier ist auch das Katzenzimmer, hier streichen sie auf dem Flur schon mal den Menschen um die Beine, wie Kammer-Mitarbeiter Yonas Berhane erklärt.

Doch die traute Zweisamkeit hat nun ein Ende. „Zähnchen ist zu alt, um sich gegen den größeren, jüngeren Linus noch behaupten zu können“, sagt Marika Herwegh. Und tatsächlich: Ein leichter Schlag mit der Pfote reicht aus und Linus hat Zähnchen von ihrem Lieblingsplatz, einem Kissen neben dem Fenster, vertrieben. Der dicke Kater lässt sich nun selbst dort nieder. „Unsere Pfarrerin, Lotte Jung, schlug vor, sie könnte Zähnchen mit nach Hause nehmen. Sie hat bereits eine Katze und Zähnchen verbringt dort nun ihren Lebensabend.“

Die Katzen lebten bereits im „alten Haus“, wie die JVA-Mitarbeiter das frühere, zu einem großen Teil abgerissene Gebäude der JVA 1 nennen, erklärt Marika Herwegh. „Ein Mitarbeiter brachte Zähnchen und ihre Schwester als kleine Kätzchen von Zuhause mit. Seitdem leben sie hier.“ Die Schwester starb schon vor zehn Jahren. Damit Zähnchen – so genannt wegen eines besonders spitzen Reißzahns – nicht so alleine sei, kam Linus aus einem Tierheim als neuer Gefährte hinzu.

Als der Neubau der JVA 1 im August 2011 bezugsfertig war, fragte Herwegh ihn, was denn mit den Katzen sei, erinnert sich Frank Lob. „Die nehmen wir selbstverständlich mit, habe ich sofort gesagt.“ Seitdem ist die „Kammer“ ihr Zuhause. „In der Werkstatt haben Gefangene sogar eine Treppe aus Holz gebaut, damit Zähnchen einfacher in den Hof gelangen kann.“

Für die Stimmung in der „Kammer“ sei die Anwesenheit der beiden Katzen, sehr gut, erklärt ein „Hauswirtschafter“, also ein Gefangener, der hier arbeitet. Er habe selbst acht Katzen daheim und zwei Hunde, sagt der Mann, dessen Namen wir aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht nennen dürfen. „Es ist irgendwie wie eine Therapie. Das die Tiere hier sind, hebt die Stimmung, es geht entspannter zu.“ Zwar komme nicht jeder mit den Katzen zurecht, selbst gestandene Männer wichen schon mal einen Schritt zurück, wenn Linus sie anknurre. „Aber es gibt auch einige Häftlinge wie mich, von denen die Katzen sich streicheln und füttern lassen.“

Meist kümmert sich aber Marika Herwegh um die Tiere. „Mein erster Gang führt mich morgens in die ,Kammer’, um die Katzen zu füttern, ihr Katzenklo sauber zu machen und nach dem Rechten zu schauen.“ Hier haben sie alles, was sie benötigen: Weiche Kissen, einen Kratz- und Kletterbaum, Gesellschaft. „Und sie können sich auf dem ganzen Innenhof frei bewegen“, sagt Herwegh. Oft sonne sich Zähnchen auf dem Rasen vor der „Kammer“ oder liege unter einem der Autos, die im Hof stehen.

„Linus geht nachts oft mit, wenn unsere Kollegen ihren Kontrollgang im Hof machen“, sagt Herwegh. Dass er zu dick für die Katzenklappe ist, hindert ihn nicht an seinen Ausflügen: Ein paar Meter den Gang hinunter ist eine Schleuse, durch die Mitarbeiter und Gefangene aus der „Kammer“ in den Hof gelangen. „Er sitzt dann vor der Tür und schreit so lange, bis ihn jemand hinaus lässt“, sagt „Kammer“-Leiter Bernd Seipp.

Gestern hieß es also Abschied nehmen: Pfarrerin Jung nahm Zähnchen mit nach Hause. „Sie hat noch einmal extra Streicheleinheiten bekommen, alle haben sich von ihr verabschiedet. Sie wird uns fehlen“, sagt Herwegh. Einen neuen Gefährten für Linus werde es nicht geben. „Meine Kollegin, die sich mit mir und die Tiere kümmert, mit ihnen regelmäßig zum Tierarzt fuhr, geht bald in Rente.“ Kommt nun wieder ein junge Katze, könne sie leicht 15 Jahre oder älter werden – „und auch ich gehe irgendwann in Rente. Dann ist vielleicht niemand mehr da, der sich um die Katzen kümmert.“

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