Musikerin Tigisti Ghebretinsae lebt seit sechs Jahren im Frankfurter Bogen und schätzt das Grün im und um das Viertel .
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Musikerin Tigisti Ghebretinsae lebt seit sechs Jahren im Frankfurter Bogen und schätzt das Grün im und um das Viertel .

Musik

Preungesheim: Sie schreibt, sie singt, sie macht Musik

  • vonDetlef Kinsler
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Die Frankfurter Musikerin Tigisti Ghebretinsae lebt ihre Lieder.

"I write. I sing. I make music." So stellt sich die Frankfurter Musikerin Tigisti auf ihrer Instagram-Seite vor. Ich schreibe, ich singe, ich mache Musik - das klingt nach klassischem Understatement, wo andere große Worte suchen, um sich und ihre Musik vollmundig zu bewerben. "Wenn man es ganz genau nimmt, ist es ja exakt das, was ich tue", hatte die 30-Jährige keine Hintergedanken, als sie die knappe Formel ins Netz stellte. "Klar hätte ich es genauer definieren können, aber ich finde die Idee eigentlich ganz schön, sich auf etwas einzulassen, ohne schon eine Schublade aufgemacht zu haben, und den Leuten so zu ermöglichen, sich selbst einen Eindruck zu machen."

Noch hat Tigisti keine CD aufgenommen, aber im Internet findet man Videos von Auftritten, bei denen sie ihren ausdrucksstarken Gesang selbst mit der akustischen Gitarre begleitet. Als echt, authentisch, persönlich und gefühlvoll haben es die Zuhörerinnen und Zuhörer empfunden, die sie bei ihren Auftritten, etwa im Café Sugar Mama oder bei der "Sommerwerft" am Main erleben durften. Im Januar 2020 ging sie als Gewinnerin aus dem "Song Slam Frankfurt" im Club Orange Peel hervor. Längst wurde sie als Singer/Songwriterin angekündigt. Den Begriff findet sie "neutral genug", um der Fantasie Raum zu lassen. Man mag sich an Joan Armatrading und Tracy Chapman erinnert fühlen. Die eine war Ende der 70er Jahre, die andere zehn Jahre später erfolgreich. "Love And Affection" oder "Fast Car" hießen die Hits. Aber das war lange vor Tigistis Zeit.

Trotzdem kennt sie beide. "Tracy Chapman habe ich früher tatsächlich viel gehört", kennt Tigisti sogar die Klassiker. "Bob Dylan darf auf der Liste auf jeden Fall auch nicht fehlen." Von den aktuellen Acts sind Bon Iver und Glen Hansard echte Impulsgeber. "Bei Hansard habe ich immer das Gefühl, der lebt seine Musik. Ich habe ihn 2012 live gesehen und das war mit eines der besten Konzerte, auf denen ich je war. Man hatte das Gefühl, das Glück zu haben, einer Gruppe von Freunden gerade beim Musikmachen zuschauen zu dürfen." Sie alle eint die Fähigkeit, Geschichten in Liedern zu erzählen. "Das Schreiben war für mich in erster Linie wie eine Art Tagebuch führen, um Gedanken oder Gefühle auf Papier zu bringen und sie zu verarbeiten", lässt Tigisti wissen. Dass daraus Lieder wurden, hat sich erst später ergeben.

Tigisti ist gebürtige Frankfurterin, aber spätestens ihr Nachname Ghebretinsae verrät die ostafrikanischen Wurzeln ihrer Familie. "Die eritreische Kultur an sich hat mich natürlich sehr geprägt, da sie bei uns daheim auch gelebt wurde. Meiner Mutter war es wichtig, dass sie uns vermittelt, wo wir herkommen", erklärt Tigisti. "In Tigrinya ist Tigisti übrigens das Wort für Geduld, und das trifft absolut auf mich zu. Zumindest in den meisten Fällen. Das haben meine Eltern gut gewählt oder gut erzogen, wie man es nimmt", lacht sie. Den Zugang zur Musik der Region findet sie erst langsam. "Vielleicht liegt das daran, dass zuhause, wenn überhaupt, eher nur ältere traditionelle Lieder gespielt wurden", mutmaßt sie. "Erst seit Corona habe ich mich vermehrt mit der Musik abseits der traditionellen Lieder auseinandergesetzt und so z. B. die Welt des Ethio Jazz mit Musikern wie Mulatu Astatke für mich entdeckt." Und sie will ein uraltes, in Äthiopien und Eritrea verbreitetes Zupfinstrument, die Krar, kaufen, spielen lernen und eventuell in ihre Stücke einbinden. Das könnte interessant werden.

Seit sechs Jahren wohnt Tigisti im Frankfurter Bogen. "Ich finde es mega schön, so viel Grün um mich zu haben. Das ist sehr erdend und super, um den Kopf frei zu bekommen und Gedanken zu sammeln, gerade wenn man mit dem Komponieren mal nicht weiterkommt", schwärmt die junge Frau. "Tatsächlich habe ich das jetzt zu Coronazeiten erst so richtig entdeckt. Im Sommer bin ich regelmäßig zum Lohrberg gelaufen und habe dort Zeit verbracht. Zudem war ich fast täglich im Grünen spazieren. Das will ich nach Corona beibehalten. Vorher war ich einfach zu oft unterwegs und nicht zu Hause und habe die Umgebung um den Frankfurter Bogen viel zu wenig genutzt. In der Hinsicht hatte Corona bei mir sogar positive Auswirkungen." DETLEF KINSLER

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